
Die ersten Assoziationen nach dem Öffnen der Schachtel reichen von der Gefühlsebene beim Betrachten groben Unfugs bis zu dem Eindruck, der sich beim Erkennen ingeniös umgesetzter Details einstellt. Nach den ersten Handgriffen an dieser Pistole überwiegen die positiven Eindrücke von den technischen Umsetzungen an dieser "Schrumpf-Luger". Auch die Verarbeitung lässt, selbst nach heutigen Standards, kaum Wünsche offen. Die auf den ersten Blick etwas billig wirkenden Plastikgriffschalen befriedigen ergonomisch durchaus. Eine an der linken Griffschale angebrachte Daumenauflage verbessert die Handlage. Die Haptik der gegossenen Fischhaut trägt ausreichend zum Halt in der Schusshand bei. Der von der P. 08 übernommene Griffwinkel überzeugt auch an dem stark verkleinerten Modell. Die Minimierung trägt allerdings dazu bei, dass selbst bei mittelgroßen Händen der kleine Finger über den Magazineinlass ragt.

Sehr gut gelungen ist den Ingenieuren der Erfurter Maschinen- und Werkzeugfabrik Bertold Geipel GmbH (Erma) die Farbangleichung von den brünierten Stahlteilen, Rohr und Verschluss, dies im Vergleich zur Beschichtung des Gussgriffstücks, das wohl aus einer Aluminiumlegierung bestehen dürfte. Befriedigend ist auch der erforderliche Kraftaufwand zum Betätigen von Sicherung und Magazinauslöser. Der oben überdeckenden Daumenauflage wegen erfolgt dessen Betätigung besser mit dem Daumen der Nicht-Schusshand. Die Betätigungswege der Bedienelemente zeigen einen gleichmäßigen Gang. Beim Einführen des geladenen Magazins ist etwas Kraft erforderlich, bis es sicher einrastet. Das liegt an der Magazinsicherung, welche die Schussabgabe ohne Magazin im Schacht verhindert. Für den damaligen Export der Erma KGP 68 A in die USA war diese Sicherung unverzichtbar. Die P. 08 bekam unter Nutzung eines Walther-Patentes diese spezielle Sicherung optional erst ab 1933. Von der P. 08 wurde die Mimik der Auszieherkralle übernommen. Diese hatte Georg Luger schon 1904 so konstruiert, dass sie bei einer Patrone in der Kammer weit heraussteht. Durch die zusätzliche rote Färbung der Flanken besteht sowohl eine optische wie haptische Orientierung zum Ladezustand. Die Erma-Pistole weist auch nach heutigen Maßstäben ein überzeugendes Sicherheitspaket auf – die Geladen-Anzeige, eine automatische und eine manuelle Sicherung.

Dem Kenner der P. 08 wird das Fehlen der Deckplatte auffallen. Und es fehlt ein Hebel, das "Sperrstück" am Griffstück der P. 08. Etwa an dieser Stelle sitzt bei der Erma ein Druckbolzen. Und spätestens beim Durchladen wird der große technische Unterschied von der KGP 68 A zur P. 08 klar. Bei dieser gleiten im Schuss Verschluss, Gabelgehäuse und Rohr eine gemeinsame Strecke zurück, bis die Scharnierknöpfe gegen die Steuerkurven der Seitenschilde laufen und den Entriegelungsvorgang einleiten. Das "Kniegelenk" knickt auf. Dieses Gelenk knickt auch bei der Erma-Pistole auf. Daher deren sinniges Kürzel "KGP = Kniegelenk-Pistole". Doch läuft sonst nichts zurück, die Scharnierknöpfe sind nur Handhaben zum Durchladen, sie berühren die angedeuteten Steuerkurven nicht einmal. Die KGP 68 A hat lediglich einen Feder-Masse Verschluss, dessen Kniegelenk in der Mimik einer P. 08 funktioniert: Chapeau zu dem, was den Erma-Konstrukteuren vor bald 60 Jahren gelungen ist.
Auf dem Schießstand:

"Zu heiß gewaschen?" Bei den Schützenfreunden steht die "Kleine" sofort im Mittelpunkt. Es ist verblüffend, selbst Anfänger kennen die P. 08 und sehen gleich, dass hier etwas nicht stimmt. Schnell ist mehr Zeit zum Erklären als Schießen vergangen. Auf 25 Meter trifft man etwas mehr als den berühmten Blumentopf, aber von einer Sportwaffe ist die KGP 68 A weit entfernt. Im Vergleich zur P. 08 fehlt geladen fast ein halbes Pfund Gewicht. Die 640 Gramm Leergewicht der Erma und die gut 2.500 Gramm des Abzugswiderstands ergeben keine präzisionsfördernde Kombination. Das kurze Griffstück erlaubt kaum einen optimalen Kraftschluss, die wie beim Original sehr filigrane Visierung lässt Korrekturen nur durch Drücken des Kornes zu. Mit viel Konzentration bleiben fünf Schuss etwa im Spiegel der ISSF-Präzisionsscheibe. Doch eine Sportwaffe sollte die Erma KGP 68 A nie werden.
Es gab und es gibt Staaten, in denen der private Waffenerwerb möglich, aber von bestimmten Kalibern abhängig ist. So zum Beispiel in Brasilien, dort ist das Kaliber 9 mm Luger für private Nutzer verboten. Zu Zeiten der KGP 68 A war diese Patrone auch in Frankreich und Italien für zivile Zwecke tabu. Die 9 mm kurz (auch 9 mm Browning, .380 ACP) stellte eine durchaus wirksame Alternative dar, wenn Waffen in den Dimensionen einer Taschenpistole geführt werden sollten. Klar, sechs Patronen Magazinkapazität sind heute kein Maßstab mehr. Um 1970 war aber, abgesehen von der P1, selbst die deutsche Polizei noch größtenteils mit Walther-Pistolen der Modelle PP und PPK im Kaliber 7,65 mm Browning bewaffnet.

Das Durchladen der KGP 68 A erfordert, der kräftigen Schließfeder wegen, einige Fingerkraft. Im Schuss verblüfft der recht heftige "Kick", durchaus dem einer P. 08 vergleichbar. Sitzend aufgelegt lassen sich, allerdings auf eine praxisnahe Entfernung von 10 Metern, verblüffend enge Streukreise realisieren. Haltepunkt und Treffpunkt stimmen zur Seite nicht ganz überein. Des neuwertigen Zustandes der Pistole wegen wurde aber auf ein Treiben des Kornes verzichtet und mit einem Hilfshaltepunkt gearbeitet. Je nach Durchmesser der Hohlspitze gab es beim Laden der ersten Patrone einen Stecker, welcher sich mit fünf Patronen im Magazin nicht wiederholte. Mit Vollmantel-Rundkopfgeschossen funktionierte die KGP 68 A problemlos. Aufgrund ihrer verblüffend hohen Leistungen wurde die Laborierung mit dem höchsten Wert, die Magtech Guardian Gold, auf einen neuen Block Clear Ballistics geschossen. Es zeigten sich eine Querschnittsvergrößerung des Projektils auf 14,0 Millimeter, eine Eindringtiefe von rund 26,0 Zentimeter und eine Energieabgabe von 287 Joule.
Fazit:
Zu ihrer Zeit war die KGP 68 A eine durchaus ernst zu nehmende Verteidigungswaffe. Und ist es, mit Einschränkungen, auch heute noch. Freundlicherweise ermittelte Frankonia in alten Katalogen deren damaligen Preis. Das waren um 1970 genau 238,50 Deutsche Mark, was unter Berücksichtigung der Inflation heute einer Kaufkraft von etwa 516 Euro entspricht. Die Erma KGP 68 A war eine günstige, aber keine billige Taschenpistole, in einem durchaus potenten Kaliber und in einem bemerkenswerten Erscheinungsbild.
Dieser Test erschien auch in der VISIER, Ausgabe 09/2026. Dort ist auch die ausführliche Schießtabelle mit fünf Laborierungen enthalten. Das Heft können Sie im VS Medien-Shop online kaufen. Dort steht es auch als ePaper zur Verfügung.










