Patronen für die Großwildjagd, Teil 9: Die .404 Jeffery als günstige Lösung für Mauser-Standardsysteme 

Mauser 66S in .404 Jeffery
Bürgerliche „Big Bore“: Eine Mauser 66S in .404 Jeffery mit Teleskopverschluss zeugt von deutscher Ingenieurskunst und Wertarbeit.

Waffen- und munitionstechnisch waren im Zeitraum von 1860 bis 1930 das britische Königreich und Deutschland die Innovationsschmieden schlechthin. Vieles aus der damaligen guten alten Zeit hat bis heute überdauert. In unserer Reihe betrachten wir eine Auswahl an interessanten Patronenentwicklungen und streifen lediglich die parallel dazu geschaffene Waffentechnik (alle Links zu den bisherigen Folgen stehen unter diesem Beitrag). Auf der Insel gab es marketingtechnisch zwei völlig verschiedene Ansätze. Während ein Lager die Ansicht vertrat, alles aus einer Hand dem Kunden zu offerieren (bei Westley Richards gab es damals vom Angelhaken bis hin zum Gewehr alles, was das Herz begehrte) und diesen somit dauerhaft zu binden, setzte die andere Seite auf die Karte, ein Produkt zu entwickeln, und dies allen Käufern anzubieten, was sich in der Retrospektive als der bessere Ansatz herausgestellt hat.

Patronen-Entwicklungen und ihre Nutzung

Einführungsjahr

Kaliber

Erfinder

für Allgemeinheit

„proprietary cartridge“

1880

.450/.400 – 3¼“ Nitro Express

 

ja

 

ca. 1890

.500/.450 Nitro Express

Holland & Holland

 

ja

1896

.450/.400 – 3“ Nitro Express

William J. Jeffery

ja

 

1898

.450 Nitro Express

Rigby

 

ja

1903

.600 Nitro Express

William J. Jeffery

ja

 

1903

.450 Nitro Express No. 2

William J. Jeffery

ja

 

1905

.404 Jeffery

William J. Jeffery

ja

 

1907

.475 Nitro Express No. 2

Eley

ja

 

1907

.475 Nitro Express No. 2

William J. Jeffery

 

ja

1907

.500/.465 Nitro Express

Holland & Holland

 

ja

1907

.476 Westley Richards

Westley Richards

 

ja

1907

.470 Nitro Express

Joseph Lang

ja

 

1909

.425 Westley Richards

Westley Richards

 

ja

1912

.375 Holland & Holland Magnum

Holland & Holland

ja

 

Firmen, die keinen bunten „Bauchladen“ anbieten konnten, versuchten die Kundenbindung zumindest mit eigenen Kaliberkreationen, den sogenannten „proprietary cartridges“, zu realisieren. Wieder einmal war es die Firma William Jackmann Jeffery, der mit der .404 Jeffery ein genialer Wurf gelang. Der Zugang zu langen Mauser-Magnum-Systemen war Jeffery verwehrt. Hier hatte Rigby den Zuschlag erhalten. Jeffery zog das Pferd von hinten auf. Es sollte eine Patrone geschaffen werden, die in ein standardmäßiges 98er-System passt und die in Sachen Leistung einer .416 Rigby fast gleich kommt. Ballistisch gesehen eine Herausforderung, denn irgendwo musste das viele Cordite-Treibladungspulver ja verstaut werden.

Einzelanfertigung nach Kundenwunsch: Ein FZH 98er in Linksausführung in .404 Jeffery
Einzelanfertigung nach Kundenwunsch: Ein FZH 98er in Linksausführung in .404 Jeffery.

Also wurde entschieden, den Geschossdurchmesser auf unübliche .423" (10,74 mm) zu erhöhen. Der Schulterwinkel von extrem flachen 17° lässt die Patrone hervorragend ins Lager wandern. Hinsichtlich der ballistischen Leistungsfähigkeit ist das Kaliber mit der .416 Rigby und .416 Remington Magnum vergleichbar. Die Mündungsgeschwindigkeit ist, je nach Laborierung, zwischen knapp über 600 bis an die 800 m/s und die Mündungsenergie zwischen 5.500 bis fast 6.500 Joule angesiedelt. Viele Wildschutzreservate rüsteten damit ihre Park Ranger in Tanganyika (heute Tansania), Uganda, Kenia, Nord- und Süd-Rhodesien (heute Sambia und Simbabwe) und Nyasaland (heute Malawi) aus, die mit diesem Werkzeug jahrzehntelang ihre Arbeit im Busch erledigten. 

Dann begann das Licht der .404 Jeffery etwas zu verblassen, nachdem sich viele Unfälle ereigneten. Major Bruce Kinloch, der letzte englische Chief Game Warden von Tanganyika, berichtet, dass es dabei gar nicht an der Patrone lag, sondern an den verwendeten „Ersatz-Systemen“ aus US-Fertigung, die häufig Ladehemmungen verursachten. Falsch gehärtete Auszieherkrallen brachen reihenweise ab. Beim Laden kam es vor, dass die zu stramme Magazinfeder gleich alle Patronen auf einmal aus dem Kasten springen ließ. Anstatt auf bewährtes Material, wie die Form von 98er-Systemen, zu setzen, wurde der Fokus auf schnelle Verfügbarkeit und auf den Preis gesetzt. Dieses Priorisieren bezahlte mancher Wildhüter mit dem Leben.

Großwildkaliber als Statussymbol: .416 Rigby für die Herrenjäger, dagegen die .404 Jeffery für das schmalere Budget 

Die dritte Generation des sauber gefertigten Teleskopverschlusses der Mauser 66-Gewehrbaureihe steht bei Kennern hoch im Kurs.
Mauser 66S Kimme
Eine voll verstellbare Buckhorn-Kimme bildet bei der Mauser 66S das Gegenstück zum Perlkorn.
Korn gewechselt
Das ursprüngliche Perlkorn der Mauser 66S wurde irgendwann einmal gegen ein Lichtsammlerkorn getauscht.

Während die teuren .416 Rigby Büchsen mit Magnum-System für die sogenannten gutbetuchten und oftmals royalen Herrenjäger das Maß aller Dinge darstellte und als ein damaliges Statussymbol galten, wurden die Standardgewehre im Kaliber .404 Jeffery als reine Arbeitsgeräte von Farmern, Wildhütern und Jägern mit knappem Budget gekauft und sehr erfolgreich eingesetzt. Auf der Insel fertigten Manufakturen wie Cogswell & Harris, Westley Richards und natürlich Jeffery Büchsen in diesem Kaliber an. Auf dem Festland bauten Büchsenmacher in Österreich und Deutschland Gewehre für das metrische Pendant in 10,75x73 mm – nicht zu verwechseln mit der deutlich schwächeren 10,75x68 mm.

Das Wiederladen der Großwildpatrone .404 Jeffery

Wiederladen .404 Jeffery
Eine Ladepresse mit Standarddimensionen reicht aus, um die .404 Jeffery in Eigenregie herstellen zu können.
Wiederladen .404 Jeffery II
Das Multiklauensystem des Lyman-Trimmers hält die .404 Jeffery sicher fest.  

Wer gerne ein .40er Kaliber bevorzugt, dennoch etwas schussscheu ist, dem sei die Patrone .404 Jeffery wärmstens empfohlen. Die Rücklaufgeschwindigkeit ist derart moderat, dass gefühlt lediglich ein leichtes Schieben empfunden wird. Obwohl das Geschossgewicht satte 100 Grains mehr gegenüber einer .375 H&H Mag. beträgt, berichten viele Jäger, dass der subjektiv gefühlte Rückstoß der Jeffery noch geringer ausfällt als bei der Standardpatrone aus dem Jahre 1912. Die gürtellose Patrone .404 Jeffery, die den Verschlussabstand über die Schulter bildet, entdeckt man auch unter der Bezeichnung .404 Rimless Nitro Express. Aktuell stehen für das Kaliber erstklassige Geschosse von Barnes, Hornady, Swift oder Woodleigh zur Verfügung. Auch über die modernen Pulversorten wie Hodgdon 4350, Norma 217 (Nachfolger von MRP-2) oder Alliant Powder Reloder 17, die uns jetzt zur Verfügung stehen, würde sich der einstige Patronenerfinder über 100 Jahre später besonders freuen, denn damit erreicht die .404 Jeffery die Leistung der .416 Rigby.

Die Großwildpatrone als effiziente Einzellösung

Leider blieb die .404 Jeffery in dieser Kalibergruppe beinahe ein Einzelkind. Eine Schwester war unter der Bezeichnung .404 Dakota unterwegs, doch diese wurde, wahrscheinlich wegen des unüblichen Kalibers zurückgezogen und stattdessen die .416 Dakota auf den Markt gebracht. Durch die Insolvenz von Dakota Arms sind aber alle Waffen in den firmeneigenen Kalibern mehr oder weniger komplett verschwunden und nur noch auf dem Gebrauchtwaffenmarkt zu ergattern. Eine weitere Patrone mit dem ungewöhnlichen .404 Jeffery-Geschossdurchmesser von .423" (10,74 mm) ist die .425 Express von A-Square/Arthur Alpin. Der A-Square-Repetierer namens Hannibal wurde natürlich in diesem Kaliber eingerichtet. Der Elefantenjäger Walter Dalrymple Maitland Bell (8.9.1880 - 30.6.1954) führte die .404 Jeffery jagdlich, wenn auch ungern: Ihm war der Rückstoß, stehend auf einer Leiter, auf der Jagd nach starken Elefanten zu stark. Er bevorzugte kleinere Kaliber mit weniger Rückstoß.

Eine Büchse in .404 Jeffery als Custom-Waffe oder aus einer Serienfertigung?

Die einzige uns bekannte Serienwaffe ist die deutsche Heym Express mit hervorragender Schäftung, Magnum-System mit langem Auszieher, Magazinkapazität für vier Patronen und 61 cm langem Lauf mit 18 mm Mündungsaußendurchmesser. Eine von CZ bereits vor Jahren angekündigte Safari Classic II scheint bis heute nicht das Licht der Welt erblickt zu haben. Selbstverständlich bauen versierte Büchsenmacher wie Max Ern, Gottfried Prechtl oder Hausmann & Co., um nur einige zu nennen, Einzelstücke nach Kundenwunsch. Ansonsten lohnt sich die analytische Sichtung des üppigen Gebrauchtwaffenmarkts. 

Mauser 66S in .404 Jeffery
Konstruktionsbedingt ist die Mauser 66S, Baujahr 1974, einige Zentimeter kürzer als konventionelle Repetierer bei gleicher Lauflänge von 650 mm. Optisch gibt es einen massiv ausgeführten Schichtholzschaft, wobei man sich hinsichtlich der Ästhetik des Rosenholzabschlusses am Vorderschaft trefflich streiten kann.

Bei unserer Testwaffe handelt es sich um eine Mauser Modell 66S, Baujahr 1974, mit Schichtholzschaft und Flintenabzug. Konstruktionsbedingt ist der Repetierer mit dem Teleskopverschluss im Vergleich zu einer konventionellen Konstruktion bei identischer 65-cm-Lauflänge rund 70 bis 80 mm kürzer und damit im Revier führiger. Unser Exemplar war mit der dritten Generation des blitzsauber aus Stahl gefertigten 66er-Systems ausgestattet, das heute Kultstatus unter Kennern genießt. Der Repetiermechanismus läuft butterweich, der lange Lauf setzt die Pulversäule ideal um und liefert dabei die gewünschte leichte Vorderlastigkeit. Das Sprungdeckelmagazin nimmt drei der voluminösen Patronen in Zick-Zack Anordnung auf. Die Schaftgeometrie leitete die rückwärts gerichteten Kräfte absolut gerade in die Schulter, wobei der Pistolengriff einen Tick länger ausgeführt sein könnte. Der Schichtholzschaft ist massiv ausgeführt, hier verzieht sich nichts. An der Vorderseite ist ein Rosenholzabschluss, leider ohne weiße Zwischenlage, montiert, was farblich nicht gelungen wirkt. Doch über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Zu bemängeln hätten wir nur die in die Vorderschaftunterseite eingeschraubte Riemenbügelbase. Hier könnte man nachträglich die Bohrung verschließen und die Base an der Vorderschaftfront positionieren. 

Beim Schießstandbesuch war zufällig ein Jungjägerkurs zum Trainingsschießen anwesend. Nach einer kurzen Einweisung trauten sich einige, mit unserer Mauser 66S in .404 Jeffery zu schießen. Nach Überwindung des Abzugsgewichts war die einhellige Meinung: Äußerst moderater Rückstoß, manch 98er in 8x57 IS tritt eindeutig heftiger.