Know-how mit all4shooters.com, Folge 11: Klappmesser und die verschiedenen Arten ihrer Verriegelung

Mercator-Messer
Das seit 1867 gebaute Mercator, eins der ersten deutschen Serienmesser mit im Griffrücken liegender Verriegelung (Back Lock), zu lösen durch Druck auf die hochstehende Taste. Es wird heute von der Firma Otter-Messer in Solingen gefertigt.

An ihr erstes Taschenmesser werden sich die meisten von uns wohl immer wieder zurückerinnern. Wahrscheinlich war es ein knallrotes Victorinox, das legendäre "Schweizer Offiziersmesser". Die Signalfarbe Rot hilft nicht nur beim Suchen eines verlegten Messers, sondern infiziert den Besitzer oft auch mit dem "Messer-Sammelvirus", sodass in den folgenden Jahren und Jahrzehnten immer wieder andere Exemplare hinzukommen. Wichtigste Diagnose, dass man infiziert ist, dürfte das empörte Leugnen sein: "Ich sammle doch keine Messer!!"

Victorinox Custom
Dieses bei einem Besuch im Victorinox-Werk individuell vom Autor zusammengebaute Taschenmesser ist ein "Slip-Joint": Es wird mit beiden Händen geöffnet, indem man den Daumennagel am "Nagelhau" der Klinge einhakt und sie gegen einen Federwiderstand herauszieht.

Für Messer, die man unterwegs dabei haben möchte (waffenrechtliche Fragen klammern wir heute mal aus), bieten sich die diversen Klappmesser-Variationen an. Beim Transport, etwa als Taschenmesser in der namensgebenden Hosentasche oder bei größeren Exemplaren in einem Holster am Gürtel, ist die Klinge sicher im Gehäuse geparkt. Zum Gebrauch lässt sie sich je nach Konstruktion mehr oder weniger einfach ausklappen. Klinge und Griff werden durch eine Drehachse verbunden. Damit die ausgeschwenkte Klinge im Einsatz auch nicht bei schon geringer seitlicher Belastung wegklappt und den Benutzer verletzt, haben sich findige Entwickler zahlreiche Mechanismen einfallen lassen, um die ausgefahrene Klinge zu arretieren, sodass sie nicht unbeabsichtigt nachgibt. Die große Anzahl unterschiedlicher Mechanismen entstand nicht zuletzt auch, weil die beliebtesten Techniken halt durch Patente geschützt waren und nicht ohne weiteres kopiert werden konnten. Oftmals aber auch, weil sich auch Gutes ab und zu noch verbessern oder vereinfachen lässt. Und weil man sich, um im Bild zu bleiben, als Hersteller auch ein neues Stück vom Käufer-Kuchen abschneiden kann...

Wichtige Fachbegriffe rund um das Klappmesser

Messer Fachbegriffe
Die klassischen Bestandteile gängiger Klappmesser: Die Klingenformen- und längen variieren, auch die Art der Klingenverriegelung. Beim Back Lock-Verschluss des Buck 110 muss man das Hebel-Ende (2) einpressen, um die Klinge wieder einschwenken zu können.

Auch wenn das genaue Erscheinungsdatum der ersten Verriegelungen bei Klappmessern nicht festgelegt werden kann, dürfte die Einschätzung "im Mittelalter" realistisch sein (zur Geschichte der Klappmesser hat all4shooters.com bereits hier einen Auszug veröffentlicht). Es gibt wie schon geschildert fast unzählige, ebenso knifflige wie erstaunlich simple Lösungen, von denen wir hier die bekanntesten kurz auflisten:

CRKT Liner Lock Folder
Bei diesem Liner-Lock-Folder von CRKT, einem komplett aus Metall gefertigen Messer, bietet eine Aussparung dem Daumen den Zugriff auf den "Liner" (das Futter), der die Klinge zum Ausschwenken entriegelt (dabei hilft der aufgeschraubte Stift). Der Liner federt in der Endposition der Klinge wieder hoch, drückt hinten gegen die Angel und verriegelt den Rückweg. Zum Schließen muß der Liner nochmals nach unten (zur anderen Griffschale hin) eingepresst werden. Die Griffschalen sind durch Sechskantschrauben demontierbar und die Mechanik gut zu reinigen.

Beispiele für einhändig bedienbare Verriegelungen:

Compression Lock Spyderco
An diesem zerlegten Spyderco C44 P&S Dyad sieht man die Funktionsweise des wippenartig arbeitenden Riegelstücks zur Nut der Klingenangel hin. Das Dyad (2000-2002 gebaut) besaß zwei Klingen an beiden Enden, daher sitzen die Verriegelungen fast mittig im Rücken. 
  • Liner Lock – eine gebogene Blattfeder im Griffinneren schnappt unter die Klingenbasis. Weit verbreitet, einhändig bedienbar, günstig herzustellen. Die bekanntesten Modelle dieser Technik wurden durch den amerikanischen Custom-Messermacher Michael Walker in den 1980er Jahren vorgestellt.
  • Mit dem Linerlock verwandt ist die Frame Lock-Verriegelung, mit einem vereinfachten und weniger Teile erfordernden Bauprinzip, da die obere Griffschale (üblicherweise die linke) selbst die Feder bildet. Bekannt wurde diese Verriegelung durch den Messermacher Chris Reeve und sein "Sebenza"-Messer.
  • Axis Lock – Ein quer verlaufender Stift wird mit Daumen und Zeigefinger nach hinten gezogen – von beiden Seiten des Griffs erreichbar, auch für Linkshänder ideal. Sehr smooth und sicher (Beispiel siehe Benchmade Grizzly Ridge im Bild ganz oben).
  • Compression Lock – Spyderco-Gründer Sal Glesser erfand das typische Daumenloch, in das die Daumenkuppe greift, dann lässt sich die Klinge ohne Umgreifen und ohne zweite Hand öffnen. Erst dann greift der Compression Lock ein: Die Feder greift von oben in die Klinge. Entriegelung erfolgt mit dem Daumen über einen Knopf/Hebel im Griffrücken, aber die Hand bleibt sicher außerhalb der Klingenbahn.
  • Beim Button Lock befindet sich die Ver- und Entriegelung praktisch als gefederter Knopf über der Klingenachse, was eine sehr intuitive Bedienung ohne Umgreifen erlaubt.

Beim Öffnen von Einhandmessern werden verschiedene Hilfsmittel eingesetzt, neben dem Spyderco-Daumenloch auch aufgeschraubte Stift oder auf dem Klingenrücken befestigte runde Mini-Teller (dadurch sind diese Modelle auch für Linkshänder nutzbar).

Meist nur beidhändig bedienbare Verriegelungen:

Opinel und andere
Drehringverschlüsse bei Nontron (oben) und Opinel (Mitte). Ganz unten ein kleines Schusspflastermesser aus dem Vorderlader- und Reenactment-Feld: Hier ist die Zwinge nur als stabilisierendes Element fest am Griff angenietet.
Buck 110
Das 1964 von Al Buck entworfene Buck 110 gilt als das wohl bekannteste Klappmesser – und das am meisten imitierte und kopierte Modell.
  • Der Griff-Drehring Virobloc stützt die Klinge und blockiert den Verwahrschlitz im Griff, ist das Messer geschlossen, lässt sich die Klinge im Griff auch sichern (aber eben stets mit beiden Händen). Ersonnen hat das Prinzip 1955 der französische Messerhersteller Marcel Opinel, entsprechend sind Opinel-Messer, aber auch andere französische Fabrikate mit diesem Ring ausgestattet.
  • Back Lock (auch manchmal Lock Back) – mit einem sehr langen Hebelarm, meist in der Mitte des Messer-Rückens oder gar am hinteren Messer-Ende einzupressen, arbeitet diese schon jahrhundertealte Verriegelungsart.  Die Hand muss deutlich umgreifen oder am Griff entlanggleiten. Sehr sicher und robust, aber für schnelle Einhändbedienung unbequem. Neben dem Buck 110 gehört auch das Vollmetallmesser Mercator aus deutscher Herstellung zu den bekanntesten Vertretern.
  • Slip Joint  – eine leichte Verriegelung ohne manuellen Hebel oder Knopf: Die Klinge wird von der anderen Hand gegen einen Federwiderstand geschwenkt und rastet in der Endposition ein. Zum Wieder-Einklappen ist etwas Kraft zum Überwinden der Feder notwendig. Typisch für traditionelle Taschenmesser, etwa bei den einfacheren Victorinox "Offiziersmessern". 

Bei manchen Slip Joints, aber auch bei anderen Konstruktionen wird die Klingenposition auch durch unterstützende gefederte Kugeln ("Ball Detents") gehalten. Auch Kugellager sind zur Verbesserung der sanften Öffnung im Einsatz. 

Dieses große Victorinox Champ besitzt einen Entriegelungsschieber für die große 90-mm-Klinge. 
Die Klinge ist im geöffneten Zustand verriegelt, bis der Daumen den Schieber in Richtung Klingenspitze bewegt und so die Sperre löst.