Long Range – der sportliche Reiz, mit Klein- und Großkalibergewehren Ziele auf weite Distanzen zu treffen

Long Range-Munition
Eine Auswahl gängiger Kaliber für das Schießen auf weite Distanzen: Neben dem Klassiker .308 Winchester sind auch die dickeren .300 Winchester Magnum und .338 Lapua Magnum dabei. Die schlanke 6.5 Creedmoor ist als einer der jüngeren Patronen dabei.

Dass ausgerechnet "Long Range" (in welcher Disziplin auch immer) offenbar DAS Trend-Thema unter deutschen Gewehrschützen wie Waffen- und Ausrüstungsfirmen in den letzten Jahren sein würde, hätte angesichts unserer beengten Schießstand-Verhältnisse kaum jemand prognostiziert. Vielleicht war es zuerst der neidvolle Blick auf die schier unbegrenzten Schießbahnen etwa in den USA oder gar eine erste Teilnahme bei einem Match in Übersee, vielleicht reizt aber auch der unerschöpfliche Optimismus deutscher Weit-Schützen, die lange Anreisen zu Schießständen in England, Frankreich, der Alpenregion, nach Polen und Dänemark oder gar in die USA auf sich nehmen, nur um sich mit der Ballistik bis zum Ziel, der besten Zielfernrohr- und Spotter-Optik und nicht zuletzt den hohen Ausrüstungspreisen auseinanderzusetzen. Long Range, das ist HighTech wie auch Schießsport vom Feinsten: Das Waffenmagazin VISIER, wie all4shooters zum Verlag VS Medien gehörend, hat bereits vier eigens dem Thema Long Range gewidmete Sonderhefte herausgebracht (alle Links unter diesem Beitrag). Auch bei den Messen, über die all4shooters.com regelmäßig berichtet, stehen oft Long-Range-Büchsen im Mittelpunkt des Besucher-Interesses. 

Inzwischen findet man neben den statischen Wettbewerben wie F-Class oder Benchrest (generell ab 300 Meter, meist liegend aufgelegt oder mit Zweibein bis 1.200 Meter) auch das  ELR, Extreme Long Range, mit Distanzen jenseits der Zwei-Kilometer-Marke als eine weitere Variante, die von der Ausrüstung wie von den Kalibern noch anspruchsvoller ist. Die inzwischen nicht nur im "Erfinderland" USA, sondern auch in Chile oder Frankreich veranstalteten Wettkämpfe "King of 2 Miles" gelten hier quasi  als Meisterprüfung. Unverzichtbar ist bei fast allen Long-Range-Matches ein "Spotter", der neben dem Schützen mit einem Spektiv die Scheiben und die Treffer beobachtet und wertvolle Tipps etwa zur Windrichtung gibt. Entsprechend gibt es heute von verschiedenen Herstellern wie etwa GPO auch Spotter-Ferngläser, die das gleiche Absehen wie im Schützen-Zielfernrohr besitzen, was Zieltipps vereinfacht, weil beide das gleiche Fadenkreuz-System verwenden.

Haenel LR/One
Das Repetiergewehr Haenel LR/One trägt "Long Range" bereits im Namenskürzel. Die Suhler Büchse im Kaliber .308 Winchester bietet für knapp 2.700 Euro einen relativ günstigen Einstieg in die Bereiche Long Range und Precision Rifle Shooting (PRS)

Moderne Verwandte des klassischen Long-Range-Schießens sind die Precision Rifle Series und Kleinkaliber Long Range

Deutlich aktiver geht es beim PRS-Schießen zu (Precision Rifle Series): Hier agieren die Schützen überwiegend mit Repetiergewehren in dynamischen Parcours bei festen Zeitvorgaben von meistens 90 oder 120 Sekunden, um in wechselnden Stellungen und Positionen und verschiedenen Anschlagarten multiple Zielmedien auf bis zu 1.000 Yards (914 Meter) zu treffen. Mit der DEPRA, der Deutschen Precision Rifle Association, die dem Bund Deutscher Sportschützen (BDS) angegliedert ist, gibt es auch hierzulande schon Ansprechpartner.

Kleinkaliber Longrange
Verhältnismäßig "long" range geht es mit dem Kleinkalibergewehr bis 200 und 300 Meter, hier auf der Schießanlage in Wiesbaden.
KK-Gewehre für Long Range
Fünf geeignete KK-Gewehre für Long Range mit Kaliber .22 l.r. (von oben): Ruger American Rimfire LR Target,  Ruger Precision Rimfire Rifle, Savage B 22 Precision, Ultimatum Deuce und CZ 457 Long Range Precision (Test im VISIER Special 107 "KK Long Range")

Wobei sich seit fast fünf Jahren aus der Schießstand-Not in vielen beengten Ballungsgebieten, aber auch aus Kostengründen das Long-Range-Schießen (kurz: LR) mit Kleinkaliberbüchsen zu einem eigenständigen Segment entwickelt hat: Hier hat man, jenseits der bisherigen 100-Meter-Grenze üblicher Schützenbund-Wettkämpfe, bis 200, manchmal auch 300 Meter ebenfalls Möglichkeiten, die Leistungsfähigkeit von Waffe, Munition und natürlich der Optik auszutesten. Für diese verkleinerte LR-Version gibt es sogar in Deutschland einige wenige Schießstände, etwa bei der Wiesbadener Schützengesellschaft. Meist gibt es Probleme durch die von der Schießstandsicherheit nach deutschem Waffenrecht vorgeschriebenen Hochblenden wegen der erhöhten Flugbahnkurven auf weite Ziele.

Wir stellen in diesem Beitrag aus Platzgründen nur die modernen, sportlichen Aspekte des Weitdistanz-Schießens vor und verweisen für tiefergehende Informationen auf zahlreiche ausführlichere Artikel, die bereits veröffentlicht wurden – etwa zur Entstehungsgeschichte des Long Range oder zu militärischen Einsätze und Waffen bei Scharfschützen, die beides eigenständige und umfangreiche Themenbereiche darstellen.

Für das Long Range-Schießen braucht man ballistisches Wissen, man muss zudem den Wind lesen können und wetterfest sein

Ein guter, erfahrener Spotter ist bei Long Range unverzichtbar. Er beobachtet die Scheibe, die Treffer und auch die Windverhältnisse und gibt Ratschläge für den Schützen.
Mirage-Effekt
"Mirage" nennt man das Hitze-Phänomen entlang der Schießbahn, dass das Zielbild verschwimmen lässt oder es gar scheinbar versetzt. Hier ist viel Erfahrung nötig, um die tatsächliche Scheibe klar anvisieren und treffen zu können.

Beginnen wir unsere Übersicht mit den statischen Gewehr-Disziplinen ab 300 Meter, an denen etwa Schützen des Bundes der Militär- und Polizeischützen (BDMP) bei internationalen Wettbewerben schon seit Jahrzehnten teilnehmen. Das jährliche Imperial Meeting im englischen Bisley gehört ebenso dazu wie die Palma-Matches, die seit 1876(!) ausgetragen und seit 1992 als offizielle Weltmeisterschaft der Long-Range-Schützen angesehen werden, die alle vier Jahre stattfindet, erneut 2028. Hier werden  je 15 Schüsse auf jede der drei Distanzen 800, 900 und 1.000 Yards abgefeuert. 

Die F-Class-Wettbewerbe bekamen ihren Namen nach dem Kanadier George „Farky“ Farquharson, der in den 1990er Jahren altersbedingt eine neue Schießdisziplin "Zielfernrohrgewehr aufgelegt" erfand, als F-Open für geeignete Kaliber bis 8 mm oder als F Target Rifle im Kaliber .223 Remington oder .308 Winchester, dann mit Zweibein vorn und einer separaten Auflage hinten. Der BDMP listet in seinem Sporthandbuch vier verschiedene F-Disziplinen, ab 300 Meter und in 100-m-Schritten bis 1.000 Meter.

CZ 600 und CZ 457
Groß- und Kleinkaliber auf vergleichbarer Basis: In der Mitte die tschechische CZ 457 MDT ACC in .22 long rifle, darüber das Zentralfeuer-Vorbild, die CZ 600 MDT, hier in der Variante Deep Bronze im Kaliber 6,5 Creedmoor und unten die KK-Büchse CZ 457 MDT mit dem leichteren, einfacheren MDT LSS-Chassis.
Flugbahnkurven
Flugbahnkurven von Geschossen desselben Typs, abgefeuert bei identischem
Schusswinkel, aber bei unterschiedlichen Anfangsgeschwindigkeiten. Die ideale
Kurve (hier grün) schneidet die Visierlinie im Ziel Z.

In der Theorie, so meint vielleicht der Laie, wäre die Schussentfernung relativ egal, weil die weiten Ziele ja entsprechend größer sind. Dem gegenüber stehen aber die physikalischen Gesetze der Außenballistik und die der Natur: Denn zum einen fliegen Geschosse zwar weitgehend drallstabilisiert ab der Mündung, aber eben nicht geradlinig ins Ziel. Die Flugbahnkurve macht gerade bei Long Range je nach Kaliber und nach der Anfangsgeschwindigkeit des Geschosses einen starken Bogen "nach oben". Anders formuliert: Der Geschossabfall im Vergleich zur Laufachse beträgt dabei im Ziel durchaus mal mehrere Meter, was wiederum am Gewehr durch einen auf Long Range abgestimmten Höhenverstellbereich des Zielfernrohrs und eine Vorneigung der Montageschiene ausgeglichen wird. 

Stahlziele
Digitale Auswertung: Ein Treffer auf solchen Stahlzielen gibt eine direkte Rückmeldung zum Schützen. Die Platten werden regelmäßig übersprüht, damit es die Spotter einfacher beim Erkennen des letzten Einschlags haben.
RWS R Plus Long Range
Mit der neu entwickelten Kleinkaliber-Patrone R Plus Long Range bietet RWS eine im Geschoss und der Ladung ballistisch optimierte Weitschussmunition für KK Long Range an.

Dann bleibt der schwierigste Faktor bei Long Range übrig: Das Lesen des Windes, um Flugbahneinflüsse beim Zielen zu berücksichtigen. Was nüchtern betrachtet eher ein grobes Einschätzen des Windes ist, der während der Flugphase von allen Seiten auf das fliegende Projektil einwirkt. Man kann allenfalls am Abschusspunkt schätzen, wie dort die Windverhältnisse sind, aber kaum im Ziel oder auf dem Weg dorthin. Winde ändern auch spontan ihre Richtung, etwa hinter einem Baum, oder eine Schneise lässt unkalkulierbar Seitenwind in die Schießbahn. Und Regentropfen fügen dem Sport noch eine Glücksspiel-Komponente hinzu. Jahrelange Erfahrung und diverse Hilfsmittel vom Beobachten von Gras und Sträuchern über das Messen der Windgeschwindigkeit mit einem Gerät sind die Erfolgsfaktoren. Aber auf einer bislang unbekannten Schießbahn werden auch exzellente Schützen das Ziel nicht mit den ersten Schüssen treffen. Neben Papierscheiben haben sich als Zielmedium übrigens auch simple Stahlplatten bewährt, deren Klang beim Treffer sofortige Rückmeldung gibt. Sofort ist relativ, denn entsprechend der Schallgeschwindigkeit und der Distanz kann das einige Sekunden dauern. Aber bis dahin ist dann auch der Schussknall verklungen...