Der Pistollo 77° − ein außergewöhnlicher Pistolenkarabiner im Kaliber 9x19 mit anders abgebremsten Masseverschluss und weiteren innovativen Konstruktionsmerkmalen

Die Mehrzahl der aktuellen Pistolenkarabiner für die PCC-Disziplinen basiert auf der AR-15-Plattform, sodass sich viele Fabrikate im Erscheinungsbild mehr oder weniger ähneln. Exemplarische Vertreter dieser Gattung sind: 3G Sports Tec 9 Pro in diversen Konfigurationen, Just Right Carbines JRC9 Basic und Sporter, HERA Arms The 9ers PCC XL, JP Enterprises JP-5, Oberland Arms OA-15 BL C9 Sport und OA-15 PR M9, Schmeisser AR-15 9 Slim Line/Sport/Dynamic oder SIG Sauer MPX und T73 Tactical Prometheus. Vom AR-Pfad abweichende Karabiner sind schon dünner gesät und hierzu zählen beispielsweise B&T APC9 Pro, CZ Scorpion EVO 3, Grand Power Stribog, Ruger PC Carbine oder Springfield Armory Kuna. Doch im Vergleich zu all diesen genannten 9x19-Pistolenkarabinern dürfte der hierzulande erst 2025 auf dem Markt erschienene Pistollo 77° sicherlich die ungewöhnlichste Erscheinung sein.

Die Konstruktionsdetails und Ausstattungsmerkmale des  Pistolenkarabiners Pistollo 77°

Seinen Namen hat der Pistolenkarabiner von dem im 77-Grad-Winkel angeordneten Pistol-Cover-Mittelteil, das die Brücke vom unteren Ende des Magazinschachts bis hin zur Optik schlägt. Die Schulterstütze lässt sich samt Abdeckung ohne Werkzeug abnehmen.

Bestehend aus Stahl-, Leichtmetall- und Polymerkunststoff-Komponenten, wirkt der 3,2 kg schwere Karabiner mit seiner kantig-eckigen Kontur ohne irgendwelche hervorstehenden Bedienelemente sowie wahlweise integralem Leuchtpunktvisier mit Schutzkäfig wie von einem anderem Stern. Das Systemgehäuse, der Verschluss, der 256 mm (10,1 Zoll) lange Lauf und Teile der Abzugseinheit werden aus Stahl, das Griffstück, der Handschutz und andere Kleinteile aus Aluminium gefertigt. Das markante „Pistol Cover“-Mittelteil  besteht aus Polymer und schafft eine designtechnische Verbindungslinie zwischen Zieloptik samt Schutzgehäuse, Magazinschacht sowie Magazin samt Bodenplatte. Aus Kunststoff bestehen auch noch weitere Abdeckungen auf der Systemgehäuse- und Schulterstützenoberseite sowie die Schaftkappe. Die erwähnte Mittelpartie ist übrigens der Grund für die ungewöhnliche Modellbezeichnung, weil sie im 77°-Winkel angeordnet ist. Ab Werk wird ein Holosun HS507K X2-Minileuchtpunktvisier mit Solarpanel und grün leuchtendem Multifunktionsabsehen mit 2-MOA-Punkt oder 32-MOA-Kreis sowie einer Kombination aus beiden Zielelementen ausgeliefert. 

Wer den Pistollo 77° nicht mit einem werkseitig montiertet Holosun-Leuchtpunktvisier nutzen möchte, kann ihn auch ohne ordern. Die Picatinny-Rail aus Plastik bleibt dann frei.

Wahlweise steht der Pistollo 77° aber auch nur mit einer MIL-STD-1913-Optikmontageschiene für die Aufrüstung nach individuellen Präferenzen zur Verfügung. Allerdings besteht die Visierschiene aus Kunststoff, sodass man das Gewicht der Optik berücksichtigen und beim Anziehen der Montageschrauben Vorsicht walten lassen muss. Auch bei der Handhabung muss man umdenken. So versteckt sich der Ladehebel für Verschlussmanipulationen flach auf der Handschutzoberseite und wird fürs Handling hochgeklappt. Die Verschlussfang- und eine separate -auslösetaste befinden sich auf der Unterseite des Handschutzes. Der Sicherungshebel und der Magazinauslöser sind beidseitig vorhanden. Interessant ist auch ein aus dem 3D-Drucker stammender Mündungsschutz, der bei Nichtgebrauch aufgesteckt werden kann und als Sicherheitsfeature dient. Apropos Sicherheit: Neben diesem Mündungscover besitzt der tschechische Karabiner eine Schlagbolzensicherung und beim Ausziehen der um maximal 50 mm längenjustierbaren Schulterstütze mit drei Festpositionen wird er automatisch entsichert, um sofort einsatzbereit zu sein. Gefüttert wird der Pistollo 77° mit Glock Gen4-Magazinen, die bei uns natürlich nur eine Kapazität für zehn Patronen aufweisen dürfen.

Entfernt man beim Pistollo 77° die Schulterstütze samt Polymerabdeckung, wir der Blick in das Innenleben mit obenliegender Schließfeder und darunter angeordneter Schlagbolzenfeder frei. Beide Federn bremsen bei diesem Pistolenkarabiner den verzögerten Masseverschluss ab und tragen zur Rückstoßdämpfung bei.

Nicht nur beim Design sondern auch beim Verschlusssystem des tschechischen PCC ist man neue Wege gegangen, sodass man dem Hersteller schon einmal Respekt zollen muss für so viel Erfindungsreichtum und Mut, ausgetretene Pfade zu verlassen. Die längenverstellbare Schulterstütze wird in ihre hinterste, längste Position gezogen und mit der Betätigung eines Druckkopfes kann der Hinterschaft vom Systemträger getrennt werden. Nun hat man freie Sicht auf die Schließfedereinheit, und erkennt eine Federführungsstange und eine als Schließfeder fungierende Schraubenfeder. Zieht man den Ladehebel manuell nach hinten, dann arbeitet man etwa bis zur Hälfte des Weges gegen die Kraft dieser Feder. Erst dann bemerkt man einen deutlich größeren Widerstand, denn unter dieser Feder befindet sich eine zweite, "dämpfende" Schraubenfeder auf der Führungsstange der Schlagbolzeneinheit. Somit werden die im Schuss entstehenden Rücklaufkräfte hier von beiden Federn abgefangen. Ein durchdachtes System, bei dem zwei Federn mit unterschiedlichen Funktionen so kombiniert wurden, um schlussendlich mit vereinten Kräften den Verschluss massiv abzubremsen. Zudem ist der Verschluss mit einem Riegel bestückt, der bei verriegeltem, geschlossenem System nach unten drückt. Wenn im Schuss der Rückstoß auf den Verschlussträger wirkt, wird der untere Riegel freigegeben und der Verschluss kann seinen Rückwärtsmarsch antreten. Diese Kombination aus kraftschlüssiger Verzögerung durch das Federnpaar und formschlüssiger Verzögerung durch den Riegel funktionierte in der Praxis störungs- und einwandfrei.

Präzisionstest: Eindrücke vom Pistollo 77° auf dem Schießstand

An der Unterseite des Handschutzes erkennt man die beiden, separaten quadratischen Tasten für das Arretieren und Lösen des Verschlusses beim Pistollo 77°.

Hinsichtlich des Bedienkonzeptes weiß der Pistollo 77° zu überzeugen. Ein beidseitiges Handling mit links wie rechts vorhandenem Sicherungshebel und Magazinauslöser sowie der vor dem Magazinschacht gelagerten Verschlussfang- und Auslösetaste auf der Handschutzunterseite ist jederzeit gewährleistet. Der eckige Handschutz ermöglicht mit seiner flachen Unterseite auch aufgelegte Anschläge. Zudem lässt er sich mit der Unterstützungshand komplett umgreifen, denn die Visierschiene ist entsprechend hoch ausgelegt, sodass selbst bei Nutzung eines Minileuchtpunktvisiers das Sichtfeld durch die haltende Hand nicht eingeschränkt wird. Der Direktabzug offenbarte bei einem Abzugsgewicht von 1.650 Gramm eine saubere, wiederholgenaue Charakteristik, der das Produzieren von sauberen Treffern unterstützt. 

Durch das innovative, verzögerte Masseverschlusssystem ist ein Rückstoß kaum spürbar. Doch eine Mündungsauslenkung ist durchaus noch vorhanden, wobei hier ein Kompensator sehr hilfreich sein könnte, zumal der 10,1“-Lauf noch genug Gas für die Hochschlagkompensation übriglässt. Mit dem Pistollo 77° lässt sich die Zehn der ISSF-Scheibe auf 50 Meter – auch mit einem Leuchtpunktvisier ohne Vergrößerung – halten. Um die Präzision zu überprüfen haben wir insgesamt sieben Fabriklaborierungen und eine handgeladene aus dem Pistollo 77° geschossen. Die beste 5-Schuss-Gruppe lieferte hier die GECO 124 Grains Hexagon-Matchpatrone mit 36 mm ab und die größte Gruppe stanzte hier die S&B 124 grs FMJ mit 58 mm ins Papier. Die übrigen Streukreise und die Ladedaten unserer matchtauglichen Handlaborierung (48-mm-Gruppe, in diesem Test) finden Sie in der am Ende dieses Beitrages verlinkten caliber-Ausgabe.

Der komplett in seine Hauptbaukomponenten zerlegte Pistollo 77°-Karabiner. Unter der Schulterstütze liegt die lange Schließfeder, darunter ihre Führungsstange und darunter wiederum die Schlagbolzenführungsstange mit aufgeschobener Feder und dem gelben Gummipuffer am hinteren Ende, die über der Schlagbolzeneinheit liegt.

Technische Daten und Preis des PCC Pistollo 77° in 9 mm Luger:

Modell:

Pistollo 77°

System:

Rückstoßlader mit verzögertem Masseverschluss

Kaliber:

9 mm Luger

Magazinkapazität:

10 Patronen

Lauflänge:

256 mm  

Drall:

1-10“ (1:254 mm)

Abzug:

Direktabzug

Abzugsgewicht:

1.650 g

Sicherungen:

Beidseitige 45°-Sicherungshebel am Griffstück, Schlagbolzensicherung

Länge:

720 mm bis 775 mm

Gewicht:

3.200 g

Preis (UVP):

2.900,- Euro

Ausstattung/Ausführung:

längenverstellbare Leichtmetall-/Kunststoff-Schulterstütze mit drei Festpositionen, freistehender Pistolengriff, Leichtmetall-Handschutz, 10-Schuss-Glock-Gen4-Magazin mit speziellem Boden

Das Fazit zum Pistolenkarbiner Pistollo 77° in 9 mm Luger:

Der Pistollo 77° ist ein moderner Pistolenkarabiner mit einem außergewöhnlichen Erscheinungsbild. Dabei handelt es sich bei diesem rundherum sauber verarbeiteten PCC aber keinesfalls um ein pures Designobjekt ohne Praxisnutzen, denn hinter der Fassade verbirgt sich auch eine innovative Technik, die den Rückstoß auf ein Minimum reduziert. Auch das Handling mit den separaten Verschlussfang- und Auslösetasten auf der Handschutzunterseite ist durchaus durchdacht und clever gelöst. In Sachen Funktion und Schussleistung gab es nichts zu beanstanden. Der einzige kleine Schönheitsfehler ist die Optikmontageschiene aus Kunststoff, die die Auswahl von Optiken hinsichtlich ihres Gewichts einschränkt. Den Pistollo 77°-Karabiner gibt es serienmäßig mit den verschiedenen Cerakote-Oberflächenfinishs namens Fire (Rot), Burnt Bronze (Erdfarbton), Navy (Blau) und Sniper Gray (Grau). Die Waffe kann laut Hersteller mit unterschiedlichen MIL-STD-1913-Montageschienen, Schulterstützenkonfigurationen oder Sonderfinishs individuell aufgerüstet werden. Das Verfahren für den BKA-Bescheid und die Zulassung für das sportliche Schießen läuft derzeit noch. Vertrieben wird der PCC der besonderen Art durch das junge Unternehmen BlueGun GmbH aus Pulheim. Der reguläre Standardpreis für den Pistollo 77° beträgt 2.900,- Euro, wobei aktuell zur deutschen Markteinführung ein Preis von 2.500,- Euro angegeben wird. Das ist für einen der in Technik und Aussehen außergewöhnlichsten Pistolenkarabiner auf dem Weltmarkt sicherlich nicht zu viel verlangt.


Text: Stefan Perey und Michael Fischer

Dieser Artikel erschien auch in der caliber, Ausgabe 06/2026. Dort sind zusätzlich alle Schießergebnisse (8 Laborierungen) inklusive Ladedaten für eine Handlaborierung in der praktischen Übersichtstabelle sowie weitere technische Detailfotos von der Waffe enthalten. Das Heft können Sie im VS Medien-Shop online kaufen. Dort steht es auch als ePaper zur Verfügung.

Für weitere  Informationen besuchen Sie die Webseiten www.pistollo.com und www.bluegun.online