Gelegentlich finden sie sich noch, die historischen Waffen, die selten sind, eine eigenwillige Technik aufweisen und viel Geschichte mitbringen. Genauso verhält es sich bei dieser Gustloff-Pistole. Um diese deutsche Rarität aus dem Zweiten Weltkrieg richtig einordnen zu können, blicken wir hier zunächst auf den historischen Hintergrund bevor wir die Konstruktion näher beleuchten.
Historischer Hintergrund: Wie aus den Suhler Simson-Werken die Gustloff-Werke der Nazis hervorgingen
Nach dem Ersten Weltkrieg befand sich das Suhler Unternehmen Simson in einer Schlüsselposition: Da leitete Arthur Simson den einzigen von den Alliierten gebilligten Rüstungsbetrieb, der Reichswehr, Polizei und weitere bewaffnete Verbände mit Waffen versorgen durfte. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahre 1933 sah er sich als Jude aber zunehmenden rassistischen Anfeindungen ausgesetzt. Mit den Faschisten kooperierende Richter warfen dem Simson-Chef Kollaboration sowie Begünstigung und Vorteilsannahme gegenüber den verhassten Kriegsgegnern vor. Völlig zu Unrecht verurteilten sie ihn zu überzogenen Geld- und Gefängnisstrafen. Es war eine Frage der Zeit, bis die NS-Schergen ihn und seine Firma ruiniert haben würden. Schon 1934 führten die Nazis per Gesetz die Zwangsarisierung jüdischer Betriebe ein und wandelten die 1856 von den Brüdern Löb und Moses Simson gegründeten Simson-Werke in die „Berlin-Suhler-Waffen- und Fahrzeugwerke G.m.b.H. Berlin“ um. Im Dezember 1935 zwangen die Nazis Arthur Simson, seine Mehrheitsanteile zu Dumping-Preisen an den NS-Staat zu verramschen. Flugs folgte die Überleitung der Firma in die „Nationalsozialistische-Industrie-Stiftung (N.I.S.)“ unter Vormundschaft des Hitler-Vasallen Fritz Sauckel, dem zuständigen Thüringer Gauleiter. Die Familie Simson erkannte die Gefahr einer Inhaftierung und floh in einer Nacht- und Nebel-Aktion über die Schweiz in die USA.

Nach dem Mord an Wilhelm Gustloff, dem Landesgruppenleiter der Schweizer NSDAP-Auslandsorganisation, verfügte Hitler am 27. Mai 1936 die Namensänderung der „N.I.S.“ in „Wilhelm-Gustloff-Stiftung“. Ab da wuchs sie per Requirierung weiterer Reichsbetriebe zu einem Wirtschaftsgiganten. Sie baute von Waffen, Munition, Fahrzeugen, Eisenbahnwaggons, Holzvergasergeneratoren bis hin zu Bergbauanlagen alles, was Hermann Görings Vierjahresplan hergab. Am 1. Mai 1937 folgte die nächste Umbenennung in „Fritz-Sauckel-Werke“. Neue Anlagen stellten die Weichen für einen weiteren Rüstungsgiganten. Bereits 1938 entstand in Schmiedefeld am Rennsteig ein Zweigwerk zur Fertigung von MG-Läufen. Mit dem Zweiten Weltkrieg kam der Stopp des zivilen Fahrzeugbaus zwecks erhöhter Waffenfertigung. Zudem erhielt die Firma den neuen Namen „Gustloff-Werke – Waffenwerk Suhl“. Über 6000 Arbeiter stellten fortan für die Wehrmacht Karabiner 98k, Maschinenwaffen, Flaklafetten und weiteres Kriegsgerät her.
1940 eröffnete das Gustloff-Werk in den südthüringischen Ortschaften Meiningen und Greiz. Hier entstanden Läufe, die Panzerbüchse 39, das MG 13 sowie die 2-cm-Flak 38. 1942 begann im neuen Zweigwerk in Litzmannstadt der Bau des MG 42. Für weitere Militäraufträge und infolgedessen auch für die Produktion des Selbstladekarabiners K43 rekrutierte Fritz Sauckel – im Vorgriff auf seine spätere unrühmliche Rolle als Arbeitssklavenbeschaffer für die von Albert Speer geleitete Rüstungsindustrie – vom Reichssicherheitshauptamt Abertausende von Häftlingen aus dem benachbarten Konzentrationslager Buchenwald. In dessen Außenlager Berlstedt errichtete er 1942 eine weitere, weitestgehend abgeschirmte Waffenfabrik als SS-Sonderlager, nämlich das Gustloff-Werk 2.
Die Entstehung der Gustloff-Pistole:
Sauckel gefiel der Gedanke, wachsende Organisationen wie SS und Polizei, aber auch die Wehrmacht mit Pistolen aus seinem Hause auszustatten. Denn deren Verbände litten unter chronischem Waffenmangel und der Bedarf war immens. So beauftragte Sauckel 1937 die Gustloff-Konstrukteure Karl Barnitzke und Erich Ladicke, unter Umgehung der Schutzrechte der Marktführer Walther und Sauer eine Kurzwaffe mit einfachem Masseverschluss im damals sehr beliebten Kaliber 7,65 Browning zu entwickeln. Heraus kam die Gustloff-Pistole.

Das Erfinder-Duo gab sich redlich Mühe, ihrem achtschüssigen Rückstoßlader außer einem gefälligen Design auch einiges an technischem Pfiff mitzugeben. Das wohl wichtigste Merkmal: Die Gustloff erhielt ein Griffstück aus Zinkdruckguss. Die Simson-Werke experimentierten bereits Ende der 1920er Jahre mit dem recht weichen Material, das aber im Verbund mit den hochlegierten Stählen der Verschlussstücke nur bedingt taugte. Jedoch war es letztlich günstiger und einfacher in der Herstellung und ließ sich ohne große Maschinen-Laufzeiten verarbeiten. Zudem war das Griffstück zweigeteilt. Der aus demselben Material gefertigte Abzugbügel wurde sauber eingeschoben und mittels Stift fixiert. Dennoch bestand die Gustloff-Pistole aus nur 37 Einzelteilen. Wenig gegenüber den 51 der Walther PP oder gar 55 Teilen der Sauer 38H: ein weiterer Vorteil und das zweite Merkmal dieses Waffentyps.

Das dritte Merkmal fand sich links am Griffstück. Unter Umgehung der Sauer-Patente ersannen Barnitzke und Ladicke eine manuelle Sicherung, deren vernietetes Hebelwerk unter der Griffschale lag. Beim Betätigen spannte oder entspannte sich die Schlagfeder durch Vor- oder Nach-hinten-Drücken eines Hebels. Die Übersetzung der Mechanik war aber kraftaufwendig und erforderte einen gut trainierten Daumen. Beim Spannen zeigte ein roter Punkt am Griffstück Feuerbereitschaft an. Beim Sichern verdeckte der Schieber den Punkt. Eine Sperrklinke im Griffstück blockierte zudem den Abzug. Heutigen Besitzern dieser Raritäten sei wegen der fragilen Mechanik geraten, von der Sicherung die Finger zu lassen. Seinerzeit aber wiesen die Konstrukteure diese Extras als Vorteil zu schnellerem Feuern aus: Die Waffe ließ sich so gefahrlos geladen führen und war mit etwas Kraftaufwand sofort schussbereit.
Die Gustloff hat mit Blick auf Schutz vor Schmutz einen verdeckten Hahn. Das vorliegende Modell misst 169 mm, hat einen sechszügigen 96-mm-Lauf, fasst ein achtschüssiges Magazin für Patronen in 7,65 mm Browning und wiegt samt Magazin 625 g.
Interessanterweise meldete der Thüringer Gauleiter die neuen Patente am 22. Juli 1937 nicht unter dem Namen der Fritz-Sauckel-Werke, sondern unter dem alten Simson-Firmenlogo „B.S.W.“ an. Mit Blick auf lukrative Armeeaufträge schenkte Sauckel Hitler ein sorgsam handgefertigtes, aufwendig graviertes Exemplar. Dabei betonte er, dass es sich „keinesfalls um eine Walther“, sondern um einen neuen Entwurf seines Hauses handeln würde. Als auch der italienische Diktator Benito Mussolini ein Deluxe-Modell von Sauckel überreicht bekam, bestellte Hitlers militärischer Adjutant und Angehöriger des Heereswaffenamtes, Gerhard Engel, selbst eine dieser „neuartigen Führerwaffen“. Mit Engels Hilfe hoffte Sauckel, Material und Maschinen zur Massenproduktion zu erhalten. Per Brief bat er ihn unverhohlen um Unterstützung, um diese Waffe im großen Stil bei Streitkräften und bewaffneten Organisationen einzuführen. Eine Kopie seines Schreibens lancierte er an Reichsführer-SS-Heinrich Himmler, den er mündlich bereits über diese Waffe informiert hatte. Himmler biss an. Ihm sagte die Idee zu, eine eigene „SS-Pistole“ für seine Totenkopfverbände und Verfügungstruppen zu haben. Sehr oft gab es nämlich Reibereien bei der Vergabe von Waffenkontingenten zwischen Heereswaffenamt und SS-Zeugamt. Viel zu oft mussten seine Verbände wegen ausbleibender Wehrmachtslieferungen zu Beutebeständen greifen. Im April 1940 wies Himmler den Chef des Waffen- und Geräteamtes der Waffen-SS, SS-Oberführer Heinrich Gärtner, an, den Gustloff-Werken genug Material zu liefern, um 100 (!) Musterpistolen für einen Truppenversuch zu bauen.
Sauckel erwartete freilich Aufträge im sechsstelligen Bereich. Enttäuscht ignorierte er drei weitere Schreiben Gärtners. Auch die Materialaufstockung für 1.000 Musterwaffen ließ ihn kalt. Auf Drängen Himmlers führte Gärtner im November 1940 ein ultimatives Gespräch mit der Suhler Geschäftsleitung. Dieser erhielt höflich, aber bestimmt eine Abfuhr: Die momentane kriegsbedingte Auslastung und das Fehlen von Mensch, Maschinen und Material erlaubten zur Zeit keine zusätzliche Pistolenproduktion für externe Organisationen. Den Beginn einer möglichen Massenfertigung für die SS sah er frühestens sechs Monate später. Doch auch dann passierte nichts. Um den im NS-Staat hochstehenden Himmler nicht ganz vor den Kopf zu stoßen, überreichte ihm Sauckel im Juli 1941 ein handgraviertes Exemplar mit persönlicher Widmung. Natürlich wies er wieder darauf hin, welche Vorzüge dieses Glanzstück thüringischer Ingenieurkunst gegenüber der marktführenden Walther-Pistole besäße. Amüsant daran: Himmler bedankte sich einige Tage später per Brief artig für die „wunderschöne Neukonstruktion der Walther-Pistole“. Als Nachfragen ausblieben und auch das Heereswaffenamt die Pistole ablehnte, gab der frustrierte Sauckel es auf, sie an den Mann zu bringen. Trotzdem erschien dazu im April des Jahres 1943 noch eine Hochglanzbroschüre, in der die neue Zielgruppe der Gustloff-Pistole benannt wurde: „Der Offizier, Polizei-, Bank- oder Forstbeamte, der Werkschutzmann, Jäger oder Schütze, jeder wird in der Gustloff-Pistole das finden, was er braucht, nämlich einen treuen und zuverlässigen Kameraden“. Offenbar blieben Organisationen wie SS oder NSDAP darin absichtlich unerwähnt.
Als Martin Bormann, der Leiter der Reichskanzlei, mit Führererlass vom 25. September 1944 die Aushebung des Volkssturms verfügte, herrschte in allen Gauen Material- und Waffenmangel. Weil Hitler dessen Ausstattung aus Wehrmachtskontingenten verboten hatte, ordnete Bormann am 11. November 1944 das Einsammeln aller verfügbaren Waffen für das letzte Aufgebot an. Nach Durchkämmen aller Lager und Magazine, nach Requirierung aller greifbaren privaten Bestände kam ein riesiges Sammelsurium an Schusswaffen und Munition zusammen. Auch die Fritz-Sauckel-Werke räumten ihre Regale und stellten der NS-Partei alle überschüssigen Waffen, Waffenteile und Ausrüstungsgegenstände zur Verfügung. Hierbei setzte man auch die noch vorhandenen Einzelteile der Gustloff-Pistolen zusammen – eine Serienfertigung hat es nie gegeben. So verließ auch die hier beschriebene Waffe die Suhler Werkshallen und diente ein letztes Mal dem NS-Fanal. Sie überdauerte das Kriegsende und die Jahrzehnte danach in der tiefen Manteltasche eines unbekannten Volkssturmsoldaten.
Von der Gustloff-Pistole sind nur noch wenige Realstücke bekannt:

Obgleich aus Werbegründen vierstellige Seriennummern einiger Realstücke eine höhere Fertigungszahl vorgaukeln, verließen wohl nur rund 100 von Hand angepasste Pistolen die Fabrik. Dabei gleicht keine Gustloff-Pistole der anderen. Es gab sie mit oder ohne Spannabzug, mit Hartgummi- oder Holzgriffschalen. Einige Exemplare erhielten einen vergrößerten Abzugsbügel für winterlichen Einsatz mit gefütterten Handschuhen. Manche waren brüniert oder phosphatiert, andere blieben hingegen weißfertig. Auch differierten die bekannten Stücke bei Abzügen, Abzugstangen, Verschlussbearbeitung und Beschriftung. Einige Waffen sind zivil beschossen, andere blieben unbeschossen. Der Großteil dieser Pistolen ging entweder in den letzten Kriegstagen verloren oder wanderte danach in die Hochöfen. Die meisten erhaltenen Stücke reisten als begehrte Kriegsbeute in den Duffle Bags der US-GIs über den großen Teich. Heute kennt die Fachwelt 16 Realstücke, die weltweit in Tresoren und Vitrinen gut sortierter Sammlungen und Museen schlummern, so auch bei der Wehrtechnischen Studiensammlung (WTS) der Bundeswehr in Koblenz. Und so wechseln gut erhaltene Exemplare für fünfstellige Summen den Besitzer – Tendenz steigend.
Der vorstehende Beitrag wurde redaktionell von Matthias S. Recktenwald und dem Team von all4shooers bearbeitet.
Der Artikel erschien neben anderen interessanten Beiträgen für Sammler, Schützen und Jäger in der VISIER-Ausgabe 1/2026. Das Heft und weitere Ausgaben können Sie hier im VS Medien-Shop online erwerben, dort ist die VISIER 1/2026 auch als ePaper verfügbar.









