Erste Hilfe für Jäger und Sportschützen − Ausrüstung und Tipps aus der taktischen medizinischen Notfallversorgung

Es wäre ratsam, wenn heutzutage das richtige Verhalten bei einem Herzinfarkt oder Schlaganfall, die Schock- und stabile Seitenlage sowie die korrekten Maßnahmen bei Verbrennungen oder Knochenbrüchen ebenso wie die psychologische Komponente und das Einleiten einer Rettungskette jedem allgemein bekannt wären. Auch wenn der Ernstfall auf dem Schießstand oder im Revier nur selten vorkommt und hoffentlich nie eintreten möge, birgt der Umgang mit Schusswaffen prinzipiell zusätzliche Risikofaktoren mit gravierendem Verletzungspotential. Deshalb ist es wichtig, einige grundlegende Techniken zur Selbst- und Kameradenhilfe zu kennen, die in der Verwundetenversorgung im Gefecht in den frühen 1990er Jahren entstanden, was international unter dem Begriff „Tactical Combat Casualty Care“ (TCCC) bekannt ist.

Taktische medizinische Notfallversorgung: Erste Hilfe für Jäger und Sportschützen
Die vier hauptsächlichen Hilfsmittel der medizinischen Notfallversorgung (von links oben): Israeli-Bandage (Druckverbandgurt), Tourniquet (Aderpresse), Chest Seal (Brustkorbpflaster), Responder Gauze (saugfähige Mullbinde).

Revier-Risiken: Besondere Gefahren bei der Jagd

Neben Schussverletzungen sind die Gefahrenquellen gerade bei der Jagdausübung mannigfaltig und können unter anderem Stürze, Tierangriffe, Schnittverletzungen aber auch Unterkühlung (Hypothermie) und Hitzeerschöpfung beinhalten. Jagdgebiete – aber auch Außenschießstände – sind oft unwegsam und schwierig zu begehen. Stürze von Hochsitzen, Felsen oder unebenem Gelände können zu Brüchen, Verstauchungen oder gar schweren Kopfverletzungen führen. Eine schnelle Stabilisierung und Versorgung der Verletzungen sind hier von entscheidender Bedeutung. Neben Hunden sind es im europäischen Bereich meist Wildschweine, die bei einer Attacke erhebliche Verletzungen verursachen können. Bei Auslandsjagden auf dem schwarzen Kontinent traf dies, gerade in den letzten Monaten 2024, im besonderen Maße auf die Kaffernbüffel zu. Bisse und oberflächliche Verletzungen müssen sofort desinfiziert und verbunden werden, um Infektionen zu vermeiden. Brüche müssen geschient, der Kopf stabilisiert werden. Bei der Hege und Pflege im Revier wird oft mit Messern, Äxten, Sägen und anderen scharfgeschliffenen Werkzeugen hantiert, mit denen man sich oder andere Zwei- aber auch Vierbeiner (wie den eigenen Jagdhund) verletzen kann. Eine schnelle Versorgung ist wichtig, um Blutverlust und Infektionen zu verhindern. Extreme Wetterbedingungen können ebenfalls zu Gesundheitsproblemen führen, sei es bei einem langen Ausflug in der Natur oder gegen Ende eines kräftezehrenden Wettkampftages. Hypothermie im Winter und Hitzeerschöpfung im Sommer sind ernste Zustände, die sofortige Maßnahmen wie das Anlegen einer Wärmedecke oder das Aufsuchen von Schatten sowie das Zuführen von Flüssigkeit erfordern.

Schnelles Handeln hilft 

In vielen Gebieten ist professionelle medizinische Hilfe oft nicht sofort verfügbar. Eine schnelle Reaktion kann den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen. Durch die sofortige Erstversorgung können Komplikationen wie schwere Blutungen, Infektionen oder Schockzustände verhindert oder gemildert werden. In der Schützengruppe ist es wichtig, dass jeder in der Lage ist, sich selbst und anderen zu helfen. Dies stärkt das Vertrauen und die Sicherheit innerhalb der Gemeinschaft. Mit den richtigen Fähigkeiten und Ausrüstungen können Verletzte stabilisiert und ihre Überlebenschancen erheblich verbessert werden, bis professionelle Hilfe eintrifft.

Erste Hilfe: Kennen Sie die vier "C"? 

Taktische medizinische Notfallversorgung: Erste Hilfe für Jäger und Sportschützen
Realistisches Trainingsmaterial dient der mentalen Abhärtung und kann dabei helfen, im Ernstfall nicht in Schockstarre zu verfallen und rational handeln zu können.

Mental starke Menschen mit gesundem Selbstvertrauen und einem dynamischen Selbstbild, die offen, gelassen und gut vorbereitet an eine Aufgabe herangehen, haben meist auch noch das nötige Quäntchen Glück. Solche Charaktere können mit Versagensängsten oder Fehlerpanik umgehen und beherzigen dennoch den Grundsatz „kenne deine Grenzen“. Es ist durchaus hilfreich, sich – wie nahezu alle Leistungssportler und elitäre Berufswaffenträger – mit mentalem Training zu beschäftigen, weil man so bei körperlichen Anstrengungen dazu im Stande ist, mehr Leistung zu zeigen.

Ein simpler Leitfaden sind hierbei die „vier C der mentalen Stärke“ (mental toughness), die den Weg zum Erfolg ebnen:

  • Control: Das Wissen, dass jeder seine Gefühle und Gedanken kontrollieren kann;
  • Confidence: Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die Selbstsicherheit im Umgang mit anderen.
  • Challenge: Die Fähigkeit, Aufgaben als Herausforderung und eben nicht als Bedrohung zu sehen.
  • Commitment: Die Bereitschaft, sich voll für die Aufgabe zu engagieren und sich anzustrengen, vor allem dann, wenn die Umstände widrig werden. 

Zahlreiche Studien belegen, dass weder ein hoher IQ noch exzellente Abschlüsse oder die allerbeste, teure Hightech-Ausrüstung eine drohende Niederlage in einen Sieg verwandeln. Die Einstellung entscheidet. Es gibt Fachliteratur, Internetbeiträge und viele Seminare rund um das Thema mentale Stärke.

Essentielles Equipment 

Mit allen notwendigen Utensilien zusammengestellte Trauma-Kits, die wasserdicht verschlossen sind, sind im Fachhandel erhältlich. Empfehlenswert ist hier beispielsweise das taktische „Rhino Rescue Kit“ für rund 40 Euro. Es gibt aber auch viele andere Komplettsets für die medizinische Notfall-Erstversorgung von diversen Anbietern. Am besten befestigen Sie ihr IFAK- oder Medic-Pack in einer kleinen, wasserabweisenden Tasche außen an Ihrem Rucksack und versehen es mit einem kleinen roten Kreuz. Auch hier ist das Angebot an passenden Etuis mit Klettflächen für die Individualisierung mittels Patches riesig. Verlassen Sie sich nicht auf andere, selbst professionelle Rettungssanitäter sind manchmal ungenügend ausgerüstet.

Fundamentaler Verhaltenskodex 

Stellen Sie am Unfallort zuerst die Sicherheit her. Sind alle Waffen entladen, alle Gefahrenquellen eliminiert, alle anderen Jäger/Schützen informiert? Nach Herstellung der Sicherheit folgt der „Bodycheck“ beim Verunfallten. Gehen Sie den Körper mit den Händen abstreifend von oben nach unten ab, um zu erkennen und zu analysieren, welche Verletzungen vorliegen. Wichtig, denken Sie an das Tragen von Handschuhen und den Einsatz von Desinfektionsmittel. Im nächsten Schritt wird der genaue Standort bestimmt (GPS-Koordinaten) sowie eventuell Markierungen zum Auffinden für nachrückende Helfer ausgelegt (Knicklichter). Nun wird geklärt, ob die Möglichkeit besteht, mittels Telefon, Funk oder Entsendens eines Helfers Unterstützung anzufordern. Bei der Beschreibung der Position bitte einfache, klare Worte verwenden. Kann ein Fahrzeug herangeführt werden oder muss gar ein Hubschrauber kommen? Gerade im Ausland sollte man Notfallnummern und Kontakte immer im persönlichen Zugriff haben, am besten gleich in mehrfacher Ausführung. Aufgrund des möglichen längeren Zeitraumes, der bis zum Eintreffen von professionellen Helfern (Ärzte, Ranger, Bergwacht) vergeht, ist es wichtig, die Zeiten zu notieren.

Die 4 wichtigsten TCCC-Mittel 

Taktische medizinische Notfallversorgung: Erste Hilfe für Jäger und Sportschützen
Israeli-Bandage, ein aus stabilem Material bestehender Druckverbandgurt mit integrierter Wundauflage, im Einsatz.

Israeli-Bandage (Notfallverband mit Fixierklemme): Diese multifunktionale Bandage dient zur Druckausübung auf Wunden und zur Stabilisierung von Frakturen. Sie ist einfach anzuwenden und äußerst effektiv. Grundsätzliche Anwendungsweise: Wunde identifizieren und bewerten, handelt es sich um eine oberflächliche Verletzung oder starke Blutung? Druck auf die Wunde bringen, Bandage öffnen und die Kompresse auf der Wunde platzieren. Wickeln Sie die Israeli-Bandage unter ständigem Zug bis die Befestigungsmöglichkeit erscheint. Sichern Sie die Bandage und überprüfen Sie, ob die Blutung unter Kontrolle ist. Ist das nicht der Fall, sollte man im nächsten Schritt zum Tourniquet greifen.

In den letzten Jahren – nach den Erfahrungen des australischen SAS – wird eine Druckbandage und nicht ein komplettes, blutstauendes Abbinden bei einem Giftschlangenbiss in die Extremitäten empfohlen.

Verhaltensregeln bei Schlangenbiss in Kurzform: Ruhe bewahren, den Verletzten hinlegen, die Spezies feststellen. Ein Auswaschen und leichtes Ausdrücken der Bisswunde ist möglich, bringt aber meist nicht viel. Kein Absaugen mit dem Mund, kein Ausbrennen, kein Aufschneiden/Drainageschnitt, kein Gegengift durch Amateure im Busch. Dafür leichtes, großflächiges Druckumwickeln der Wunde mit Bandage/Mullbinde, um die Blutzirkulation zu verlangsamen. Gleichzeitig wird qualifizierte Hilfe schnellstmöglich zugeführt.

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Tourniquet, ein Abbindesystem mit Hebel zur Stillung starkblutender Extremitätenwunden.

Tourniquet (Aderpresse): Ein Tourniquet ist unerlässlich für die Kontrolle starker Blutungen an den Extremitäten, wenn eine Israeli-Bandage nicht mehr ausreicht. Es kann innerhalb von Sekunden angelegt und zugezogen werden, was den lebensbedrohlichen Blutverlust stoppt. Im Notfall lässt sich dieses Hilfsmittel auch improvisiert mit einem Tuch, Gürtel, einer Krawatte und einem Zielfernrohr, Stock und ähnlichem behelfsmäßig herstellen.

Grundsätzliche Anwendungsweise: Wunde identifizieren und bewerten, handelt es sich um eine oberflächliche Verletzung oder starke Blutung? Druck auf die Wunde bringen, Tourniquet öffnen und mindestens fünf Zentimeter oberhalb der Verletzung anlegen (nicht am Knie- oder Ellenbogengelenk). Das Band so fest wie möglich anziehen, ein „zu fest“ gibt es quasi nicht. Den Knebel so lange angezogen lassen, bis die Blutung unter Kontrolle und ein Arzt anwesend ist.

Sichern Sie den Knebel und das übrige Band gegen versehentliches Öffnen, vermeiden Sie Bewegung und kontrollieren sie ständig die Blutungsquelle.

Überprüfen Sie, ob die Blutung unter Kontrolle ist, wenn nicht, ein weiteres Tourniquet darüber anlegen. Die Anwendungshöchstdauer beträgt etwa drei Stunden.

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Chest Seal, ein spezielles Pflaster zur Vermeidung eines Pneumothorax bei offenen Brustkorbverletzungen.

Chest Seal (Brustkorbpflaster): Ein Chest Seal ist wichtig für die Behandlung von offenen Brustverletzungen, die zu einem Pneumothorax (Kollaps der Lunge) führen können. Es versiegelt die Wunde von außen am Brustkorb und verhindert das weitere Eindringen von Luft.

Grundsätzliche Anwendungsweise: Stellen Sie eine Verletzung zwischen Hals und Bauchnabel am Torso des Verletzten (Brust, Rücken, Flanken) fest und verschlechtert sich die Atmung der Person, setzen Sie ein Lungenpflaster zur Verlangsamung eines möglichen Spannungs-Pneumothorax ein.

Säubern Sie die Wunde und sorgen Sie für eine trockene Haut im Umfeld der Verletzung. Platzieren Sie das Brustsiegel mittig auf der Wunde und streifen Sie es nach außen ab. Beobachten Sie die Atmung des Verletzten, wird diese nach Anlage des Brustsiegels schlechter, entfernen Sie es wieder.

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Responder Gauze, ein sehr saugfähiger Mullverband zum Austamponieren von tieferen Wunden.

Responder Gauze (Wundtamponage): Die Gaze ist zur Wundversorgung und Blutstillung vielseitig einsetzbar, hauptsächlich im Übergang von Extremitäten zum Rumpf, Leiste oder Achseln. Es sollten immer mehrere Päckchen vorhanden sein, um multiple Verletzungen behandeln zu können.

Grundsätzliche Anwendungsweise: Wunde identifizieren und bewerten, handelt es sich um eine oberflächliche Verletzung oder starke Blutung? Druck auf die Wunde ausüben; bilden Sie eine Kugel aus dem Anfang der Gaze und reinigen Sie die Wunde, um die Blutungsquelle zu identifizieren. Tamponieren Sie die Wunde mit dem Beginn an der Blutungsquelle komplett aus, platzieren Sie den Rest des Mullmaterials auf der Wunde und üben Sie Druck auf die Verletzung aus (Herstellerangabe beachten). Ist die Blutung kontrolliert, sichern Sie die tamponierte Wunde mit einem Druckverband. Auch hier gilt: Bewegung vermeiden und ständig die Blutungsquelle kontrollieren.

Taktische medizinische Notfallversorgung: Erste Hilfe für Jäger und Sportschützen
Eine Rettungsschere sollte unbedingt Bestandteil der persönlichen IFAK-Ausrüstung sein, hier das Modell Leatherman Raptor Response im ausgeklappten Zustand.

Sinnvolle Zusatzausrüstung 

Taktische medizinische Notfallversorgung: Erste Hilfe für Jäger und Sportschützen
Ein Leatherman-Multitool in Kombination mit einer Rettungsschere ist ideal für unterwegs und passt in jeden Rucksack oder jede Range Bag.

Eine stabile, scharfe Rettungsschere ist notwendig, um Kleidung oder Verbände schnell und sicher zu durchtrennen, ohne die verletzte Person weiter zu gefährden. Hierbei hat sich besonders die Leatherman Raptor Rescue oder Raptor Response bewährt, die rund 110 Euro respektive 95 Euro kosten und viele weitere Zusatzfunktionen besitzen. Solche Rettungsscheren sind die ideale Ergänzung zu einem typischen Leatherman-Multifunktions-Werkzeug, weil sie mit ihren kompakten Dimensionen überall Platz finden und in unzugänglichen Gebieten viele Möglichkeiten der Nutzung offerieren. Für kleinere Verletzungen sind ein Desinfektionsfläschchen, Pflaster, Dreieckstuch und einfache Mullbinden hilfreich. Fortgeschrittene Techniken – wie beispielsweise das Anwenden eines Wendel- oder Guedel-Tubus, einer Entlastungspunktionsnadel oder Arterienklemme – sollten nur von Ärzten oder dazu ausgebildeten Sanitätern angewendet werden. Auf eine Medikamentengabe (Schmerzmittel, Opiate) ist normalerweise zu verzichten. Weitab in der Wildnis (Alaska, asiatischen Gebirgszügen, Zentralafrika) kann das aber dennoch eine Option sein. Informieren Sie sich vor Ort über Lösungsmöglichkeiten, weil eine Mitnahme dieser verschreibungspflichtigen Medikamente aus Deutschland eingeschränkt ist.


Disclaimer! Die hier vorgestellten Techniken können richtig angewandt im Notfall Leben retten. Dieser Beitrag dient lediglich der Aufmerksamkeitsschärfung für das Thema, ersetzt keine Erstrettungskurse oder gar ärztliche Behandlungen. Eine Haftung oder Garantie kann von den Autoren oder dem Verlag nicht übernommen werden.

Dieser Artikel erschien auch in der caliber, Ausgabe 6/2026. Das Heft können Sie im VS Medien-Shop online kaufen. Dort steht es auch als ePaper zu Verfügung.