Fatale Folgen eines EU-weiten Bleiverbots für Munition: 4 Milliarden Euro und über 16.000 verlorene Arbeitsplätze!

Eine Absichtserklärung vorneweg: Von Anfang an war es unser Ziel hier auf all4shooters.com, unsere Leser über die Risiken des ideologischen Kreuzzuges der EU – unter dem Deckmantel gesundheitlicher und ökologischer Bedenken – gegen Blei in Munition zu informieren. Davon sind nicht nur Jäger, sondern auch Sportschützen betroffen. Aber es ist nicht nur ein Problem für Waffenliebhaber: Wenn nun ein fast vollständiges Verbot von Bleimunition bevorsteht, wie hoch wird dann der Preis (oder der Schaden) für Arbeitnehmer und Unternehmen, für die Wirtschaft und die Gesellschaft insgesamt sein?

Prinzip Hoffnung und auf Zeit spielen? Viele Verbände beschäftigen sich aktuell mit dem Verbot von Blei in Munition und den Folgen für die Jagd, den Schießsport und die damit verbundene Industrie. Dabei rankt sich Vieles um längere Übergangsfristen. Aus unserer Sicht ist hier eines viel zu wenig im Fokus: Aktuell gibt es für viele Anwendungen keine gleichwertige Alternative zu Blei. Und auch die Aspekte der Auswirkungen von Alternativmaterialien wie Kupfer, Zink, Eisen etc.) auf Mensch und Umwelt sind nicht klar. Also ist es weitaus sinnvoller, sich für den Erhalt von Blei einzusetzen und die ECHA davon zu überzeugen, dass dieses Verbot mit all seinen hier dargestellten Konsequenzen keinen Sinn macht. Das sollten auch die Verbände als Ziel anstreben und nicht nur versuchen, längere Übergangsfristen zu verhandeln.


Das Europäische Schießsportforum (ESSF, Infos siehe ganz unten) hat dies ganz aktuell in einem auf der Euractiv-Website veröffentlichten Artikel ausgerechnet.

Die wirtschaftliche Analyse des ESSF ist alarmierend: Wenn das nahezu vollständige Verbot der Verwendung von Bleimunition  in Kraft tritt, würden sich die sozioökonomischen Auswirkungen auf die Munitions- und Schusswaffenindustrie und die damit verbundenen Sektoren auf bis zu 4 Milliarden Euro belaufen, über 16.000 Arbeitsplätze würden verloren gehen und die damit verbundenen Sozialkosten würden sich auf insgesamt 1,4 Milliarden Euro im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) belaufen. Die Auswirkungen würden auch Folgen für die 10 Millionen Munitionsverbraucher haben, die jährlich bis zu 20 Milliarden Euro ausgeben.

Etwa 50 % der Branche wird durch das Bleiverbot in Munition mit schweren Rückschlägen / Geschäftsschließungen rechnen müssen

Winchester Gewehrpatronen
Die wirtschaftlichen Folgen eines EU-Bleiverbots für Munition wäre fatal. Nur in Übergangsfristen zu denken ist zu wenig.

"Wenn eine radikale Reform ansteht, die einen ganzen Industriezweig verändern soll, sind eine genaue Bewertung ihrer Auswirkungen und die Festlegung eines angemessenen Zeitrahmens für ihre Umsetzung von entscheidender Bedeutung, um mögliche sozioökonomische Auswirkungen zu minimieren", schreiben die ESSF-Experten. Leider hat der Bericht der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA), auf dem das Bleiverbot basiert, diese beiden Aspekte unterschätzt.

"Laut einer von IEACS und ESFAM durchgeführten Umfrage bei Schusswaffenherstellern im EWR wird bis zur Hälfte der Industrie mit ernsthaften Rückschlägen und sogar Geschäftsschließungen rechnen müssen, wenn die Beschränkung ohne längere Übergangsfristen in Kraft tritt", erklären sie.

Um die vorgeschlagene Beschränkung einzuhalten, müssen die Branchenakteure erfahrungsgemäß etwa 10 Jahre lang umfangreiche Forschungs- und Entwicklungsarbeiten durchführen, um ohne negative wirtschaftliche Auswirkungen vollständig auf bleifreie Munition umzustellen. Ob das im Sportbereich überhaupt möglich ist, kann man aktuell nicht vorhersagen. Aktuelle Tests mit bleifreier Randfeuermunition und Luftgewehrkugeln verliefen sehr unbefriedigend, so dass man sagen kann: Aktuell gibt es in diesen Bereichen keine Alternative zu Blei in Munition.

ESSF: Fatale Folgen durch EU-Bleiverbot für Munition
Mitarbeiterin beim auch international tätigen italienischen Munitionshersteller Fiocchi – selbst der Export in Märkte ohne ein Bleiverbot wäre künftig nicht mehr möglich!

Um das in die richtige Perspektive zu rücken, muss man bedenken, dass es sich um einen Wirtschaftszweig handelt, der jährlich einen Umsatz von etwa 6 Milliarden Euro erzielt und fast 22.000 Menschen beschäftigt.

Die ESSF schreibt weiter: "Eine verfrühte Umsetzung der Beschränkung  würde mindestens die Hälfte (wenn nicht mehr) der Einnahmen und der Beschäftigten des Sektors gefährden und zur Schließung von etwa 20 Prozent der entsprechenden Unternehmen führen: ein jährlicher finanzieller Verlust von bis zu 3 Milliarden Euro und über 11.000 Arbeitsplätzen, mit damit verbundenen Kosten für öffentliche Unterstützung in Höhe von etwa 800 Millionen Euro, die von den Steuerzahlern im EWR zu tragen wären."

Vor allem kleine und mittlere Hersteller, die hauptsächlich auf dem europäischen Markt verkaufen, werden darunter leiden, da sie gezwungen sein werden, ihr Geschäft komplett einzustellen. Infolgedessen sind auch 200 Vertriebshändler, 14.000 Einzelhändler und über 300.000 Sammler in Europa, deren Geschäft ganz oder größtenteils vom Jagd- oder Freizeitschützenmarkt abhängt, gefährdet.

Sportschütze KK-Schießen liegend
Der russische Weltrekord-Schütze Sergej Kamenskij erzielte dieses Traum-Ergebnis von 632,3 Ringen (60 x volle Zehn, ausgewertet mit Zehntelringen) mit dem Kleinkaliber-Gewehr auf 50 Meter im Liegendanschlag – mit KK-Patronen und Bleigeschossen.Wissenschaftlich nachvollziehbare Tests ergaben aber, dass bleifreie Munition solche Leistungen bei weitem nicht erreichen kann!

"Wie eine von der AFEMS unter ihren Mitgliedern durchgeführte Umfrage gezeigt hat, scheint der Ansatz der ECHA zu ignorieren, dass die Leistung von Munition durch alle ihre Bestandteile bestimmt wird und für bestimmte ballistische und Aufpralleigenschaften ausgelegt ist. Die Änderung einer einzelnen Komponente in dieser Gleichung bedeutet zwangsläufig eine Umgestaltung der gesamten Einheit. Daher ist ein längerer Zeitrahmen erforderlich, um ausreichende Mengen an Munition zu entwerfen, zu entwickeln und zu verkaufen, um die derzeitige Nachfrage zu decken."

Die meisten Munitionshersteller können diese Ausfälle nur längerfristig (10 Jahre) ersetzen, und einige Firmen sind überhaupt nicht in der Lage, sie zu ersetzen. Unternehmen, die es nicht schaffen, ihre Produkte sofort zu ersetzen oder an Kunden außerhalb des EWR zu verkaufen, müssen ihre Produktionslinien einstellen. Die sozioökonomischen Auswirkungen? Jährliche wirtschaftliche Verluste von bis zu 1 Milliarde Euro, der Verlust von mehr als 5.000 Arbeitsplätzen sowie damit verbundene öffentliche Hilfen in Höhe von 600 Millionen Euro im Europäischen Wirtschaftsraum."

Wem nützt ein EU-weites Bleiverbot für Munition eigentlich?

Regal mit Munitionsschachteln
Kleine und mittlere Munitionshersteller, die hauptsächlich auf dem europäischen Markt verkaufen, könnten zur völligen Einstellung ihrer Tätigkeit gezwungen sein. Die Regale bleiben dann leer. 

Wenn man alle negativen Auswirkungen der vorgeschlagenen Beschränkung auf die Hersteller von Waffen- und Munitionsindustrie zusammenzählt, kommt man, wie oben erwähnt, auf einen Gesamtbetrag von bis zu 4 Milliarden Euro an jährlichen finanziellen Verlusten und den Verlust von über 16.000 Arbeitsplätzen, wobei die öffentliche Unterstützung im EWR 1,4 Milliarden Euro betragen würde. Aber das ist noch nicht alles: Zu den weiteren komplizierenden Risikofaktoren gehört die Verfügbarkeit (oder der Mangel) von Rohstoffen als direkte Alternativen zu Blei. Insbesondere Wismut und Wolfram als Bleiersatz für Schrotpatronen: "Während in Anhang D des ECHA-Berichts behauptet wird, dass beide Metalle 'Drop-in-Ersatz' für Blei in Schrotpatronen sind, kommt die Europäische Kommission in ihren Merkblättern zu kritischen Rohstoffen für 2020 zu dem Schluss, dass die Verfügbarkeit beider Metalle bereits kritisch ist, und prüft sogar Substitutionsmöglichkeiten, um das Risiko zu mindern."  Tja, da hätte die ECHA mal besser die hauseigenen Informationen der EU lesen sollen...

Auch Zinn und Stahl, die als Alternativen zu Blei in Geschossen und Schrotkugeln vorgeschlagen werden, werden größtenteils von außerhalb des EWR importiert, hauptsächlich aus China. "Dies würde für den EU-Markt eine Abhängigkeit von Drittländern bedeuten, wenn es um die Versorgung mit solchen Materialien geht."  Dass die hier genannten Materialien nicht ansatzweise die gleichen ballistischen Eigenschaften wie Blei haben, ist hier noch gar nicht berücksichtigt. Weniger Reichweite, schlechtere Deckung und nicht mehr waidgerechtes Jagen (z.B. auf Enten) sind weitere Konsequenzen.

Spätestens an dieser Stelle sollte klar sein, dass das Bleiverbot im Munition unmittelbare Folgen für alle haben wird. "Wenn das vorgeschlagene Verbot ohne entsprechende Korrekturmaßnahmen in Kraft tritt, werden nicht nur die Jagd (wie bereits gezeigt) und der Schießsport, sondern auch die europäische Industrie und Gesellschaft einen hohen Preis zahlen müssen", so die Einschätzung der ESSF. Hier sprechen wir nicht nur von Munitionsherstellern, sondern auch von Herstellern von Waffen, Optik und weiterer Ausrüstung. Dazu kommen alle Stufen des Handels und Großhandels.

Nicht einmal für den Export in die USA oder andere Märkte (denen ja kein Bleiverbot droht) könnten EU-Herstellern dann noch bleihaltige Munition produzieren!

Die Schlüsselfrage bleibt also: Cui bono, EU? Was soll das, wem nützt es wirklich?



Eine Erläuterung der Abkürzungen zum besseren Verständnis:

ECHA (Europäische Chemikalien-Agentur): Die von der EU beauftragte Behörde mit Sitz in Helsinki, die die Rechtsvorschriften der EU zu Chemikalien zum Schutz von Gesundheit und Umwelt umsetzen soll(te).

ESSF (Europäisches Schießsport-Forum): Europaweiter Zusammenschluss von Herstellerverbänden (zivile Waffen, Munition, Zubehör) und Schießsport- sowie Jagd-Organisationen, Sitz in Rom. Nach eigenen Angaben umfasst das ESSF europaweit 600.000 Mitarbeiter, einen jährlichen Jahresumsatz von 40 Milliarden Euro, 14.000 Fachhändler, 300.000 Sammler und etwa zehn Millionen Sportschützen und Jäger.

EWR Europäischer Wirtschaftsraum (EU-Erläuterung). Mit dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) soll der Binnenmarkt der EU auf Länder der Europäischen Freihandelszone (EFTA) ausgedehnt werden, etwa die Schweiz, Norwegen, Island und Liechtenstein. Die derzeitigen EFTA-Länder wollen der EU nicht beitreten.

Hier finden Sie alle Artikel auf all4shooters.com zum Bleiverbot und zu bleifreier Munition

Der komplette (englische) Beitrag des ESSF auf EURAKTIV

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