
Die englische Firma Rigby revolutionierte die Welt der modernen Jagdpatronen 1898 mit der Vorstellung der .450 Nitro Express (siehe auch den Teil 8 mit der .470 NE). Vorbei waren die Zeiten, in denen man bis zu 10 kg schwere Einzellader- oder noch schwerere Doppelbüchsen in Zimmerflak-Kalibern wie 8, 4 oder gar 2 bore durch den Busch schleppen musste. Die .450 NE brachte die identische ballistische Leistung, wenn auch zu Beginn mit etlichen unerfreulichen "Nebenwirkungen" wie abgerissenen Hülsenrändern, Hülsenreißern, im Patronenlager festgebackenen Hülsen oder deformierten Geschossen, manche sogar mit Separierung des Bleikerns. Trotzdem fand die .450 NE viele begeisterte Anhänger. Schließlich stand man in jener Ära erst am Anfang der modernen Patronenentwicklung mit rauchschwachen und später rauchlosen Pulvern. Der damalige Fehler war, dass man die Hülsen aus der Schwarzpulverära 1:1 übernommen hatte. Mit den nun vorherrschenden Gasdrücken hatte niemand gerechnet. Diesen Drücken konnten die dünnen Wände und die schwachen Ränder nicht standhalten. 1903 wurde der Nachfolger mit der Bezeichnung .450 Nitro Express No. 2 vorgestellt und alle Fehler wurden mit diesem Konstruktionsstand ausgemerzt. Die Wandstärke hatte zugelegt, auch der Rand wurde massiver ausgeführt. Das Innenvolumen wurde nochmals vergrößert, um den Druck um etwa 20 Prozent zu reduzieren. Alle nach der .450 NE folgenden Patronenentwicklungen wie .470 NE oder .476 Westley Richards hatten das Ziel, deren ballistische Leistung zu kopieren oder marginal zu steigern, also ein 480 grs./31,1 g schweres Geschoss auf eine Anfangsgeschwindigkeit von 655 m/s bei einer Energie von 6.680 Joule zu beschleunigen.
Eley versus Jeffery: Die Varianten der .475 Nitro Express No.2

Mit einer Hülsenlänge von 3,5“/88,9 mm zählt die .475 NE No.2 zusammen mit der .450 NE No.2 zu den weltweit längsten Gewehrhülsen überhaupt, und Patronen in diesen Kalibern sind äußerst imposante Erscheinungen. Neben Jeffery wollte auch Eley ein Stück vom Kuchen abhaben und so existieren zwei hauseigene Versionen der .475 NE No.2, die sich nur geringfügig voneinander unterscheiden. Die langen Hülsen waren damals notwendig, um einerseits das "Cordite"-Pulver in Stangenform unterbringen zu können und andererseits den Gasdruck für die Doppelbüchsen so gering wie möglich zu halten. Eley vergrößerte bei der .475 NE No.2 Eley den .475-NE-Geschossdurchmesser von .475“/12,00 mm auf .483“/12,27 mm. Damit die Jeffery-Kundschaft nicht zur vielleicht günstigeren Eley-Munition wechselte, musste die Jeffery-Patrone anders sein und vergrößerte wiederum den Geschossdiameter nochmals auf .488“/12,39 mm. So wurde der Kunde mehr oder weniger dazu genötigt, auch die Munition vom Waffenhersteller zu beziehen. Damit die Werbung noch besser fruchtete, wurde das Geschossgewicht um 20 grs./1,29 g auf 500 grs./32,4 g erhöht. Diese recht bescheidenen Unterschiede der Patronen können in der Praxis jedoch deutliche Konsequenzen hervorrufen. Wird eine Eley-Patrone aus einer Jeffery-Büchse verschossen, gleicht das erzielte Trefferbild der Streuung einer Flinte, weil das Geschoss im Lauf keine oder nur eine minimale Führung erfährt und die heißen Gase das Projektil überholen. Weitaus mehr als nur eine ungenügende Präzision hat man zu befürchten, wenn man eine Jeffery-Patrone aus einer Eley-Büchse verschießt. Der Lauf gibt nach und platzt, da die Wandstärken damals bewusst dünn gehalten wurden, um das Waffengewicht so niedrig wie möglich zu halten.
Achtung: Genaues Kaliber der .475 NE No.2 feststellen!

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Aus genannten Gründen wird dringend empfohlen, mit einem Messschieber den Geschossdurchmesser oberhalb des Hülsenmundes zu messen. Bei Waffen verrät die Stempelung unter dem Lauf den Diameter, denn dort ist das Geschossgewicht eingeschlagen. 480 grs. entspricht .483“ und 500 grs. dem Diameter .488“. Wer ganz sichergehen möchte, vermisst den Lauf mittels Bleidurchtrieb. Ein Messen des Innendurchmessers mit dem Messschieber ist nicht akkurat möglich, da der Lauf ungewöhnliche sieben Züge/Felder ausweist. Beide Kaliber haben die identische Dralllänge von 18“/457 mm. Zudem ist bei alten Munitionsfertigungslosen Vorsicht geboten, weil Kynoch die Patronen nur sporadisch in großen Zeitabständen produzierte, sodass eine Dekade zwischen den Losen überhaupt keine Seltenheit ist. Hier können Zündversager und Nachbrenner auftreten. Die Qualität nahm erst wieder zu, als Kynoch in den 1980er Jahren Woodleigh-Geschosse verlud.

Wiederladen der Großwildpatrone .475 NE No.2

Das Laden dieser Patrone ist kostspielig und aufwendig, was in erster Linie an den Hülsen liegt, die in ihrer Geometrie nicht für moderne Pulver geschaffen wurden. Doch gerade hierin liegt auch die reizvolle Herausforderung. Fabrikmunition ist nur noch von Kynamco Ltd. erhältlich, in den 1990er-Jahren stellte der Belgier Harald Wolf ebenfalls Patronen her. Alternativen sind kommerzielle Wiederlader wie Skadi oder Superio Ammunition. Der hohe Preis der Patronen von derzeit 65,- GBP für 5 Stück resultiert aus der aufwendigen, materialintensiven Herstellung der Hülsen, basierend auf dem .600 NE-Messingnapf. Die Lieferzeit der .475 NE No.2-Hülsen von Kynamco und Horneber kann beachtlich sein: wir mussten stolze sieben Jahre bei Horneber darauf warten! Geschosse gibt es vom australischen Spezialisten Woodleigh für beide Kaliber in der Voll- und auch Teilmantelausführung. Da deutlich mehr Waffen im Eley-Kaliber unterwegs sind, offeriert auch noch Barnes Vollmantel-Rundkopfgeschosse in .483“. RCBS bietet einen zweiteiligen J-Series-Matrizensatz für 451,- Euro und einen Hülsenhalter für 49,- Euro in .475 NE No.2 Jeffery an, CH4D führt einen Satz und Halter für die .475 NE No.2 Eley für 275,- US-Dollar und 24,- US-Dollar im Programm. Bei der Ladepresse ist eine lichte Höhe von mindestens 115 mm erforderlich (Redding Big Boss, Lee Classic Cast, PräziPress). Die mächtigen Hülsen müssen auf das korrekte Längenmaß abgefeilt oder abgedreht werden. Hierzu gibt es beispielsweise eine Feilmatrize von CH4D für 179,- US-Dollar. Standard-Hülsentrimmer scheitern bei diesen Hülsenabmessungen. Sehr gut bewährt hat sich für solche Monsterhülsen der Lyman Acculine Trimmer für 138,- Euro. Zum Entgraten der Hülsen auf der Außenseite empfiehlt sich ein XXL-Gerät wie das .50-BMG-Modell von Lee. Nach dem Kontrollieren und eventuellen Nachfräsen der nötigen Tiefe der Zündglocke werden die Zündhütchen gesetzt und die Pulvermenge am besten mit einem langen Fallrohr eingefüllt (Forster Blue Ribbon; 27,- Euro). Danach wird das Geschoss auf die passende Länge gesetzt. Das Crimpen sollte über einen separaten Arbeitsgang erfolgen. Wer will, kann sich von Lee auch in diesem Kaliber eine Factory-Crimp-Matrize anfertigen lassen (bei Johannsen für 156,- Euro). Für den sauberen Abbrand und einen gleichmäßigen Auszugswiderstand ist dies eine gute Investition. Das Laborieren einer .475 NE No. 2 ist eine heikle Angelegenheit. Das große Innenvolumen der Hülse muss mit einem Pulver so gefüllt sein, dass eine gute Ladedichte erreicht wird und parallel dazu der Gasdruck im niedrigen Bereich (<2.750 bar) bleibt. Die Hülse kann mit zwei Pulverarten geladen werden. Entweder verwendet man ein extrem langsames Pulver wie RL 22, RL 25, H-4831, IMR7828 oder ein etwas schnelleres Treibladungsmittel wie RL 15 und gleicht den dadurch entstehenden Freiraum zwischen Geschossboden und Pulvercharge mit Füllmaterial aus. Folgende Stoffe stehen hier zur Auswahl: Schaumstoff, Kork, Filz.
Unsere Testergebnisse zur .475 No.2 Nitro Express:

Mit losem Schaumstoff (englisch "Dacron") hatten wir in unseren Erprobungen wenig gute Erfahrungen gemacht. Nach dem Laborieren wurden die Patronen leicht geschüttelt, um so den Transport bis ins Jagdcamp zu simulieren. Anschließend wurden die Geschosse gezogen und die Charge an Pulver geprüft. Leider waren viele Pulverkörner im Wattebusch ungleichmäßig verteilt. Diese Variante wurde verworfen.
Im nächsten Versuch wurden Schaumstoffeinsätze aus Dämmschnüren geschnitten, wie diese auch Fliesenleger benützen. Die grauen Zylinder waren 30 mm lang und hielten die Pulversäule gut auf Abstand. Auf dem Schießstand waren damit gute Treffer und stabile Abbrände zu erzielen. Negativ fiel auf, dass der Schaumstoff von den heißen Gasen nicht gänzlich aufgezehrt wurde, sondern den Geschossen hinterherflog. Im zweijährigen Langzeittest, eingeschlossen in einem Marmeladenglas mit 100 grs. IMR 4831, stellten wir fest, dass die Schaumstoffzylinder von ursprünglich 30 mm Länge auf mickrige 10 mm geschrumpft waren. Die Ausdünstungen des Pulvers setzten also dem Kunststoff stark zu oder der Schaumstoff war mit Chemikalien behandelt worden, die sich mit dem Pulver nicht vertrugen. Die Chemie im Schaumstoff könnte sich negativ auf die Pulverqualität auswirken. Somit sollten solche Patronen nach dem Laborieren zügig verschossen werden. Eine Langzeitlagerung ist nicht möglich. Kynamco vertreibt kalibergroße, angeblich unbehandelte Schaumstoffpfropfen.
Zudem stanzten wir mit der Lochpfeife Dämmscheiben aus dünnen Korkscheiben und packten sie auf die Pulversäule. Dies funktioniert nur, wenn die Ladedichte so hoch ist, dass sich die Korkscheibe nach Einlegen nicht mehr drehen kann und gegen die Schulter gedrückt wird. Nur so bleibt die Pulversäule auf dem Zündhütchen und sorgt für einen gleichmäßigen Abbrand. Es muss sichergestellt werden, dass sich der "Filler" in der Position nicht verändern kann. Deshalb besser die Schüttdichte mit geeignetem Pulver erhöhen, bis das Dämmmaterial lediglich im Hülsenhals den Geschossboden von der Pulversäule hermetisch "abriegelt".
Ohne "Filler" würde es unkontrollierbare Gasdrucksprünge geben. Zudem würde die Präzision leiden.
Um die gewaltigen Pulversäulen zwischen 105 grs. und 118 grs. gleichmäßig zu zünden, sind ausschließlich Magnum-Zünder empfohlen. RWS 5333, CCI 250 oder am besten Federal 215 M sind hier die erste Wahl. Zum Befüllen der Hülsen hat sich ein Pulvertrichter mit langem Rohr bewährt. Leider verfügt nur das Beschussamt in Birmingham über einen Messlauf in diesem Kaliber. Aufgrund des "Brexit" ist das Versenden von Munition eine aufwendige Angelegenheit. Ohne eine Geschwindigkeitsmessung sollten diese Tests nicht unternommen werden.
Jeffery-Doppelbüchse von 1929 in .475 NE No.2


Unsere Testwaffe, eine 5,57 kg schwere Jeffery-Doppelbüchse von 1929 mit 66-cm-Laufpaar, war perfekt geschäftet und ausbalanciert. Der Rückstoß geht geradlinig in die Schulter und ist von jedem Schützen locker zu verkraften. Das Laufbündel misst an der Laufwurzel gewaltige 60 mm in der Breite. Zwei kräftige Southgate-Ausstoßer im Vorderschaft befördern die schweren Hülsen rund 1,5 Meter weit durch die Luft.
Diese altgediente Büchse kann noch heute als Muster für den Neubau von Doppelbüchsen uneingeschränkt verwendet werden. Daran kann nichts mehr verbessert werden. Jeffery bietet auch heute noch Doppelbüchsen in diesem Kaliber an. Rein ballistisch erfüllt aber eine .470 NE exakt den gleichen Zweck mit viel weniger Aufwand und Kosten. Die .475 NE No.2 wurde in Zentral- und Westafrika von französischen Jägern bevorzugt und leistete dort auf Elefant, Büffel und Nilpferd gute Dienste. Auch wurden einige Büchsen zur Tigerjagd in Indien verwendet. Die dafür eingerichteten Waffen stammten überwiegend aus Belgien, Frankreich und Spanien. Die gewaltigsten Stoßzähne (ganze 17 Paare jenseits der magischen 100-Pfund-Grenze) aus der Zentralafrikanischen Republik erbeutete damals Marc Pécheart mit einer Eley-Version. Angeblich soll die rasantere 480-grs.-Ladung nach seinem Dafürhalten die bessere Wirkung gezeigt haben. Fragen können wir ihn nicht mehr, denn er starb im Jahr 2008. Auch der noch lebende Rekordhalter von über 1.300 Elefantenabschüssen, der Spanier Tony Sanchez-Arino, führte eine .475 NE No. 2 Eley, während der kommerzielle Elfenbeinjäger Major P.J. Pretorius wiederum eine .475 NE No. 2 Jeffery nutzte.
Dieser Artikel stammt aus der caliber 04/2026. Das Heft können Sie im VS Medien-Shop online kaufen, darin ist auch eine Übersichtstabelle zu den Hülsenabmessungen der Eley- und Jeffery-Variante enthalten. Das Heft steht auch als ePaper zur Verfügung.
Im Artikel erwähnte Ladedaten ohne Gewähr. Jeder Wiederlader handelt nach dem Gesetz eigenverantwortlich!
Die bisherigen Teile der Serie:
- Teil 1: Kaliber für die Großwildjagd – .375 Holland & Holland Magnum als Allround-Patrone für die Jagd in Afrika
- Teil 2: Kaliber für die Großwildjagd – .416 Rigby als Universalpatrone für schweres Wild
- Teil 3: Kaliber für die Großwildjagd – .416 Remington Magnum: von der Wildcat zur Fabrikpatrone
- Teil 4: Kaliber für die Großwildjagd – .460 Weatherby Magnum, weltweit stärkste Gewehrpatrone aus Serienfertigung
- Teil 5: Kaliber für die Großwildjagd – .500 Nitro Express, Großwildpatrone mit Schwarzpulver-Vorgeschichte
- Teil 6: Kaliber für die Großwildjagd – .458 Winchester Magnum, leistungsorientierte Patrone für Standardsysteme
- Teil 7: Kaliber für die Großwildjagd – .458 Lott, extreme Power, auch für den Schützen
- Teil 8: Kaliber für die Großwildjagd – .470 Nitro Express, typisch britisch
- Teil 9: Kaliber für die Großwildjagd – .404 Jeffery, günstige Lösung für Mauser-Standardsysteme
- Teil 10: Kaliber für die Großwildjagd – .500 Jeffery und die 12,7x70 Schüler










