Know-how: Wie die Internationale Schießsport-Föderation die Para-Sportschützen international einbinden möchte

Bogensport
Bogenschießen, das in Deutschland ebenfalls vom Deutschen Schützenbund betreut wird, gilt schon seit Jahrzehnten als ideal zur Inklusion von behinderten Sportlern.

Es dürfte kaum eine andere Sportart außer dem Sportschießen (mit seinen fast unzähligen Varianten und Disziplinen) geben, die so vielseitig über fast alle Altersgruppen betrieben werden kann. Zwar setzt das deutsche Waffenrecht eine untere Grenze, indem Kinder und Jugendliche erst ab 12 Jahren (ab 10 mit Sondergenehmigung) trainieren und auch Wettkämpfe schießen dürfen, und dies zunächst auch nur mit Luftgewehr und Luftpistole. Nach oben aber setzt nur die körperliche Leistungsfähigkeit der Senioren das Limit, aber selbst hier hat sich der Deutsche Schützenbund als viertgrößter deutscher Sportverband (und mit 1,3 Millionen Mitgliedern auch stärkster Schießsportverband) einiges einfallen lassen. 

In den Nachkriegsjahren und nach der Wiedergründung des DSB ab 1951 waren es zunächst viele "Kriegsversehrte", die an den statischen DSB-Disziplinen wie Luftgewehr und Luftpistole, aber bald auch mit dem Kleinkalibergewehr 100 Meter (das wird nur stehend geschossen) oder mit der Sportpistole antraten. Ebenfalls 1951 wurde die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Versehrtensport (ADV) als zentrale Vertretung auf Bundesebene gegründet. Altersbedingt wandelte sich die Mitgliederschaft, 1975 erfolgte die Umbenennung in Deutscher Behindertensportverband (DBS) und kurz zuvor (1972) die Aufnahme als Bundesfachverband in den Deutschen Sportbund. International begann das, was heute Para-Sport heißt, 1948 mit den „Stoke Mandeville Games“ in England, ab 1960 in Rom begannen die "Paralympic Games" – heute gelten die "Paralympics", seit 1988 zeitlich an die Olympischen Sommerspiele angehängt, nach diesen und der Fußball-WM als drittgrößtes Sportfest der Welt. Das Internationale Paralympische Komitee (IPC), 1989 gegründet und seit 1999 mit Sitz in Bonn, zählt heute über 200 Mitgliedsnationen.

Thomas Höfs, Para-Trap
Flintenschütze Thomas Höfs ist seit einem Arbeitsunfall 2016 querschnittgelähmt. In seiner Disziplin "Para Trap" ist er national ein Einzelkämpfer, der seine Starts, auch international, weitgehend selbst organisieren muss. Der Erfolg gibt ihm recht: 2024 wurde er in Granada/Spanien Vize-Weltmeister.

Der Schießsport bietet die Einbindung von behinderten und nicht-behinderten Wettkämpfern auch in gemeinsamer Wertung an

Wie sah das im deutschen Schießsport aus? Der Schützenbund hatte bis in die 70er Jahre quasi eine Monopolstellung, wenn jemand Schießen als Leistungssport betreiben wollte. Für den Gewehranschlag etwa bei Arm-Amputierten wurden Metallständer mit Seilschlingen benutzt, in die der Gewehrschaft eingelegt und so etwas unterstützt wurde. Gehbehinderte Sportler nutzten Hocker ohne Rückenlehne. Zahlenmäßig waren es oft nur wenige Starter, die ohne Einschränkungen in den "normalen" Altersklassen mitschießen durften. Mit Pistolen und Revolvern konnten einhändig geschossen werden, geladen wurde gegebenenfalls durch eine Hilfsperson.  Schießsport wurde aber auch schon bald als Rehabilitationsmaßnahme für Rollstuhlfahrer eingesetzt, sowohl mit Druckluftwaffen wie auch mit dem Bogen, allerdings in eigenen Verbänden wie der Sektion Schießsport im Deutschen Rollstuhl-Sportverband. Dieser beschickte bis Ende der 1980er Jahre eigenständig internationale Meisterschaften der Rollstuhl-Schützen. Später wurde der Behinderten-Schießsport im DBS neu organisiert und alle Sportschützen mit Handicap in gemeinsame neue Wertungsklassen eingeteilt, die der jeweiligen Einschränkung gerechter werden sollten. Seither legt der DBS auch fest, welche Sportler zum Nationalteam gehören und somit unter anderem zu den nächsten Paralympics fahren durften, mit dem international erfahrenen Rudi Krenn gibt es auch einen eigenen Bundestrainer für das Para-Schießteam. Dass die Sportler in der Regel sowohl im DBS wie auch im DSB organisiert sind und beide Verbände eng zusammenarbeiten, liegt in der Natur der Sache.

DM Luftgewehr Teams
Inklusion lässt sich kaum besser darstellen: Bei den Deutschen Meisterschaften des DSB 2018 in München gewann das Team von Josef Neumaier (4. v.l.) den Wettbewerb Kleinkaliber 100 Meter, Herren III – wie man sieht, sind hier auch Damen dabei, weil sie bei diesem Event keine eigene Wertungsklasse haben.
Blindenschütze
Blinde Sportschützen schießen nach Gehör: Eine spezielle Optik auf dem Gewehr wandelt Grauflächen auf einer Schießscheibe in Töne für den Kopfhörer um und hilft so beim Zielen.

Der Deutsche Schützenbund beschreibt seine auch in der DSB-Satzung festgelegte Position folgendermaßen: "Das Sport- und Bogenschießen sind Inklusionssportarten, die es Menschen mit und ohne Behinderung ermöglichen, gemeinsam den Sport auszuüben. Einschränkungen der unteren Extremitäten können durch Rollstühle oder Schießstühle im sitzenden Anschlag ausgeglichen werden. Durch Auflagehilfen wie Federbock, Pendelschnur, Sicherheitsablagen und Lage-/Auflagehilfen werden Einschränkungen der oberen Extremitäten kompensiert. Ein Ladehelfer kann gegebenenfalls unterstützen. Für blinde und sehbehinderte Menschen ermöglichen akustische Zielvorrichtungen die Ausübung des Sportschießens.

Der Deutsche Schützenbund richtet gemeinsam mit seinen Unterverbänden die Breitensport Para-Wettbewerbe im Bereich Sportschießen in den verschiedensten Disziplinen (Gewehr, Pistole, Flinte, Armbrust, Blasrohr) bis zur Deutschen Meisterschaft aus. In der Bundesliga Sportschießen kämpfen Sportschützen mit und ohne Behinderung gemeinsam um sportliche Erfolge." 

Gerade dieser letzte Punkt ist bemerkenswert; denn die deutschen Bundesligen Luftgewehr und Luftpistolen gelten international als die leistungsstärksten Vereinswettbewerbe weltweit, mit zahlreichen Weltmeistern und einigen Olympiasiegern aus anderen Ländern, die für einzelne Clubs starten und jedes Mal zu den Rundenterminen anreisen. 

Der Deutsche Schützenbund fasst alle Klassen im Para-Sportschießen in Teil 10 seiner Sportordnung zusammen

Natascha Hiltrop Rudi Krenn
Natascha Hiltrop, die aktuell wohl erfolgreichste deutsche Para-Gewehrschützin, lässt sich von DBS-Bundestrainer Rudi Krenn in einer Schießpause beraten.

DSB-Sportschützen mit einer körperlichen Einschränkung stellen zunächst einen Antrag über den Verein, der vom Landesverband genehmigt werden muss. Hierbei legt ein zertifizierter "Klassifizierer" oder Arzt die Art der zugelassenen Hilfsmittel fest, die auch in den Wettkampfpass eingetragen werden.

  • 1. SH1 und AB1 sind Sportler, die die Waffe im Anschlag frei halten können.
  • 2. SH2 und AB2 sind Sportler, die eine Auflagehilfe (Federbock / Schlinge) brauchen.
  • 3. SH3 sind stark Sehbehinderte/Blinde, die die Waffe im Anschlag frei halten können.
  • 4. AB3 sind stark Sehbehinderte/Blinde, die eine Auflagehilfe (Federbock) brauchen.

Startberechtigt in den Wettbewerben Teil 10 sind Para-Sportler ab dem 15. Lebensjahr. Angeboten werden: Luftgewehr, Luftgewehr liegend, Zimmerstutzen, KK 100 Meter, KK liegend, KK Dreistellungskampf, Luftpistole, mehrschüssige Luftpistole, Freie Pistole 50 Meter und Sportpistole 25 Meter.

Den Link zur aktuellen Sportordnung und den besonderen Ausschreibungen für die Para-Wettbewerbe finden Sie ganz unten.

Das Internationale Paralympische Komitee und der Weltverband ISSF vereinbarten eine Kooperation für künftige Schießwettkämpfe

IPC und ISSF
Nach der Unterzeichnung der Vereinbarung (von links): ISSF-Generalsekretär Alessandro Nicotra di San Giacomo, IPC-Präsident Andrew Parsons und ISSF-Präsident Luciano Rossi 
EM-Qualifikation DSB
Der Rollstuhl wird integriert in einen stabilen Gewehr-Anschlag: Hier das DSB-Team bei der EM-Qualifikation der Para-Schützen.

Im April dieses Jahres haben die Internationale Schießsport-Föderation ISSF und das Internationale Paralympische Komitee (IPC) eine zukunftsweisende Vereinbarung getroffen. Bisher wurden die Para-Schießwettbewerbe von World Shooting Para Sport (WSPS) organisiert, einer Unterabteilung des IPC. Diese Aufgabe wird ab 2027, mit einigen Übergangsregelungen für die nächsten zwei Jahre, die ISSF übernehmen, mit dem Ziel, den olympischen und den paralympischen Schießsport unter Federführung der ISSF zusammenzuführen. Die Übergangsfrist gilt, um die ja bereits laufenden Planungen für Olympia 2028 und die Paralympics 2028 nicht zu stören. Luciano Rossi, der Präsident der ISSF dazu: „Die ISSF ist fest davon überzeugt, dass die Zusammenführung des olympischen und paralympischen Schießsports unter einer gemeinsamen Führung ein wichtiger Schritt für die Einheit und Zukunft unseres Sports ist. Unser Ziel ist es, den Schießsport weltweit zu stärken und gleiche Sichtbarkeit, gemeinsame Entwicklungspfade und einheitliche Standards zu gewährleisten, wobei wir die Identität und die spezifischen Bedürfnisse von Para-Athleten uneingeschränkt respektieren. Dieser Prozess wird transparent und unter voller Beteiligung unserer Gemeinschaft durchgeführt.“

Auch der Deutsche Schützenbund ist in die Planungen zur Zusammenführung eingebunden, weil eine Arbeitsgruppe eingerichtet wurde und sich Athleten, Trainer, Mitgliedsverbände, Offizielle, Veranstalter, ISSF-Mitarbeiter und weitere Interessengruppen in die Planungen einbringen können. Wie auch bei anderen ISSF-Wettbewerben dürfte eine Folge sein, dass Regeländerungen auf internationaler Ebene möglichst rasch auch ins nationale Regelwerk einfließen, um hier allen Sportlern gleiche Bedingungen zu bieten.

Natascha Hiltrop
Natascha Hiltrops Hobby ist Medaillen-Sammeln, ihre Berufung Gewehrschützin: Sie gewann Gold bei den Paralympics 2024 in Paris im KK-Dreistellungskampf, nach Silber 2016 in Rio de Janeiro und Silber sowie Gold in Tokio 2021.