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Dynamisches Kurzwaffenschießen und IPSC-Schießtechniken: die Griffhaltung fürs perfekte Pistolenschießen

Um als Sportschütze erfolgreich zu sein, gilt es diverse Faktoren zu beachten. Waffe, Optik und Munition müssen nicht nur miteinander harmonieren, sondern auch auf die jeweiligen Anforderungen des Schützen ausgelegt sein. Doch all diese Aspekte sind hinfällig, wenn die Technik des Schützen nicht sitzt. Deshalb möchten wir Ihnen einen Einblick in die Welt des dynamischen Kurzwaffenschießens und der IPSC-Schießtechniken geben. Beginnend mit Tipps und Ratschlägen für die korrekte Griffhaltung.

Die Griffhaltung als Grundlage der dynamischen Schießtechnik:

Mit dem richtigen Griff fängt alles an und daher wollen wir unser Special über IPSC-Schießtechnik nicht nur mit Ausführungen zum Thema "korrektes Greifen der Waffe" eröffnen, sondern gleich mit einem weit verbreiteten Mythos aufräumen: Die für das schnelle, treffsichere Schießen so essentiell wichtige Rückstoßkontrolle findet in erster Linie mit den Händen statt. Weder ein übertriebenes "nach vorne lehnen", noch das Durchstrecken der Ellbogen oder ein Anspannen der Schultermuskulatur bringt viel für die Rückstoßkontrolle. Primär wird der Rückstoß der Waffe mit den Händen kontrolliert. Neben der Rückstoßkontrolle hilft ein fester Griff zudem auch in gewissen Maßen über Abzugsfehler hinweg. Wird seitlicher Druck auf den Abzug ausgeübt, der Abzugsschieber also nicht geradlinig nach hinten bewegt, verändert sich die Trefferlage. Wird die Waffe hingegen mit einem ausreichend festen Griff gehalten, wirken sich Abzugsfehler weniger stark aus.

Folgende Elemente machen einen guten Griff aus:

  • Die Waffe wird so hoch wie möglich gegriffen
  • Großflächiger Kontakt zur Waffe
  • Die Waffe wird mit größtmöglicher Griffkraft gehalten 
  • Konstanz
Das Handgelenk der Nichtschusshand wird eingedreht.
Sowohl mit der Schuss- als auch der Nichtschusshand wird die Waffe so hoch wie möglich gegriffen (1). Alle vier Finger der Nichtschusshand liegen unter dem Abzugsbügel, wobei der Zeigefinger kraftvoll dagegen gepresst wird (2). In der Handgabel der Schusshand sollte man Anpressdruck vom Griffsporn spüren (3). Verfügt die Waffe über eine Daumensicherung (1911 & CZ), sollte der Daumen der Schusshand dort abgelegt werden (4).
Der Daumen der Schusshand sollte auf der Daumensicherung abgelegt werden.
Der Daumen der Schusshand wird indes lang gestreckt an das Griffstück angelegt und sollte in jedem Fall keinen seitlichen Druck auf das Griffstück ausüben (5). Ein guter Anhaltspunkt ist, wenn der Daumen der Nichtschusshand in etwa auf Höhe der Verschlussführung zu liegen kommt. Gut zu erkennen ist, wie das Handgelenk der Nichtschusshand für eine bessere Rückstoßkontrolle nach vorne eingedreht ist (6) und dass der Arm der Nichtschusshand im Anschlag etwas höher liegt (7).

Der richtige Griff fängt oben an!

Zunächst ist wichtig, dass die Waffe so hoch wie möglich gegriffen/gehalten wird . Denn je höher die Waffe – in Richtung Laufseelenachse – gegriffen wird, desto mehr Kontrolle gewinnt man im Schuss. Am einfachsten lässt sich dieser Effekt demonstrieren, wenn die Waffe absichtlich tiefer gehalten wird und einige Schüsse abgegeben werden; die Mündungsauslenkung im Schuss nimmt dramatisch zu. Neben einer hohen Handposition ist für eine gute Rückstoßkontrolle entscheidend, dass möglichst viel Grifffläche ausgenutzt wird. 

Die Hände sollten so viel Kontakt zum Griff der Waffe wie möglich haben . Nur auf diese Weise lässt sich die Griffkraft effektiv für die Rückstoßkontrolle einsetzen. Im Einzelnen wird der Griff wie folgt aufgebaut: Mit der schussstarken Hand wird das Griffstück so gegriffen, dass die Daumen-Zeigefinger-Beuge direkt unter dem Griffsporn zu liegen kommt. Der Zeigefinger liegt außerhalb des Abzugsbügels lang am Griffstück an und die übrigen 3 Finger umschließen von vorne das Griffstück. Idealerweise sollte man einen gewissen Druck auf dem Mittelfinger (vom Abzugsbügel) und in der Daumenbeuge (vom Griffsporn) spüren, da man so weiß, dass die Hand hoch am Griffstück anliegt. Betrachtet man nun den Griff von der schussschwachen Seite her, wird man zwischen den Fingerspitzen und der Daumenwurzel eine Lücke entdecken. In diese Lücke hinein wird im Anschuss die schussschwache Hand platziert. Hierzu wird die Hand mit dem Zeigefinger – ähnlich wie bei einem Handkantenschlag – an die Unterseite des Abzugsbügels geführt und anschließend so weit nach vorne rotiert, bis dass die Daumenwurzel in die zuvor beschriebene Lücke gelegt werden kann. 

Wie bei der schussstarken Hand sollte man auch auf dem Zeigefinger der schussschwachen Hand Druck durch den Abzugsbügel spüren . Ferner sollten die Fingerspitzen beim Öffnen der schussschwachen Hand in Richtung Boden zeigen. Dies gewährleistet eine ausreichende Vorrotation des Handgelenks. Selbst der unerfahrenste Schütze wird schnell merken, dass sich die Waffe im Schuss umso weniger bewegt, je stärker man sie festhält. Grundsätzlich gilt also hinsichtlich der Griffkraft, dass mehr besser ist. Sie hilft uns, die Waffe zu kontrollieren. 

60/40 und 70/30 IPSC-GRIFF: Auf den richtigen Krafteinsatz kommt es an...

Kurzwaffe im Anschlag
Im Anschlag zeigen beide Daumen in Zielrichtung, wobei der Daumen der Nichtschusshand keinen seitlichen Druck auf das Griffstück ausüben darf, um die Neutralität unseres Anschlags nicht zu gefährden (1). Zu einer der schwierigsten Aufgaben, die es beim IPSC-Schießen zu meistern gilt, gehört die Abzugskontrolle. Oberste Priorität ist es, denn Abzug immer geradlinig und ohne Störung des Visierbildes nach hinten zu ziehen (2).

Nichtsdestotrotz gibt es auch Fälle von zu viel Krafteinsatz. So kann übermäßiger Krafteinsatz bei manchen Schützen zu Zittern im Anschlag führen. Zudem kann ein zu fester Griff mit der Schusshand zu Problemen bei der Abzugskontrolle/ -manipulation führen. Ausgehend von den unterschiedlichen Aufgaben von Schusshand und Nichtschusshand ist es daher ratsam, sie bei der Frage nach dem richtigen Krafteinsatz getrennt zu betrachten. Bezüglich der Nichtschusshand ist es durchaus realistisch und praktikabel, einen maximalen Krafteinsatz zu fordern. Zwar leidet hierunter die Feinmotorik, doch ist dies nicht weiter dramatisch, da der Nichtschusshand lediglich Unterstützungsaufgaben zukommen; insbesondere ist sie ja im beidhändigen Anschlag nicht in den Abzugsvorgang eingebunden. Im Falle der Schusshand wäre ein solcher Verlust an Feinmotorik hingegen recht problematisch. Im Idealfall bewegt der Schütze nämlich bei der Schussauslösung lediglich den Abzug und sonst nichts. 

Diese isolierte Abzugsbewegung fällt allerdings bei steigendem Krafteinsatz zunehmend schwerer, weshalb hier grundsätzlich anzuraten ist, den Griff mit der Schusshand etwas zu lockern und die Waffe "lediglich zu halten". Dies dürfte sicherlich auch einer der Gründe sein, warum verschiedentlich von dem 60/40 oder 70/30 "IPSC Griff"  gesprochen wird. Mit Blick auf die Feinmotorik macht es also Sinn, die Waffe mit der Nichtschusshand und der Schusshand mit unterschiedlicher Intensität zu greifen. Vereinfacht gesagt sollte die Waffe mit der Schusshand in etwa so fest gegriffen werden, als wenn man mit einem Hammer Nägel einschlagen wollte. Mit der Nichtschusshand hingegen kann die Waffe für die größtmögliche Rückstoßkontrolle so fest wie möglich gegriffen werden. Ist man jedoch in der glücklichen Lage, auch mit der Abzugshand ohne Einbußen bei der Feinmotorik fester zugreifen zu können, sollte man dies in jedem Fall tun. Das Plus an Rückstoßkontrolle ist es jedenfalls wert. Zusammengefasst kann man also sagen, dass die Waffe stets mit dem größtmöglichen Kraftaufwand gehalten werden sollte, bei dem es noch zu keinen negativen Begleiterscheinungen (wie etwa Einbußen bei der Abzugskontrolle oder vorzeitige, muskuläre Ermüdungserscheinungen) kommt.

Perfektes Pistolenschießen: gute Ergebnisse durch konstante Griffhaltung

Kommen wir nun zum letzten Element einer guten Waffenhaltung , der Konstanz. Jedes Mal, wenn wir unsere Waffe greifen, sollte dies auf dieselbe Art und Weise geschehen. Der Konstanz kommt gewissermaßen sogar eine größere Bedeutung zu als der Griffkraft. Auch unter größtem Match- oder Zeitdruck darf die Konstanz der Waffenhaltung nicht leiden. 

Ein einfacher Trick, um sich selbst eine konstante Grifftechnik anzugewöhnen , ist das Aufbringen von Markierungen auf den Händen mittels eines Filzschreibers. Hierzu wird die Waffe zunächst mit der korrekten Handhaltung gegriffen. Anschließend bringt eine zweite Person eine Linie (oder auch zwei Linien) auf, die von der einen zur anderen Hand verläuft. Wird nun die Waffe erneut gegriffen, kann man durch einen einfachen Blick auf die Markierungen selbst seine Waffenhaltung überprüfen. Stimmen die Linien überein, passt die Handhaltung. Ansonsten muss korrigiert werden.

Der richtige Griff für die Schusshand
Nachdem die Schusshand die Waffe gegriffen hat, ergibt sich zwischen den Fingerspitzen und der Daumenwurzel eine Lücke (1 bzw. blau eingefärbter Bereich). In diese Lücke wird die Nichtschusshand hineingelegt. Am einfachsten lässt sich die Nichtschusshand korrekt platzieren, wenn diese zunächst mit der Seite des Zeigefi ngers von unten gegen den Abzugsbügel gedrückt wird (2). Anschließend wird die Hand entgegen des Uhrzeigersinns eingedreht und in die zuvor beschriebene Lücke gelegt (3).

Übrigens sind diese Tipps rund um die richtige Griffhaltung nicht nur für passionierte IPSC-Schützen interessant, sondern grundsätzlich für jeden Kurzwaffenschützen und jede Schießsportdisziplin wissenswert und hilfreich. Probieren Sie es einfach aus und sie werden schnell merken, dass Sie Ihr Pistolenschießen so noch perfektionieren können.

Und wer sich jetzt fragt, was IPSC überhaupt für ein Schießsport ist? Hier gibt's einen Überblick zum IPSC-Schießen


Hier finden Sie die weiteren Teile unserer Serie zum Dynamischen Kurzwaffenschießen:


Welche IPSC-Klassen gibt es im Bereich Kurzwaffe? Wir bieten einen Überblick über die Divisions mit Pistole und Revolver.

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