Das Bleiverbot der EU droht auch für Innen-Schießstätten – hier die Stellungnahme des DSB und unser Kommentar

Nach mehreren Berichten über die möglichen Auswirkungen eines Bleiverbots für den Schießsport und die Jagd in Europa in den letzten Monaten und Wochen haben wir viele besorgte Anfragen erhalten. Inzwischen gibt es Informationen, dass die Pläne der von der EU-Kommision beauftragten ECHA (European Chemicals Agency) auch auf ein Verbot von Bleigeschossen auf Indoor-Schießständen hinführen, allenfalls mit streng geregelten Ausnahmen für internationale Wettkämpfe. Der DSB (Deutscher Schützenbund) ist mit etwa 1,4 Millionen Mitgliedern einer der größten Sportverbände in Deutschland. Deshalb waren wir sehr gespannt auf die Antworten auf unsere Fragen, denn es geht um die Zukunft des Sportschießens. Die Stellungnahme von DSB-Vizepräsident Walter Wolpert (zuständig für Rechtsfragen), für die wir uns bedanken, wird im Folgenden ungekürzt dargestellt.

Drei Fragen von all4shooters.com an den Deutschen Schützenbund (DSB) zum Thema Bleiverbot in Munition - und die Antworten

Walter Wolpert (DSB-Vizepräsident Recht)
Walter Wolpert, DSB-Vizepräsident Recht 

1. Wie steht der DSB als größter Schießsportverband in Deutschland zu den erweiterten Plänen der ECHA aus dem September 2021, auch Indoor-Shooting in das Verbot von Blei in Munition zu integrieren?

Walter Wolpert für den DSB: 
Zunächst ist festzuhalten, dass es im aktuell laufenden Verfahren – und darauf müssen wir uns zunächst mit aller Kraft konzentrieren – ausschließlich und explizit um Outdoor-Stände geht. Der DSB wird dieses Verfahren im Sinne der Interessen seiner Mitglieder weiterhin sachlich, faktenbasiert und mit Nachdruck kritisch begleiten. 

Dabei halten wir eine zusätzliche Verunsicherung unserer Mitglieder mit ständig neuen Bedrohungsszenarien für nicht zielführend. Gleichzeitig gilt es natürlich wachsam zu sein, um mögliche Ansätze einer Ausweitung eines eventuellen Bleiverbotes auf Indoor-Stände frühzeitig zu erkennen und diesen wirksam entgegenzuwirken.

2. Welche konkreten politischen Maßnahmen ergreift der DSB, um dieses Verbot auf EU-Ebene zu verhindern und die Interessen des Sports und seiner Mitglieder zu wahren?

Walter Wolpert für den DSB: 
Zunächst ist hier die formale Aktivität auf EU-Ebene im Rahmen des ECHA-Verfahrens zu nennen: Der DSB hatte sich bereits zu Beginn des Verfahrens in den "call-for-evidence" mit einer umfangreichen Stellungnahme eingebracht und zusätzlich auf direkte Anfrage der ECHA zwei weitere detaillierte Antwortschreiben zum Thema verfasst. Den zuletzt vorgelegten Beschränkungsvorschlag der ECHA haben wir sorgfältig geprüft, eine weitere Stellungnahme erarbeitet und diese in das Konsultationsverfahren eingebracht. Auch am weiteren Entscheidungsprozess auf EU-Ebene werden wir uns aktiv beteiligen.

Revolverschütze BDS
Großkaliber-Revolver (hier beim BDS) werden je nach Schießstand-Zulassung oft mit Blei-Geschossen geladen. Aber auch weiterhin?

Hier wird es natürlich besonders wichtig sein, die von der ECHA bereits in Aussicht gestellten Ausnahmen für den Schießsport möglichst langfristig, weitreichend und länderunabhängig zu begründen. Hierzu sind wir im engen Austausch und Schulterschluss mit weiteren betroffenen Verbänden auf nationaler und internationaler Ebene, um uns gemeinsam sowohl direkt auf EU-Ebene in Brüssel aber selbstverständlich auch im politischen Berlin mit Stellungnahmen und vielen Gesprächen für die Rechte der Sportschützen stark zu machen. Dabei setzen wir als Sportverband auf nationaler Ebene stark auf eine "Sport-Allianz" mit dem Deutschen Olympischen Sportbund und dem Deutschen Skiverband, der mit dem Biathlon ebenfalls betroffen ist.

Gemeinsam auch mit unseren Landesverbänden versuchen wir neben dem direkten Weg zum Bundesumweltministerium auch über die Landessportbünde und die Sportministerkonferenz der Länder Einfluss zu nehmen und eine Relativierung der Position der Umweltministerkonferenz (UMK) zu erreichen. Hier sei beispielhaft ein zuletzt von den Präsidenten des DSB, des Deutschen Olympischen Sportbundes und des Deutschen Skiverbandes gemeinsam gezeichnetes Schreiben an die Bundesumweltministerin genannt, mit dem die auf falschen Annahmen basierende und die Interessen des Sports vollkommen ausblendende Beschlussfassung der UMK kritisiert wird. Darüber hinaus haben wir das Thema "Blei-Munition" auch in unserem Forderungskatalog an die derzeit in Koalitionsgesprächen befindlichen neuen Regierungsparteien aufgegriffen.

Über das Netzwerk des EU-Büro des Deutschen Sports in Brüssel planen wir derzeit Gespräche vor Ort, um uns auch auf internationaler Ebene als Teil der europäischen und internationalen Schießsportfamilie – hier vor allem mit dem World Forum on Shooting Activities und unseren beiden Dachverbänden ESC und ISSF  für unseren Sport einzubringen. Insgesamt geht es uns darum, uns möglichst breit aufgestellt an diesem für unseren Sport zukunftsweisenden Thema zu beteiligen und für unsere berechtigten Interessen zu kämpfen.

3. Welche Alternativen sieht der DSB, wenn es tatsächlich in zwei Jahren zu einem Bleiverbot in Munition kommt? Denkmodell: Internationale Wettbewerbe mit Teilnahme von Nicht-EU-Staaten oder Olympische Wettbewerbe ausserhalb der EU eingeschlossen.

Walter Wolpert für den DSB: 
Zunächst ist hinsichtlich der Zeitschiene klarzustellen, dass im Rahmen des Gesetzgebungsverfahrens eine frühestmögliche Annahme des Beschränkungsvorschlags laut eigenen Angaben der ECHA im ersten Halbjahr 2023 erfolgen könnte. Siehe dazu auch die von der ECHA aufgestellte Zeitschiene des Gesetzgebungsverfahrens – wobei schon an dieser Stelle festzuhalten ist, dass sich bereits die ersten Schritte, die Stellungnahmen der ECHA-Ausschüsse, aufgrund der Vielzahl der Eingaben um drei Monate nach hinten verschieben:

Agenda Zeitplan ECHA
Der Zeitplan der ECHA, der sich jetzt wegen der Auswertung der Stellungnahmen bereits wieder um drei Monate verschoben hat (Quelle: DSB)

Nach der entsprechenden Veröffentlichung im Gesetzblatt begänne dann die sogenannte Übergangsphase, die 1,5 (Großkaliber-) bzw. 5 Jahre (Kleinkaliber- und Schrotmunition) betragen würde. Wenngleich die Situation insgesamt also bedrohlich ist, ist es nicht so, dass in zwei Jahren kein Blei mehr verwendet werden dürfte – an einer entsprechenden "Panikmache" werden wir uns nicht beteiligen, sondern vielmehr versuchen, uns auf allen Ebenen für eine weitere Verwendung von Bleimunition einzusetzen.

KK-Patrone
Die .22 long rifle mit 40 grains Bleigeschoss: Pro Jahr werden Milliarden solcher KK-Patronen weltweit hergestellt, wohl die meistgenutzte Munition für Breiten- wie Leistungssport.

Grundsätzlich sind wir dabei guter Dinge, die von der ECHA vorgeschlagenen Ausnahmetatbestände für den Bereich Schießsport nutzen zu können, so dass es nicht zu den obengenannten Verboten in 4 bzw. 8 Jahren kommen wird. Da eine zukünftige Beschränkung der Verwendung von Blei – auch unter Berücksichtigung der obengenannten Ausnahmetatbestände - langfristig gesehen immer wahrscheinlicher wird, prüfen wir selbstverständlich auch sehr genau, welche Alternativen und Entwicklungsmöglichkeiten für die Zukunft in Frage kommen. Im Hinblick auf internationale Wettbewerbe ist dabei klar, dass es einen Automatismus – "wenn in der EU kein Blei mehr geschossen werden darf, schließen sich alle anderen Regionen der Welt dieser Einschränkung an und es finden internationale Wettbewerbe auch sofort bleifrei statt" – nicht geben wird, was zu erheblichen Einschränkungen und sportlichen Nachteilen für unsere Athletinnen und Athleten auf internationalem Parkett führen kann.


Kommentar von all4shooters.com zur Position des DSB zum Bleiverbot in Munition: Abwarten statt proaktives Handeln?

Jürgen Flach Head of a4s
Jürgen Flach, Head of all4shooters.com kommentiert die aktuelle Situation in Bezug auf das drohende Verbot von Blei in Munition

Das mit der "Panikmache" ist so eine Sache. Wie sollen wir es freundlich formulieren? Das Verbot von Blei als Geschossmaterial wird seit Jahren diskutiert, kommt nun aber mit einer Vehemenz auf uns zu, die beängstigend ist. Eben nicht nur für Jäger, sondern auch für Sportschützen. Die von der EU-Kommission beauftragte ECHA (European Chemicals Agency) verfolgt eine harte Agenda, wenn es um das Verbot von Blei in Munition geht. Schnell – umfassend – konsequent.

So hatte man erst vor einigen Wochen in den beiden Ausschüssen zur Risikobewertung (RAC und SEAC) darüber diskutiert, das Verbot auch auf Indoor-Shooting zu erweitern.

Im Folgenden lesen Sie ein sinngemäß übersetztes Zitat aus dem Newsletter „Eurometaux Chemicals Management News“ (Ausgabe Juli 2021) zur gemeinsamen Sitzung von RAC und SEAC (RAC-57/SEAC-51) – Eurometaux (= European Association of Metals) ist die Lobbyorganisation der Nicht-Eisen-Hersteller und -Recycler auf europäischer Ebene. Eurometaux ist als Beobachter (Regular stakeholder observer) unter anderem bei RAC- und SEAC-Sitzungen mit dabei und kann auch Redebeiträge einbringen.

Neewsletter-Ausschnitt
Aus den  „Eurometaux Chemicals Management News“ vom Juli 2021: Das ist der Plan:  "...den Umfang des Verbotes auch auf Indoor-Shooting und Training zu erweitern"

"… die Diskussion war fokussiert auf die Prüfung von Einfluss und Kostenschätzung eines Bleiverbotes. Beide Ausschüsse schlugen vor, den Umfang des Verbotes auch auf Indoor-Shooting und Training zu erweitern, aber vereinbarten, dass es für internationale Wettkämpfe unter strengen Auflagen Ausnahmen geben könnte …"

Mal ehrlich: Noch deutlicher kann man als ECHA eine Kampfansage an eine gesamte Branche nicht formulieren. Und nein: es geht nicht um ein ausgesprochenes Verbot, sondern um ein drohendes Verbot. Soweit hat der DSB natürlich rein formal recht. Aber wir fragen uns, ob ein proaktives Handeln eines Spitzenverbandes nicht zielgerichteter wäre, als einfach im übertragenen Sinne zu vermitteln „wir warten erstmal ab“. Hätten 1,4 Millionen Mitglieder nicht mehr Engagement in der Sache verdient?

Bringen wir es schonungslos auf den Punkt – nicht politisch, sondern technisch: Es gibt im Bereich des Sportschießens keine tauglichen Alternativen zu Blei als Geschossmaterial. Hier ist eine top-aktuelle Studie des JSM zur Präzision von bleifreier Randfeuermunition und Luftgewehr-Diabolos, über die all4shooters.com bereits berichtete und die der ECHA vorliegt.

Mögliche Ausnahmen hin oder her: Bleifreie Wettkampfmunition ist nicht konkurrenzfähig. Wir erklären gerne aus technischer Sicht,  warum das so ist: Die physikalischen und ballistischen Eigenschaften von Blei sind speziell für Randfeuermunition (Kaliber .22 long rifle) sowie Diabolos durch nichts zu ersetzen. Das Periodensystem hat nur 118 Elemente und es gibt keine taugliche Alternative zu Blei. Per se und in Kombination mit der Waffe. Wozu also warten und worauf? Für die Konstruktion eines Geschosses steht nur eine begrenzte Länge zur Verfügung. Dazu kommt das spezifische Gewicht des Materials, das bei Blei perfekt passt, sowie die Faktoren Druck, Energie, Geschossgeschwindigkeit und die Drallstabilisierung. Bei all diesen Punkten hat sich Blei als das Optimum erwiesen, weil sowohl die Dichte als auch die Festigkeit von Blei „passen“.

Noch ein Wort zu Toxizität von Blei. Wir sprechen bei Geschossen nicht von Blei an sich, sondern von Bleimetall. Der entscheidende Punkt für potenziell negative Einflüsse für Mensch und Umwelt gehen von der Partikelgröße von Blei aus. Und hier unterschiedet der Beschränkungsvorschlag der ECHA nicht. Daher halten wir den Ansatz der ECHA nicht für angemessen, zumal auch Alternativmaterialen, die etwa im Jagdbereich eingesetzt werden (wie Kupfer, Zink, Eisen) nicht unter allen Aspekten „unbedenklich“ sind.

Damit wäre der politische Kreuzzug der ECHA erfolgreich:

Erst Blei, dann Kupfer, dann die Jagd und dann das Sportschießen verbieten? Ist das die Vision der EU?

Verstehen Sie jetzt, warum wir im Interesse aller Beteiligen ein proaktives Verhalten bevorzugen würden? Last but not least auch vom DSB. Die finalen Beschlüsse von RAC und SEAC wurden inzwischen auf Juni 2022 verschoben, weil „viele Argumente eingegangen sind“ – das zeigt, dass es noch nicht zu spät ist, wenn wir jetzt geschlossen handeln.


Weitere Antworten auf unsere "3 Fragen" von weiteren Schießsport-Verbänden gibt es hier in Kürze:
Die hauptsächlich im Großkaliberbereich aktiven Verbände Bund der Militär- und Polizeischützen (BDMP), Bund Deutscher Sportschützen (BDS) und die Deutsche Schießsport-Union (DSU) haben wir ebenfalls um die Beantwortung unserer Fragen gebeten – auch diese werden wir ungekürzt veröffentlichen.

Hier als nächstes die Antworten der Deutschen Schießsport-Union DSU plus Kommentar

Die Antworten vom Bund der Militär- und Polizeischützen (BDMP) (folgt noch)

Die Antworten vom Bund Deutscher Sportschützen (BDS) (folgt noch)

Und hier finden Sie eine Übersicht über bisherige Beiträge bei all4shooters.com und all4hunters.com zum Thema "Verbot von Blei in Munition"