
Die Verbannung des Kalibers .45 in den genannten Ländern hing übrigens mit den Befürchtungen der britischen Kolonialisten zusammen, dass aufständische Rebellen die Geschosse der Jagdmunition nutzen könnten, um damit alte Snider-Enfield-Ordonnanzgewehre gebrauchstüchtig zu machen. Die fünf Substitutionskaliber für die beliebte .450 Nitro Express waren die .500/.465 Holland & Holland, .470 Nitro Express, .476 Westley Richards, .475 Nitro Express No. 2 Eley und .475 Nitro Express No. 2 Jeffery. Die Geschichte der .470 Nitro Express (NE) ist eng mit den britischen Büchsenmacher-Dynastien wie Boss, Purdey und Co. verwoben. Schon 1821 gründete der Büchsenmacher, Händler und Innovator Joseph Lang sein Unternehmen Lang & Son. Lang Senior beeinflusste beispielsweise stark die Entwicklung von Schwarzpulverflinten und nach seinem Ableben im Jahr 1869 übernahm sein Sohn die Geschäfte, der sich wiederum 1925 mit Stephen Grant zusammenschloss. Stephen Grant war zuvor ein Partner von Boss & Co. und führte ab 1866 sein eigenes Geschäft in St. James, London. Schließlich stieß 1960 Henry Atkin, der vormals bei James Purdey & Sons tätig war, dazu und vervollständigte das heute in der Waffenwelt legendäre Trio Atkin, Grant & Lang mit Sitz in London. Dieses Unternehmen existiert noch heute und ist weltberühmt für feinste Flinten und Gewehre.
Die Geschichte der Großwildpatrone .470 Nitro Express

Joseph Lang Junior machte im besagten Jahre 1907 nicht lange hin, nahm die lange Ausführung der .500 Nitro Express mit 3¼“ (82,5 mm)-Hülse und zog den Hülsenhals auf den Diameter .475“ (12,07 mm) ein. Fertig war die neue Patrone mit einem Schulterwinkel von flachen 14°. Lang bot die neue .470 NE jedem Büchsenmacher auf der Insel an, was sich als geschäftlich cleverer Schachzug erwies, denn seine Kreation überrollte mehr oder weniger die vier anderen .450 NE-Ersatzkaliber. Von allen Nitro-Express-Randpatronen dürfte die .470 NE (12,07x83 mm R) das am meisten verwendete Kaliber sein. Die erwünschten, magischen Leistungsparameter, ein 500 Grains/32,4 Gramm schweres Geschoss auf eine Anfangsgeschwindigkeit von etwa 660 m/s zu beschleunigen und dabei um die 7.000 Joule Energie zu erzeugen, schafft die .470 NE locker. Von Beginn an standen die Geschossstabilität und Auftreffgeschwindigkeit in einem vernünftigen Verhältnis zueinander, wobei die Wirkung auf Wild stets ohne Fehl und Tadel war.
Frisches Futter: Verfügbarkeit von Fabrikmunition in .470 NE
Mit vielen anderen Großwildbüchsenkalibern teilte sich die .470 NE in den 1960er Jahren das identische Schicksal. Der traditionsreiche, britische Spezialitätenhersteller Kynoch stellte die Fertigung solcherart „Big Bore“-Patronen ein und die Vorräte waren binnen kürzester Zeit ausverkauft.
Verzweifelte Besitzer wollten schon ihre Doppelbüchsen auf modernere Alternativkaliber wie .458 Winchester Magnum konvertieren lassen. Es dauerte fast 30 Jahre, bis 1989 der US-Munitionshersteller Federal das Flehen der Jäger erhörte und endlich frische Munition anbot. Das horrend hohe Preisschild daran störte niemanden, Hauptsache, es gab wieder frisches Futter. Federal tat gut daran, sich an den damaligen ballistischen Werten zu halten. Denn dadurch wurde ein Neuregulieren der Laufbündel der betagten Büchsen unnötig. Mittlerweile gibt es wieder einige Anbieter, wobei wir hier Barnes, Norma, Hornady, Swift, Kynoch und LFB stellvertretend nennen.
Büchsen in .470 Nitro Express: Serien- und Einzelanfertigungen

Das Angebot von Waffenherstellern ist ebenfalls breit aufgestellt. Auch die deutschen Hersteller wie Heym, Krieghoff und Merkel bieten Doppelbüchsen in diesem Kaliber an. Natürlich liefern auch Edelschmieden wie Max Ern, Ziegenhahn, Hartmann & Weiss, Hausmann & Co, Westley Richards und Holland & Holland Doppelbüchsen in diesem Kaliber. Josef Just aus Ferlach fertigte beispielsweise einen außergewöhnlichen Tropendrilling mit einem Laufpaar in .600 NE und dazwischen gelagertem Lauf in .500/416 NE mit einem Wechsellaufbündel in 2x .470 NE und .375 Holland & Holland Magnum. Während die beiden großen Projektile für die Großwildjagd sind, kann das kleinere Kaliber für Großkatzen und Antilopen benützt werden. Welche Summe auf dem Preisschild einer solchen Safari-Kombi steht, wollen wir nicht hinterfragen.
Wiederladen der .470 NE

Die imposante Hülse, zu einem Stückpreis bei Norma für 6,85 Euro erhältlich, verlangt nach einer Presse mit einer lichten Mindestinnenhöhe von 105 mm, da die maximale Patronenlänge stolze 101,1 mm misst. Eine Redding Ultramag oder Lee Classic Cast liefern dieses Maß. Mit letzterem Fabrikat haben wir gearbeitet. Zum Hülsentrimmen passt das Messing gerade so noch in den Lyman Acculine Trimmer. Der zweiteilige Matrizensatz von Redding kostet nur 155 Euro, Hornady fordert 181 Euro und für eine Lee Factory Crimp Matrize legt man 249 Euro auf die Ladentheke.
Hervorragende Geschosse liefern die bekannten Markenhersteller wie Barnes, Degol, Hornady, Nosler, Federal, Swift und Woodleigh. Als Treibmittel sind mittelprogressive und progressive Sorten geeignet. Norma 203-B füllt zwar die Hülse nicht mit einer hohen Ladedichte, liefert aber gute Ergebnisse. Ebenfalls geeignet sind beispielsweise Alliant Powder Reloder 19, Hodgdon H4350, H4831 und H380, IMR 4831, Norma MRP, Reload Swiss RS60 sowie Vihtavuori N160 und N165. Mit den Pulversorten H4350, H380, IMR 4831, MRP und RS60 produzierten wir aus einer Doppelbüchse mit 660-mm-Läufen und 500-grs.-Voll- und Teilmantelgeschossen von Degol Geschwindigkeiten von 661 bis 680 m/s. Für die Pulverchargen von um die 100 grs. (6,47 Gramm) haben wir uns wieder auf die Federal 215 M-Anzündhütchen verlassen und wurden nicht enttäuscht. Vorsicht ist geboten bei zu progressiven Sorten wie H1000, dem nicht mehr erhältlichen MRP2 oder IMR 7828. Auch das exakte Gegenteil, offensiver abbrennende Sorten wie N140, sind nicht geeignet. Der kräftige Zündstrahl würde lediglich über die flache Pulversäule streichen und eine sehr ungleichmäßige Anzündung könnte zu enormen Gasdrücken führen. Bei den Preisen für Geschosse und Hülsen sollte nicht an ein paar Grains Pulver gespart werden.
Das Großwildkaliber .470 NE in der Praxis
Die mächtige Patrone dürfte von nahezu jedem Jäger und Schützen sicher zu handhaben sein. Denn kein „Pferdetritt“ erschüttert die Schulter, man verspürt ein langes Schieben bei voller Kontrolle der Waffe. Dawid Muller, ein uns befreundeter Berufsjäger aus Namibia, der viele Safaris auf Großwild im Caprivi-Streifen geführt hat und dies immer noch tut, vertraut seit Jahren auf die von uns ihm empfohlene Heym 88 in .470 NE. In vielen Stunden am Lagerfeuer berichtete er uns gegenüber, wie oft ihm diese Waffe schon aus der Patsche geholfen hatte. Der in Schweden geborene Andrew Holmberg verbrachte viele Jahrzehnte in Kenia und arbeitete dort als Berufsjäger. Als erster führte er damals Kamelsafaris in den berühmt-berüchtigten Northern Frontier District (NFD) durch. Diese aride Gegend im hohen Norden von Kenia, angrenzend an Somalia und Äthiopien, war dünn besiedelt. Er jagte dort auf mächtige Elefantenbullen, die mindestens 100 lbs. Elfenbein je Stoßzahn auf die Waage bringen. Das ist der Gewichtsgrenzwert von einer guten zu einer außergewöhnlichen Trophäe. Es gibt Berufsjäger, die sehen nicht einmal in 40 Berufsjahren einen solchen Elefanten. Holmberg hält einen Rekord. Und dieser ist für die Ewigkeit in Stein gemeißelt. Er schaffte es, ganze 63 Elefanten jenseits der 100-lbs.-Grenze mit Jagdgästen zu erlegen. Immer dabei, sein Fährtenleser und seine beiden Doppelbüchsen im Kaliber .470 Nitro Express. Als Kenia 1977 die Jagd verboten hat, blieben Andrew und seine Frau noch einige Jahre und siedelten dann zurück nach Schweden. Bei unserem Besuch in Schweden schwärmten beide mit Tränen in den Augen von den goldenen Zeiten in Kenia. Holmberg, damals stolze 96 Jahre alt, sagte: „Ich konnte damals beinahe einen solchen Elefantenbullen garantieren, es dauerte aber. Wir brauchten Zeit, zwei bis drei Monate waren wir schon unterwegs. Für unsere Safaris haben wir nie Werbung gemacht. Die Jagdgäste suchten uns.“ Seine beiden Doppelbüchsen musste er leider in Kenia zurücklassen.
Rüstige Lady: Die Halliday Doppelbüchse im Kaliber .470 Nitro Express

Uns fiel eine 1930 gebaute Halliday Doppelbüchse aus England als Testwaffe in die Hände. Die 66 cm langen Läufe sind im „Chopper Lump“-Verfahren garniert. Die Basküle beherbergt ein Anson & Deeley-Schloss. Im Vorderschaft befindet sich ein Ejektor nach Southgate-Prinzip. Hinter der Expresskimme (für 100 Yards) sitzen zwei weitere Klappen für 200 und 300 Yards. Ein sehr feines Perlkorn bildet das vordere Zielelement der mechanischen Visierung. Neben den beiden Laufhaken verriegelt die Büchse noch mittels Puppenkopf. Der herrlich lang ausgeführte Pistolengriff ist vorbildlich umgesetzt. Ein Splinter-Vorderschaft wird mittels Anson-Verriegelung befestigt. Der Hinterschaft hat keine Backe, dafür aber eine rote Schaftkappe. Stilecht kommt die schwere Büchse in einem Eichenholz/Leder-Koffer, ausgekleidet mit grünem Filz. Anscheinend wurde die Waffe nach Indien exportiert. Die beiden Tiger auf der linken Basküle lassen darauf schließen. Auf der gegenüberliegenden Seite verfolgen sich zwei indische Elefanten. Die Beschussstempel auf der Unterseite des Laufbündels verraten, dass die Büchse mit 75 grs. Cordite für 500-grs.-Geschosse beschossen wurde. Halliday war, ähnlich wie Jeffery, lediglich ein Händler, der in seinem Netzwerk an Büchsenmachern die Aufträge platzierte. Von Herrn B. Halliday findet sich relativ wenig. Es wird vermutet, dass Halliday ein ehemaliger Angestellter bei W. J. Jeffery & Co. war, der sich 1921 in der Queen Victoria Street in London selbständig gemacht hat. In den Wirren des 2. Weltkriegs verliert sich die Spur zu Halliday.

Diese Doppelbüchse wurde in den 1980er Jahren von Walter Clode (Inhaber von Westley Richards) reimportiert. Der Besitzer setzte diese erfolgreich in Ostafrika, Kanada und im Northern Territory von Australien ein. Angesichts der Weltreisen und der vergangenen 96 Jahre ist die Doppelbüchse in einem sehr guten Zustand. Um den auftretenden Rückstoßkräften entgegenzuwirken, empfiehlt sich ein Gewicht von 4,7 bis 5,0 kg für eine .470 NE-Doppelbüchse. Die Halliday bringt satte 4.750 Gramm Idealgewicht auf die Waage. Durch die perfekte Schäftung und die ausgewogenen Balance lassen sich mit der edlen Britin sogar blitzschnelle Doubletten abgeben. Die beiden Schlosse des Ejektors warfen die beiden Messinghülsen zügig und weit aus. Stehend freihändig ließ sich mit der Doppelbüchse auf 50 m Entfernung der berüchtigte Bierdeckel locker treffen. Mehr muss eine solche Waffe an Präzision nicht liefern.
Dieser Artikel stammt aus der caliber 03/2026. Das Heft können Sie im VS Medien-Shop online kaufen. Dort steht es auch als ePaper zur Verfügung.
Im Artikel erwähnte Ladedaten ohne Gewähr. Jeder Wiederlader handelt nach dem Gesetz eigenverantwortlich!
Die bisherigen Teile der Serie:
- Teil 1: Kaliber für die Großwildjagd – .375 Holland & Holland Magnum als Allround-Patrone für die Jagd in Afrika
- Teil 2: Kaliber für die Großwildjagd – .416 Rigby als Universalpatrone für schweres Wild
- Teil 3: Kaliber für die Großwildjagd – .416 Remington Magnum: von der Wildcat zur Fabrikpatrone
- Teil 4: Kaliber für die Großwildjagd – .460 Weatherby Magnum
- Teil 5: Kaliber für die Großwildjagd – .500 Nitro Express
- Teil 6: Kaliber für die Großwildjagd – .458 Winchester Magnum
- Teil 7: Kaliber für die Großwildjagd – .458 Lott










