Die .22 Winchester Magnum wirkt auf den ersten Blick wie die größere und kräftigere Schwester der .22 long rifle. In den USA genießt sie den Status eines Underdogs bei den Verteidigungspatronen, denn Randfeuerpatronen und -waffen sind anders eingestuft als Zentralfeuer. Davon kennen wir ansatzweise etwas, dank des Verbots von Kurzwaffen unter Kaliber 6,3 mm ab 1970 im § 40 WaffG und der Anlage 2. Das war dann schade um den Taurus Raging Hornet, die PSM, FN Five Seven und die SIG Sauer MCX mit Klappschaft in 11,5“. Sei es drum, lange Magazine für Randfeuerpatronen über 10 beziehungsweise 20 Schuss wurden verschont, Gleiches gilt für 22er Pistolen und Revolver mit Randfeuerzündung. In den Tagen vor dem Durchbruch der .22 Hornet, damals in den frühen 80er Jahren, war die .22 Win. Mag. die Niederwildkugelpatrone für Fuchs, Krähe, Bussard (sehr lang her) oder Hase. Heute ist sie der Underdog, denn die .22 Hornet hat ihr das Wasser abgegraben – besonders dank der Sportordnung des DJV für jadgliches Schießen mit der Büchse. Mit der längeren Hülse und größeren Leistung kommen bei der .22 Win. Mag. jedoch einige Unterschiede zur beliebten .22 long rifle. Diese Unterschiede haben bei der Verwendung in Selbstladern und Pistolen auf die Funktion einen erheblichen Einfluss:
Die 22er Mini Magnum hat einen relativ langsamen Abbrand und einen späten Druckanstieg. Die gemütliche Bockbüchsflinte oder die Repetierbüchse in .22 Winchester Magnum haben alle Zeit der Welt zum Ausziehen der Hülse und erneutem Nachladen, so dass dieses keinen Einfluss auf die Funktion hat. Bei Selbstladern muss jedoch die im Vergleich zur .22 l.r. deutlich längere zylindrische Hülse einerseits den Gasdruck abgebaut haben und bereits zurücklidern. Andererseits muss auch noch genug Energie im System sein, um den automatischen Verschluss zu betätigen. Und eine weitere Problemzone: Der Hülsenrand mit integrierter Anzündladung macht den reibungslosen Munitionsfluss vom Magazin ins Patronenlager mit anschließendem Ausziehen der Hülse (verglichen mit Patronenhülsen mit Auszieherrille) auch nicht einfacher.
Die Selbstladepistole AMT AutoMag II in .22 WMR

Der Name AutoMag weckt zunächst die Vorstellung von einer Pistole im Kaliber .44 AM mit Drehkopfverriegelung. Seit dem erfolgreichen Marketing durch Dirty Harry hat sich AMT nicht nur als Unternehmen ständig verändert, die AutoMag-Familie hat auch reichlich Zuwachs bekommen. Die AMT AutoMag II wurde von 1987 bis 1999 bei Arcadia Machine & Tool in Pasadena, Kalifornien gefertigt, danach bis 2018 bei High Standard in Houston, Texas.

Die Waffe ist komplett aus rostträgem Stahl gebaut und verfügt über eine hohe Fertigungsqualität. Die Griffschalen bestehen aus Kunststoff, der Magazinhalter findet sich unten am Griffstück. Die Pistole arbeitet mit einem Single Action-Abzug mit außenliegendem Hahn. Das war es aber auch mit den Gemeinsamkeiten mit der ausgewachsenen Ur-AutoMag, denn die AutoMag II beschreitet bei wichtigen Aspekten andere Wege. Sie nutzt anstelle einer Hahn- und Abzugssicherung im Griffstück eine links in den Verschluss integrierte Schlagbolzensicherung und im Gegensatz zur Ur-AutoMag einen zwar teilskelettierten, aber ansonsten relativ konventionell geformten Pistolen-Schlitten. Insgesamt ist die AutoMag II eine Pistole, die ihre Herkunft aus den 80er Jahren stolz zur Schau trägt.
Ein Blick "unter die Haube" der AMT AutoMag II:

Um dem Gasdruckverlauf Rechnung zu tragen, bohrte AMT 18 Löcher mit einem 90°-Winkel in das Patronenlager vor und neben der Hülse. Darüber sitzt ein Mantel, der nach außen abdichtet. Wird nun eine Patrone verschossen, entweicht ein Teil des Gasdrucks in den Zwischenraum zwischen Mantel und Patronenlageraußenwand. Dieser wirkt dann durch die Bohrungen an der Längsseite der Hülsenanlage im Patronenlager gegen die Liderung und unterstützt dadurch das Ausziehen der abgefeuerten Hülse. Von außen ist das Ganze aufgrund der guten Verarbeitung nicht zu erahnen – erst der Blick ins Patronenlager zeigt den Aufwand. Die Zuführproblematik löste AMT mit einem neun- beziehungsweise siebenschüssigen einreihigen Magazin. So liegen die Ränder der Patronen voreinander, wie man es auch von den meisten Pistolen im Kaliber .22 l.r. kennt. Der Verschluss ist sehr großzügig ausgefräst, so dass die Hülse viel Platz zum Auswurf hat und die Waffe abkühlen kann. Die AutoMag II ist präzise und zuverlässig, wenngleich neun beziehungsweise sieben Schuss .22 Magnum in Verbindung mit einem Single Action-Abzug für eine Selbstverteidigungswaffe nicht überzeugend sind. Ein positiver Aspekt der Pistole: Die Schlagbolzensicherung erlaubt ein sicheres Entspannen, in Sachen Handhabung ein echtes Plus.
Technische Daten: Die AMT AutoMag II im Detail
Modell: | AMT AutoMag II |
Neupreis: | ca. 295 US-Dollar (1987) |
Kaliber: | .22 Win. Mag. |
Kapazität: | 9 (Kompaktmodell 7 Patronen) |
Länge: | 197 mm |
Abzugswiderstand: | 910 g |
Gewicht: | 850 g |
Lauflänge: | 110 mm (4.5“, auch mit 6“-Lauf gefertigt) |
Ausstattung: | Masseverschluss mit Gasentlastungsbohrungen im Patronenlager, Stainless Steel, Kunststoffgriffschalen, manuelle Schlagbolzensicherung. |
Im Fokus: Die Grendel P30

Inmitten der Fertigungsperiode der AutoMag II brachte die von 1987 bis 1994 existierende Grendel Inc. eine eigene Waffe im Kaliber .22 WinMag heraus. Die Grendel Inc. war eines der zwei Waffenunternehmen von George (eigentlich Göran) Lars Magnus Kellgren, einem gebürtigen Schweden. Kellgren arbeitete als Entwickler für Waffen bei Husqvarna und Swedish Interdynamics, bevor er 1979 in die USA wechselte. Dort arbeitete er zunächst bei Interdynamic USA, einem Ableger der schwedischen Mutter. Die Firma fertigte Waffen wie die TEC9 und TEC22 mit zuschießenden Verschlüssen, was Probleme mit dem ATF (damals noch: Bureau of Alcohol, Tobacco & Firearms) aufgrund der zu einfachen Umbaumöglichkeiten zu Vollautomaten brachte. Hinzu kam, dass diese vollautomatischen Umbauten in der TV-Serie Miami Vice eine prominente Rolle hatten, was den Druck, die Modelle vom Markt zu nehmen, noch verstärkte. Bei Intratec wechselte man mit der TEC-DC9 zu aufschießenden Verschlüssen. Parallel zu Grendel baute Kellgren in Florida ab 1991 die heute noch bekannte und aktive Firma KelTec auf und begann dort vier Jahre später mit der Waffenproduktion.
Die Firma Grendel Inc. fertigte in ihrer kurzen Geschichte drei Waffen. Ab 1988 lancierte man die Grendel P10. Diese ist eine Double Action Only-Pistole in subkompakter Bauweise mit unverriegeltem Verschluss im Kaliber .380 ACP. Die P10 wird mit AR-15-Ladestreifen von oben geladen. 1991 folgte die Grendel P12, die über ein entnehmbares Magazin für 9 bis 12 Patronen verfügt. Beide Pistolenmodelle haben ein Griffstück aus Zytel, einem glasfaserverstärkten Kunststoff, der nicht ganz ideal für belastete Teile ist. Grendel verwendete ebenfalls Zytel als Werkstoff für die Magazine. 1990 bis 1994 fertigte Grendel ebenfalls die P30. Diese Waffe wurde von Kellgren konsequent auf Leichtbau getrimmt. Die Pistole hat einen unverriegelten Feder-/Masseverschluss und löst das Gasdruckthema der .22 WinMag, indem im Patronenlager Entlastungsrillen für ein Umfluten der Hülse mit Gas vor dem Ausziehen sorgen. Hier hat sich Kellgren möglicherweise bei der Colt Gold Cup .38 Wadcutter, sicherlich aber bei dem Heckler & Koch G3 oder der MP5 bedient. Kein Wunder, das G3 war ihm vermutlich aus dem Grundwehrdienst bei der Schwedischen Armee bekannt, als Lizenzfertigung Automatkarabiner 4 (Ak4) bei Husqvarna.

Trotz des gefluteten Patronenlagers ist die Pistole etwas munitionsfühlig, hier hat sich die Teilmantelmunition von Winchester bewährt. Die Besonderheit der P30 stellt jedoch ihr Magazin mit einer stolzen Kapazität von 30 Patronen dar. Hier liegen die 22er Magnum-Patronen im Zickzack und die Zuführung funktioniert gut – solange die emfindlichen Magazinlippen nicht brechen. Neue Magazine für die Grendel P30 sind schwer zu bekommen, so dass hier auch bei der Handhabung mit dem Zytel-Teil maximale Vorsicht geboten ist. Nicht fallenlassen, keine Gewalt, sonst gibt es Bruch und Tränen. Der Bedienkomfort stand nicht im Vordergrund des Designs: Der Konstruktion mangelt es an einem Verschlussfang und der Sicherungshebel macht sich in der unteren Position „entsichert“ scharfkantig in der Hand bemerkbar.

Im Gegensatz zu der AutoMag II, die sich im Prinzip ja recht eng an die Colt M1911 anlehnt, geht die P30 auch dort eigene Wege. Die Pistole hat ein innenliegendes Schlagstück nach Art der M38 von Sauer & Sohn und eine beidseitige Hebelsicherung für das Schlagstück. Ausgelöst wird durch einen reinen Single Action-Abzug. Der Magazindrücker befindet sich im Griffstück. Zum Zerlegen muss, Astra 600-mäßig, zunächst die Mündungskappe abgeschraubt werden. Nachdem die Verschlussfeder und der Führungskeil vor dem Griffstück entfernt sind, kann der Verschluss nach hinten abgehoben und nach vorne entnommen werden. Die Grendel P30 exisitiert in zwei Lauflängen, fünf und acht Zoll. Zudem wurde sie als Karabiner gebaut. Bei der abgebildeten Grendel handelt es sich um die 5“-Version.
Die technischen Daten im Detail: Grendel P30
Modell: | Grendel Inc. P 30 |
Neupreis: | ca. 400 US-Dollar (1994) |
Kaliber: | .22 Win. Mag. |
Kapazität: | 30 Patronen |
Länge: | 216 mm |
Gewicht (inkl. leerem Magazin): | 850 g |
Lauflänge: | 5” (125 mm) |
Ausstattung: | Masseverschluss, Patronenlager mit Entlastungsrillen, Zytel-Griffstück, innenliegendes Schlagstück, Daumensicherung. Single Action-Abzug,zweireihiges Magazin. |
Die AMT AutoMag II und die Grendel P30 auf der Schießbahn:
Die AMT AutoMag II erfreut durch gute Handlage und gute Trefferbilder. Die Funktion ist zuverlässig und auf 25 m sind Treffer im Schwarzen kein Problem. Der Abzug bricht sauber am Druckpunkt. Die Grendel P30 ist etwas unpräziser und kommt aber mit eigenen Themen. Die Sicherung drückt in die Daumengrube, die Pistole möchte die richtige Munition bekommen und immer wieder geschmiert werden. Die Ausziehprobleme, von denen in Foren berichtet wird, blieben aus. Auffällig ist ein eher schwammiger Abzug. Beiden Pistolen ist ein gewaltiges Mündungsfeuer zu eigen, was aber angesichts der Büchsenpatrone .22 WinMag kein Wunder ist.
Fazit zu Pistolen in .22 Win. Mag.: Das können die AMT AutoMag II und die Grendel P30
Beide Pistolen sind (gut geschmiert) zuverlässig, präzise und machen viel Freude beim Schießen. Die AutoMag II ist eine leider nicht mehr gefertigte, aber nahezu unzerstörbare Waffe für alle, die sich entweder für die AutoMag-Ästhetik erwärmen können oder etwas Stärkeres als eine .22 l.r. suchen. Ihre Handhabung ist nicht so praktisch, was sie eher kulturhistorisch interessant macht. Die Grendel P30 ist heute, ähnlich der Heckler & Koch P9s, ein rohes Ei zum Schießen. Während das Puffergehäuse der P9s die Schwachstelle bildet, sind es hier die Kunststofflippen des Magazins. Mit 30 Schuss hat sie eine ordentliche Beladung, ist leicht, kompakt und sicher. Leider ist alles, was kaputtgeht, nahezu unmöglich zu ersetzen. Daher ist auch sie eher eine kulturhistorische Kuriosität, mit der man auf dem Schießstand mal die Sportsfreunde verwundern kann. Die Grendel P30 lebt seit 2010 in der KelTec PMR 30 fort. Diese bietet erhebliche Verbesserungen hinsichtlich Material und Ergonomie – unter Verzicht auf geflutete Patronenlager.
Text: Karsten Stern
Redaktion: Hamza Malalla
Dieser Artikel erschien auch in der VISIER, Ausgabe 7/2026. Das Heft können Sie im VS Medien-Shop online kaufen. Dort steht es auch als ePaper zur Verfügung.










