Im Prinzip dreht es sich bei den technischen Lösungen rund um Luftgewehre und Luftpistolen seit jeher meist darum, eine bekannte Bauart konstruktiv zu verbessern und es den Schützen vor allem bequemer zu machen: Also etwa mit weniger Muskelkraft die notwendige Druckluft zu erzeugen oder mit der gleichen Energie nicht nur einen, sondern gleich mehrere Schüsse nacheinander abgeben zu können. Oder statt selbst erzeugter Druckluft ein komprimierbares Gas zu nutzen. Auch die Präzision der verschossenen Projektile ließ sich verbessern – durch gezogene statt innen glatten Läufe, durch ausgetüftelte Bleigeschosse, durch effiziente Ventilsysteme bis hin zur Rückstoßdämpfung und dem elektronischen Abzug mit nur wenigen Gramm Auslösewiderstand.


Zu Anfang des 20. Jahrhunderts waren alle heute modernen Antriebssysteme für Druckluftwaffen bereits erfunden. Presslufttanks, Kompression, Federdruck und auch Kohlendioxid (CO2) das hatten findige Geister in den vier Jahrhunderten vorher bereits alles erdacht, sowohl für den eleganten, friedlichen Schießspaß im Salon, im Garten oder an der Schießbude, aber ebenso auch für das vormilitärische Training von Kadetten, für den Wehrsport oder gar für den Scharfschützen-Einsatz im Krieg. Dazwischen gab und gibt es aber noch zahlreiche Tätigkeitsfelder, die eigene oder abgewandelte Lösungen verlangten, und in Deutschland entwickelte sich vor allem ab Mitte des 20. Jahrhunderts eine komplette Mini-Industrie von Metallbauunternehmen, die das Schießen mit Luft in jeder Form bis zur Olympiareife perfektionierte. Aber der Reihe nach:
Federdruck-Luftgewehre: Federn und Feinmechanik harmonieren
Der Amerikaner Henry Marcus Quackenbush (1847 bis 1933) gilt als Erfinder der Federdruck-Luftgewehre, wie bereits im unten verlinkten Teil 1 beschrieben. Seine Konstruktion, einen von einer Spiralfeder beschleunigten Kolben in einer Röhre vorschnellen zu lassen, erzeugte die Druckluft, mit der sich ein Geschoss durch den Lauf treiben ließ. Auf dieser Basis bauten auch andere Firmen eigene Modelle, in England etwa bei BSA oder Lincoln Jeffries, in Deutschland brachte die Firma Mayer & Grammelspacher ab 1890 ihre "Diana"-Luftgewehre und auch erste Luftpistolen heraus, die zunächst noch das Kürzel MGR trugen (Mayer Grammelspacher Rastatt). Jakob Mayer hatte auch schon 1901 die Idee mit dem Kugelverschluss für Knicklaufluftgewehre, wie er prinzipiell noch heute üblich ist.


Was viele nicht wissen: Die beim Verdichten der Luft stark ansteigende Temperatur im Kolbenraum erreicht kurzzeitig mehrere hundert (!) Grad Celsius. Die sogenannte "adiabatische Kompression" hält zwar nur Sekundenbruchteile an, reicht aber aus, um eventuell im Kolbenraum befindliche Ölreste zu entzünden. Ein übermäßiger “Diesel-Effekt” schadet dem Kolben, sodass man zum Beispiel keine Waffe mit geöltem Lauf senkrecht wegstellen sollte, weil dann das Öl ins System gelangt. Eine geringfügige "Combustion" (Verbrennung), wie der britische Luftgewehr-Forscher Gerald Cardew herausfand, trägt dagegen durchaus zu einer guten Schießleistung bei: Cardew packte ein gespanntes Federdruck-Luftgewehr in einen Plastikbeutel, zog die Luft zu einem Vakuum heraus und schoss dann, mit geringerer Leistung als ein ausgepacktes Modell mit einem Gemisch aus Federdruckluft und minimalen Ölresten. Auch bei Kompressionsluftgewehren, einer weiteren aus dem Mittelalter schon bekannten Antriebsart, können Ölreste zu einem "Dieseln" führen, allerdings schon beim Spannen/Komprimieren über den Spannhebel. Man kennt dieses Phänomen auch, wenn man mit einer Fahrradluftpumpe schlagartig pumpt und dabei die Ventilöffnung der Pumpe mit dem Daumen verschließt: Das wird ganz schön heiß!
Statt eines Systems von Kolben und Stahlfeder gab es übrigens auch einige Abwandlungen, bei denen die Spiralfeder durch ein geeignetes Gas ersetzt wurde. Neben Stickstoff bei den Diana N-Tec-Modellen wurde auch ein aufpumpbares Luftreservoir als "Feder" beim Weihrauch HW90 integriert. In dem in nur wenigen Exemplaren gefertigten Modell EL54 Barakuda von Weihrauch verwendete man auf einen Wattebausch geträufelten Äther als künstlich erzeugten "Diesel-Zusatz" – das unter Sammlern sehr begehrte Luftgewehr schoss allerdings extrem ungleichmäßig und brachte es daher auf keine größeren Stückzahlen.
Von der Not zur Tugend: Der Aufstieg der deutschen Hersteller von Luftgewehren und Luftpistolen ab 1950


Bis zum Zweiten Weltkrieg galten Druckluftwaffen eher als Spielzeuge, zum Freizeitvergnügen und wurden allenfalls zum vormilitärischen Training eingesetzt. Nach Kriegsende war den Deutschen die Waffenherstellung natürlich verboten worden, die Alliierten erlaubten allenfalls einfach Luftgewehre mit zunächst nur glatten Läufen. Fritz Walther, der Sohn des Firmengründers Carl Walther, war von den Amerikanern mit seiner Familie von Zella-Mehlis in Thüringen nach Ulm umgesiedelt worden. Zunächst baute man nur Rechenmaschinen, aber Fritz Walther brachte mit dem Federdruck-Luftgewehr LG 51 das erste wettkampftaugliche Modell auf den Markt, ab 1953 auch mit gezogenem Lauf. Auch einige Diana-Gewehre hatten es versteckt über die Kriegsjahre geschafft; schon 1949 wurde die "Erste Meisterschaft von Alt-Dortmund" ausgetragen. Der Deutsche Schützenbund wurde 1951 in Köln wiedergegründet (hier mehr dazu). Andere, ebenfalls in Baden-Württemberg umgesiedelte Firmen wie Anschütz oder das Diana-Werk in Rastatt, nahmen die Walther-Idee auf und versuchten, ihre Luftgewehre in den 1950er Jahren präziser, schwerer und mit einer besseren Visierung zu bauen. Ab 1961 wurden auch Wettkämpfe mit der Luftpistole in die DSB-Sportordnung aufgenommen. Schon 1953 hatte Fritz Walther mit der Federdruck-Luftpistole LP53 eine wahre Waffen-Ikone geschaffen, die es sogar mit James Bond zu Filmehren brachte (hier mehr dazu).


Bei der 1966 in Wiesbaden ausgetragenen Weltmeisterschaft durfte der Deutsche Schützenbund eine nationale Disziplin hinzunehmen, und mit dem Sieg des Kronacher Büchsenmachers Gerd Kümmet hatte das Luftgewehr-Schießen seinen internationalen Einstand. Auch die anderen Länder des damals noch UIT heißenden Weltverbands (heute ISSF) nahmen die Druckluftdisziplin in ihre Sportregeln auf, aber mit der deutschen Sportwaffenindustrie im Rücken (auch die weltbesten, präzisesten Diabolos wurden von RWS und Haendler & Natermann hierzulande) sollten noch viele deutsche Luftgewehr-Weltmeister und -meisterinnen folgen, etwa Gottfried Kustermann 1970, Oswald Schlipf 1978, Frank Rettkowski 1982 für die DDR, Hans Riederer 1986 und 1990 oder Sonja Pfeilschifter 1998 und 2006. Nach einer Durststrecke von fast zwei Jahrzehnten ohne deutsche Titelträger konnte sich überraschend Maximilian Dallinger 2025 in Kairo erneut den WM-Titel sichern. International haben die anderen Nationen, etwa China und Indien, den Vorsprung der Europäer aus den ersten Luftgewehr-Jahrzehnten aufgeholt.
Bis zur Vormachtposition der Presslufttechnik wurden auch Sportwaffen mit Kompressions- oder CO2-Antrieb eingesetzt


Aktuell führt an der Dominanz von Pressluftgewehren und -pistolen im olympischen Sportschießen kein Weg vorbei. Alle arbeiten mit Vorratstanks unter dem Lauf mit meist 200 bar Fülldruck, aus denen die Mechanik über eine Zwischenkammer die Luftmenge für genau einen Schuss abzapft. Dennoch erfordern andere Einsatzzwecke auch andere Konstruktionen, und da griffen die Konstrukteure auch im 20. Jahrhundert wieder auf die Ideen ihrer Vorfahren zurück.

Die von Paul Giffard etwa, denn der Franzose (siehe Teil 1) hatte unter Druck verflüssigtes CO2 in Tanks gepackt, und die US-Firma Crosman verkleinerte schon in den 1930er Jahren diese Tanks zu 12 Gramm fassende Einweg-Kapseln, den "Powerlets". Und diese waren die Voraussetzung dafür, dass man "Airguns" im Design von scharfen Feuerwaffen gestalten konnte, und auch dafür, diese mehrschüssig funktionieren zu lassen. Denn je nach eingestellter Mündungsgeschwindigkeit konnte eine Kapseln für 30 bis 60 Schuss reichen. Das Schweizer Unternehmen Hämmerli nutzte die Kapseln für eine ganze Familie von CO2-Pistolen wie etwa die fünfschüssige Schnellfeuerpistole Rapid, bis ein Großbrand 1958 die Fertigung in Tiengen und alle Baupläne und Maschinen zerstörte. In den 90er Jahren griff das von Arnsberg und Ulm aus agierende Unternehmen Umarex ein ähnliches System wieder auf. Der Weltmarktführer bei frei verkäuflichen Waffen-Nachbauten schuf ganze Waffen-Klassen rund um die CO2-Kapseln: Von einfachen Modellen für BB-Stahlrundkugeln oder Airsoft-Kügelchen bis zu originalgetreuen Kopien von Walther-Großkaliberpistolen, weil Carl Walther seit 1993 eine Tochterfirma war und man über alle Marken- und Namensrechte verfügte. Von der ab 1996 gebauten Walther CP88 wurden mehr als eine Million Exemplare gefertigt, heute arbeiten diese CO2-Behälter in den Kopien der Walther-Pistolen wie etwa von der PDP, aber auch in Nachbauten von Klassikern wie etwa der Walther PPK/S oder der P38. Ebenso wie in zig anderen Nachbauten berühmter Hersteller, für die Umarex Lizenzverträge zur Namensnutzung abgeschlossen hat wie Beretta, Colt, GLOCK, Heckler & Koch, Ruger und Smith & Wesson. Erst die kleine 12-Gramm-Kapsel machte diese oft "Lookalikes", also Ebenbilder, genannten frei verkäuflichen Luftpistolen möglich.
Auch die Windbüchsen finden sich 500 Jahre später noch in aktuellen Luftgewehren wieder

Mit 1.500 Pumphüben aus einer Handpumpe wurde einst die Girardoni-Windbüchse Modell 1780 betriebsbereit gemacht, in den 1930er Jahren nahmen US-Firmen wie Benjamin-Sheridan oder Daisy das Konzept wieder auf und bauten Mehrfach-Kompressions-Gewehre und -pistolen. Sie arbeiten nämlich unabhängig von Presslufttanks und Kompressoren und benötigen auch keine (etwa einen Euro pro Stück) teuren CO2-Kapseln. Vor allem sind sie dadurch unabhängig von externen Energiequellen, und ihre Mündungsgeschwindigkeit lässt sich bequem (wie einst) durch die Zahl der Pumphübe regulieren. Der britische Konstrukteur John Bowkett (geboren 1948) arbeitete für viele bekannte Waffenhersteller wie etwa BSA oder Titan Developments, baute aber auch eigene Modelle als Custom-Büchsenmacher mit legendärem Ruf. Eines seiner "Single-Stroke"-Modelle begleitete den walisischen Romanautor und Abenteurer Geoffrey Toye auf seinen Expeditionen: Je nach gewünschter Jagd-Energie konnte er die Läufe wechseln, den Druck anpassen oder das demontierte Pumpgewehr transportieren. Hinweise zu einem neuen Buch über Bowketts Schaffen finden Sie unter diesem Artikel.

Deutlich einfacher kann man übrigens mit einem der preisgünstigsten Mehrfach-Pumpluftgewehre in das Windbüchsen-Metier einsteigen: Das von Umarex importierte Modell APX NXG (für Next Generation) ist nicht mehr im Lieferprogramm, aber bei vielen Händlern noch weniger als 80 Euro zu kaufen.
Weiterführende Links und Quellen zu Druckluftwaffen:
- Die Geschichte der Luftgewehre und Luftpistolen, Teil 1: von 1500 bis 1900 (all4shooters)
- 25 Jahre Field Target in Deutschland (all4shooters)
- Diana N-Tec 340: Luftgewehre mit Stickstoff statt Stahlfeder (all4shooters)
Ältere Artikel aus VISIER, als PDF bestellbar im VS Medien Shop:
- Extreme Benchrest – Schießen mit High-Power-Luftgewehren in der Wüste (aus VISIER 10/2020)
- Die Firmengeschichte des Dianawerks Mayer & Grammelspacher (aus VISIER 3/2002)
- John Bowketts Kompressionsluftgewehr Titan Mohawk (aus VISIER 4/1991)
- Weihrauch EL54 Barakuda mit Äther als Treibmittel (aus VISIER 10/1993)
Über John Bowketts Druckluftwaffen ist 2026 ein 220 Seiten starkes, gebundenes Buch in Englisch und einer Kleinauflage von nur 150 Exemplaren erschienen: "Titan England and a few other airguns designed by John Bowkett". Bei Interesse ist der Autor Louis van Hövell über diese Mailadresse zu erreichen.










