Gesundheitsvorsorge beim Schießen: Darauf sollten Sie achten, um Risiken durch Schadstoffe wie etwa Blei und andere Schwermetalle zu minieren

Unverbranntes Pulver, schwermetallhaltiger Feinstaub, Wasserdampf, krebserregende polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) und diverse Gase: Pulverdampf und Schmauch stellen ein giftiges Gemenge dar, dem Sportschützen sich (zwangsläufig) freiwillig aussetzen. Zwar wissen viele um die prinzipiellen Risiken, namentlich eine Bleivergiftung. Doch kaum ein Schütze weiß genau, welche giftigen Stoffe da in welchen Mengen entstehen und wie man sich optimal davor schützen kann. Um die Fragen  –  und einige mehr  –  zu klären, muss man bei den Wurzeln des Übels anfangen: 

Diese Schadstoffquellen bergen beim Schießen Risiken für die Gesundheit in sich:

Schadstoffquelle Nr.  1 − das Zündhütchen

Etwas teurer, aber klar weniger giftig: Bei schadstoffarmer „Nontox“-Munition (rechts) belegen die blitzsauberen Hülsen, dass deutlich weniger giftige Feinstäube entstehen. 

Zum Zünden des Pulvers einer Patrone dienen mit Reaktivstoffen gefüllte Zündhütchen. 1818 von dem Schweizer Joseph Egg erfunden, sind sie bis heute mit einer Mischung diverser Chemikalien gefüllt. Die wichtigsten: Tetrazen, Bleitrinitroresorcinat und Blei-IV-Oxid. In Zündhütchen aus manchen Ländern oder in sehr alter Munition finden sich zudem oft Quecksilber- oder Silberfulminat. Hinzu kommen je nach Hersteller Derivate anderer Schwermetalle wie Barium, Antimon, Kupfer, Silber, Zinn oder Zink. Wird all das beim Zündstiftschlag zur Explosion gebracht, werden insbesondere Bleiverbindungen (zwischen 1 und 7  mg pro Schuss) sowie, je nach Zündhütchen-Art, weitere schwermetallhaltige Substanzen freigesetzt. Sie kommen als Kleinstpartikel (weniger als 1  Mikrometer, kurz μm, bis zu mehreren Hundert Mikrometern groß) in die Raumluft, vermengt mit unverbrannten Pulverresten. Sie setzen sich als Schmauch auf Haut, Kleidung, Ausrüstung und Schießstand-Oberflächen ab  –  ein hochproblematischer Feinstaub: Kleinstpartikel von unter 100  μm werden nicht nur via Einatmen oder Verschlucken aufgenommen, sondern gelangen auch durch Resorption über die Haut in den menschlichen Körper. Und wir alle wissen: Hände und Gesicht werden beim Schießen immer schmutzig  –  sind also stark kontaminiert.

Schadstoffquelle Nr.  2 − das Treibladungspulver

In Indoor-Anlagen wie auch unter freiem Himmel (o.) sind Schützen gesundheitsschädlichem Schmauch und Pulverdampf ausgesetzt. 

Im Vergleich zum Zündhütchen ist das Nitrozellulosepulver (NC-Pulver) moderner Munition aus toxikologischer Sicht recht harmlos. Es verbrennt bei sauberer Zündung fast vollständig zu Wasser, Stickstoff, Kohlendioxid und Kohlenmonoxid  –  auch ohne Luftsauerstoff. Im Gegensatz zum früher allgemein üblichen Schwarzpulver entsteht dabei kaum sichtbarer Rauch. Vielmehr besteht die „Schmutzwolke“, die sich nach einem Schuss vor dem Lauf bildet, größtenteils aus Wasser. Gefährlich ist dieses salopp als „Pulverdampf“ bezeichnete Gemenge trotzdem. Der Grund: Zugunsten von Haltbarkeit, Steuerung der Brandgeschwindigkeit, Unterdrückung des Mündungsfeuers oder Laufhaltbarkeit enthält das NC-Pulver auch diverse Zusätze wie Weichmacher, Sulfatsalze, Nitride oder Azide. Daraus bilden sich beim Pulverabbrand Schadstoffe wie Stickoxide, Formaldehyd, Ammoniak sowie krebserregende Nitrosamine. Und natürlich enthält der Pulverdampf auch unzählige Kleinstpartikel, insbesondere Abriebspuren von ­Geschossmantel und Lauf, aber auch hochgiftige polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), die bei der unvollständigen Verbrennung organischer Substanzen wie Waffenöl oder -fett entstehen. Wie beim Schmauch kann der Mensch auch die Giftstoffe aus dem Pulver über die Atmung, das Verschlucken oder die Haut aufnehmen.

Schadstoffquelle Nr.  3 – das Geschoss

Insbesondere bei Geschossen mit offenem Boden schmelzen die heißen  Treibladungsgase das Blei an und verdampfen geringe Mengen davon.

Blei steckt  –  in metallischer Form  –  in fast allen Geschossen. Dank der Wirkung der bis zu 2.300  °C heißen Pulvergase auf die oft ungeschützten Bleioberflächen des Geschossbodens schmilzt und verdampft bei jedem Schuss etwas Blei. Auch entstehen Blei-Aerosole durch die Reibung der Bleioberflächen nicht ummantelter Geschosse (etwa Kleinkaliberprojektile, Schrotkugeln, Flintenlaufgeschosse) aneinander respektive an der Laufinnenseite. Zudem bildet sich bleihaltiger Feinstaub, sobald die Geschosse im Kugelfang einschlagen und sich dabei teilweise zerlegen. Beim Schießen mit typischen Sportwaffen entstehen zwischen 0,5 bis 36  Gramm Feststoffe pro 1.000  Schuss, davon entfallen 0,2 bis 25  Gramm auf Blei.

Viele Sportschützen haben eine erhöhte Bleikonzentration im Blut. Alle genannten Faktoren zusammen tragen dazu bei, dass dieser Personenkreis ein erhöhtes Risiko für eine schleichende Blei- respektive Schwermetallvergiftung birgt. So wies 2007 bis 2016 eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München im Blut von Schützen Bleibelastungen von bis zu 555  µg nach. Laut Weltgesundheitsorganisa­tion (World Health Organization, WHO) gelten Werte über 250  µg bereits als bedenklich.

So lassen sich die Gefahren durch Schadstoffe beim Schießen verringern:

Moderne Raumschießanlagen sind blitzsauber, hell, spartanisch eingerichtet und verfügen in der Regel über eine Granulat-Kugelfang und eine leistungsstarke Lüftung. Sie werden meist von Behörden, Jägern und Schützen für ein intensives Training genutzt.

Ausreichende und richtige Belüftung in Raumschießanlagen: Wie belastet die Luft einer Raumschießanlage ist, das hängt entscheidend von der Effizienz der Lüftungsanlage ab. Welche Faktoren da eine große Rolle spielen, hat die Abteilung Arbeitsmedizin der Schweizerischen Unfallverhütungsanstalt SUVA über gut 20 Jahre hinweg in einer Studie untersucht. Dafür gab es zwischen 1991 und 2012 in acht Raumschießanlagen der Schweiz 82 personenbezogenen Messungen. Darauf basierte im November 2013 das Factsheet „Bleibelastung in Raumschiessanlagen“, das vier Kriterien für die Lüftung solcher Anlagen definiert: Erstens sollte die Luft stets von den Schützen weg in Richtung Kugelfang strömen (keine Querbelüftung). Zweitens sollten Zu- sowie Abluft nicht an der Decke lokalisiert sein, um Aufwirbelungen von Feinstaub zu vermeiden. Drittens sollte die Luftgeschwindigkeit mindestens 0,25 bis 0,3  m/s betragen. Viertens sollte der Schießraum möglichst spartanisch eingerichtet sein, um Turbulenzen oder gar Rückströmungen zu vermeiden. Bei Messungen in Anlagen mit diesen vier  Kriterien lag die Bleibelastung der Luft selbst bei Verwendung schadstoffreicher Munition unterhalb der Nachweisgrenze (< 0,001  mg/m3).

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Granulatkugelfänge verhindern die Bildung von Geschossnestern in den Haupttrefferzonen.

Material und Wartung des Kugelfangs: Ebenfalls entscheidend, so das SUVA-Papier, sind Art und Aufbau des Kugelfangs. Insbesondere bei „harten“ Kugelfängen (etwa  Stahllamellen) und in schlecht gepflegten Sandkugelfängen (Geschossnester in den Haupttrefferzonen; zu geringe Durchnässung) entstehen große Mengen bleihaltigen Staubs. Weit „gesünder“ sind „weiche“ Kugel­fänge – etwa mit Kunststoff-Granulat-­Füllung. Denn sie bremsen die Projektile meist deformationsfrei ab und das Risiko zur Bildung von Geschossnestern ist wesentlich geringer als bei Sandanlagen.

Auch die Beschaffenheit und Konstruktion der Munition hat Einfluss auf die Bleibelastung des Schützen:

Bei munitionsintensive Übungen mit KK-Pistolen im Kaliber .22 l.r. erhöht sich auch die Schadstoffemission.

Auch Munition spielt eine große Rolle für die Bleibelastung. Laut SUVA-Erhebung ergab sich mit Pistolen-Ordonnanzmunition (Pistolenpatrone  41, Blei im Anzündelement, Teilmantel-Geschoss ohne Heckabdeckung) eine durchschnittliche Bleibelastung des Schützen von 0,628  mg/m3. Auch die im Sport sehr populäre Kleinkalibermunition (.22  l.r., meist bleihaltige Anzündsätze, Bleigeschosse ohne Mantel) führte trotz schwächerer Ladung mit Bleibelastungen von 0,229  mg/m3 zu deutlich höheren Expositionen als gemäß MAK-Wert statthaft (MAK  =  maximal zulässige Arbeitsplatzkonzentration in der Atemluft, für die bei acht Stunden Exposition pro Tag kein Gesundheitsschaden zu ­erwarten ist; für Bleiverbindungen: 0,1  mg/m3). Bei „Nontox“-Munition (=  Zündhütchen ohne Blei, Antimon, Quecksilber und Barium; Vollmantelgeschoss mit geschlossenem Geschossboden) fiel die Bleibelastung indes unter die Nachweisgrenze.

Unterm Strich sollen Personen die häufig Schießen auf folgendes achten, um ihre Gesundheit zu schützen:

Augen auf  bei der Wahl von Trainingsort und Munition! Auch wenn die mittlere Bleibelastung der Luft im Atembereich bei den SUVA-Messungen mit 0,813  mg/m3 klar über dem MAK-Wert von 0,1  mg/m3 lag, gab es laut dem erwähnten Factsheet „im Allgemeinen keine Hinweise auf unzulässige hohe inhalative Bleiexpositionen“. Dies aber nur, weil der Schießsport meist zeitlich begrenzt (zirka zwei Stunden) und zudem in aller Regel nicht täglich ausgeübt wird. Das heißt: Alle Berufswaffenträger oder Sportschützen, die intensiv und regelmäßig trainieren (müssen), sollten sich Lüftungsanlage und Kugelfang genau anschauen. Zudem sollten sie  –  sofern im gewählten Kaliber erhältlich  –  Nontox-Munition verwenden. Die Kosten steigen so zwar an  –  doch die eigene Gesundheit ist bekanntlich unbezahlbar!


Dieser Beitrag erschien auch in der VISIER, Ausgabe 05/2026. Das Heft mit weiteren Infos, Fotos und Tipps zu Thema Gesundheitsvorsorge beim Schießen können Sie im VS Medien-Shop online kaufen. Dort steht es auch als ePaper zur Verfügung.