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Long-Range-Büchse im Test: Das Ruger Precision Rifle im Kaliber .338 Lapua Magnum auf dem Schießstand

Ruger Precision Rifle auf dem Schießstand von hinten.
Das Ruger Precision Rifle in seiner natürlichen Umgebung: Dem Schießstand.

In dieser Preisklasse bekommt man nach unserem Kenntnisstand heutzutage kaum ein ausgewachsenes Scharfschützengewehr im Magnum-Kaliber mit einem vielseitig verstellbaren Aluminiumchassis und Topausstattung. Schon alleine aus diesem Grunde lohnt es sich, das in .300 Winchester Magnum und .338 Lapua Magnum erhältliche RPR näher zu betrachten. Es ist wohl das Verdienst der US-Firma Sturm, Ruger & Co. exakt zum richtigen Zeitpunkt im Jahr 2015 mit dem Modell Ruger Precision Rifle (RPR) als erster Hersteller ein praxisnah konstruiertes, vollausgestattetes Aluchassis-Präzisionsgewehr zu einem bis dahin unglaublich niedrigen Preis auf dem kommerziellen Zivilmarkt angeboten zu haben. Danach explodierte der Marktsektor der bezahlbaren Chassis-Gewehre und heute hat man die Qual der Wahl.

Ruger mit seinem Precision Rifle − Breit aufgestellt

Das im äußeren Erscheinungsbild identische Randfeuer-Repetiergewehr Ruger Precision Rimfire gibt es in den Kalibern .17 HMR, .22 Long Rifle und .22 Winchester Magnum in zahlreichen Ausführungen (Test der .22-L.R.-Version in caliber 7-8/2018, die im VS Medien-Shop noch als Digital- und Printversion erhältlich ist). Das ebenfalls in verschiedenen Ausführungen erhältliche, ausgewachsene Scharfschützengewehr wird aktuell in folgenden Zentralfeuerkalibern offeriert: 6 mm Creedmoor, 6,5 mm Creedmoor, 6,5 mm PRC, .308 Winchester, .300 PRC sowie .300 Winchester Magnum und .338 Lapua Magnum. Seit der RPR-Premiere vor 4 Jahren bis heute existieren bereits 3 im Detail unterschiedliche Modellgenerationen. Nach einem Jahr erschien schon die 2. Generation der Ruger Precision Rifle, die anstatt einer Kunststoffverlängerung eine Leichtmetallverlängerung am Schlösschen besaß. Zudem wurde die Picatinny-Schiene auf der Handschutzoberseite weggelassen, was eine niedrigere Zielfernrohrmontage ermöglicht. Bei der aktuellsten, 3. Generation der Ruger Precision Rifle wurde der Handschutz mit M-LOK- anstatt KeyMod-Befestigungssystem optimiert, die Sicherung am Griffstück beidseitig ausgelegt und der Verschluss erhielt einen neuen Korrosionsschutz.

Die RPR Magnum-Büchse im Detail

Eingeklappter Hinterschaft am Ruger Precision Rifle.
Bei dem Repetiergewehr im geradlinigen AR-Design kann bei abgeklappter Schulterstütze der Verschluss entnommen werden.

Das im nackten Leerzustand 6,9 kg schwere RPR in .338 Lapua Magnum entspricht im Aufbau mit seinen baureihentypischen AR-Merkmalen natürlich dem bisher bekannten Modell in Standardkalibern. Auch die Magnum-Variante basiert auf dem Zylinderverschlusssystem mit 3 massiven Verriegelungswarzen und 70-Grad-Öffnungswinkel. Die Verschlusskammer mit übergroßer, bedienungsfreundlicher Kammerstängelkugel umkleidet ein Systemkasten aus 4140er Vergütungsstahl (Stahlsorte 1.7225 oder auch 42CrMo4). Auf seiner Oberseite wurde mit 6 Schrauben eine Zielfernrohr-Montageschiene mit 30-MOA- anstatt wie bisher 20-MOA-Vorneigung angebracht. So hatten wir schon Bedenken, ob wir Probleme haben würden, diese Büchse auf 100 m einzuschießen. Aber weit gefehlt, denn auch auf dieser kurzen Distanz war das Einschießen der RPR Magnum absolut kein Problem, was aber auch am mitgelieferten Nightforce NXS 5,5-22x56 mit einem satten Höhenverstellbereich von 100 MOA gelegen haben könnte. Der Verschluss verriegelt in der vorderen Brücke des Systemkastens und nicht in einem Lauffortsatz ("barrel extension"), wie man es angesichts des "AR-Looks" des RPR vermuten könnte. Unter dem stählernen Systemkasten sitzt das Griffstück aus 7075-T6-Aluminium, das zur Erhöhung der Oberflächengüte und Verschleißfestigkeit "Type III"-hartanodisiert wurde.

Verschluss mit Magazin. Davor zum Vergleich eine Patrone.
Blickauf den Verschluss mit drei Verriegelungswarzen, bedienfreundlichem Kammerstängel und hinterer Verlängerung. Das RPR Magnum wird mit Kastenmagazinen mit einer Kapazität mit fünf Patronen im AICS (Accuracy International Chassis System)-Stil gefüttert.
Abzug des Ruger Precision Rifle.
Der justierbare Ruger Marksman-Abzug.

Im Griffstück sitzt die "Ruger Marksman Adjustable Trigger"-Abzugseinheit, die in einem Bereich von etwa 1.000 bis 2.270 g Abzugsgewicht justiert werden kann. Um bei der geradlinigen AR-"In-Line"-Bauweise, die den Rückstoß ebenso in gerader Linie in die Schulter des Schützen überträgt, dennoch die Verschlusskammer schnell aus dem Systemgehäuse befreien zu können, ist das RPR mit einer nach links klappbaren Schulterstütze ausgerüstet. Das Scharniergelenk ist robust ausgelegt und es reicht die Betätigung eines Druckknopfes aus, um den Schaft einzuklappen. Dies erleichtert zusätzlich Transport und Aufbewahrung des RPR, denn immerhin ist die Magnum-Ausführung mit ausgeklappter Schulterstütze mächtige 133 cm lang! Die MSR-Schulterstütze besitzt alle Justiermöglichkeiten, um eine individuelle Feinanpassung an den Schützen vornehmen zu können. So ist die Länge der Schulterstütze ebenso wie die Höhen- und Längenposition der Wangenauflage variabel. Die Arretierungsmechaniken des Schnellspannsystems rasten nicht in übliche Gewinde, sondern in tiefliegende Nuten ein, was für absolute Schussfestigkeit sorgt. Vor der weichen, rückstoßabsorbierenden Kunststoff-Schaftkappe befindet sich an der Schulterstützen-Unterseite eine MIL-STD-1913-Montageschiene, an der Zusatzausrüstung wie beispielsweise ein Hecksporn angebracht werden kann. Mehrere Kontaktpunkte für Schnellverschluss-Riemenbügel runden die komplett ausgestattete, klappbare MSR-Schulterstütze gelungen ab.

Das RPR der dritten Generation: Die technischen Details

Modell:
Ruger Precision Rifle Gen III
Kaliber:
.338 Lapua Magnum
System:
Zylinderverschluss mit 3 Verriegelungswarzen und einem Öffnungswinkel von 70 Grad
Lauf:
660 mm langer, kalt gehämmerter Matchlauf mit einem 5R-Profi l, 1-9,375"-Drall und
Zweikammerkompensator
Schaft:
Längenverstellbare klappbare Schulterstütze mit höhenverstellbarer Schaftkappe, freistehender AR-Pistolengriff, 457 mm langer Leichtmetallhandschutz mit M-LOK-Arretierungssystem für Zusatzausrüstung
Abzug:
Einstellbarer "Ruger Marskman Adjustable"-Druckpunktabzug von 1.000-2.270 g, gemessenes
Abzugsgewicht ab Werk 1.278 g
Magazin:
Kastenmagazin im AICS-Stil mit Kapazität für 5 Patronen
Sicherung:
45 Grad Zweistellungssicherung im Griffstück, die direkt auf das Abzugssystem wirkt
Länge:
133 cm/102 cm (aus- und eingeklappt)
Gewicht:
6,9 kg
Preis:
2.656,- Euro 

Der Lauf des Precision Rifles im Kaliber .338 Lapua Mag.

Ruger Precision Rifle von rechts.
 Leichtmetallchassis-Präzisionsgewehr wiegt fast 7 Kilogramm.

Der 26"/660 mm lange, kaltgehämmerte und freischwingende "Heavy Contour"-Lauf aus 4140er Chrommolybdänstahl mit einem Außendurchmesser von 22,2 mm weist ein 5R-Innenprofil bei einer Dralllänge von 1-9,375“ (1-238 mm) auf und ist mit einem äußerst wirkungsvollen Kompensator mit zwei Expansionskammern ausgerüstet. Die Herstellungsmethode und das Innenprofil versprechen lange Lebensdauer, wobei technische Details wie das zentralisierte Patronenlager und der Minimal-Verschlussabstand für Präzision stehen. Der Lauf kann von einem kompetenten Büchsenmacher mit AR-Werkzeugen und Verschlussabstandlehren übrigens simpel und schnell ausgetauscht werden. Der 18"/457 mm lange M-LOK-Leichtmetallhandschutz wird wie beim AR-System mit einer Laufmutter ("barrel nut") an der Systemkasten-Frontfläche arretiert. Er kann auf 4 Positionen Montageschienen aufnehmen. Auf die klassische Optikmontageschiene auf der Oberseite wurde verzichtet, um das Zielfernrohr auf dem Systemkasten so nahe wie möglich zur Laufseelenachse montieren zu können. Im Lieferumfang bereits enthalten ist eine kurze Montageschiene, an der, angebracht an der Handschutzunterseite, ein Zweibein montiert werden kann sowie eine seitliche QD-Buchse. In der Schlossabdeckung befindet sich wie gewohnt Werkzeug für die Demontage und die Abzugsjustierung.

Die horizontale Abweichung durch Schützenfehler.
Kleinste Schützenfehler machen sich auf 300 Meter sofort bemerkbar und vereiteln einen schönen, kleinen Streukreis.
Streukreis der RPR in .338.
Dagegen ein Topstreukreis auf 100 Meter.

Auf dem Schießstand mit dem Long-Range-Repetierer

Schon auf der 100-m-Bahn überraschte uns die RPR, die mit 8 Munitionssorten in .338 LM auf Präzision überprüft wurde, nicht nur durch ein sehr angenehmes Schussverhalten, was dem Waffengewicht und dem effektiven Kompensator geschuldet ist, sondern auch durch erstklassige Schussleistung. Immerhin gelang uns hier ein nur 14 mm messendes Bestschussbild mit der Hornady 285 Gains Match Fabrikpatrone. Kaum schlechter war das Ergebnis mit der 270 Grains ELD-X Hunter Precision-Munition aus gleichem Hause mit einem 15 mm großen Streukreis. Auch die MEN 250 Grains HPBT aus der Sniper Line wusste mit 18 mm zu überzeugen. Mit der RWS 250 Grains HPBT Target Elite lagen zwar 4 Schuss ebenfalls auf hervorragenden 14 mm zusammen, doch die volle 5-Schuss-Gruppe maß wahrscheinlich aufgrund eines Schützenfehlers letztendlich doch 24 mm. Nach dem ersten Test widmeten wir uns ausgiebig der Reinigung der Büchse, denn schon im ersten Test verließen rund 100 Geschosse den Lauf. Und der lange Lauf mit der langen Systemhülse benötigt schon einen entsprechend überdimensionierten Putzstock. Praktischerweise hatte uns die Firma Heinz Henke aus Werlte alles mitgeliefert, damit wir es bei der Reinigung so einfach wie möglich haben. Zum Lieferumfang gehörten nicht nur eine Putzstockführung, ein entsprechend langer Putzstock, sondern auch viele Bürsten und ausreichend Patches. Somit ging es dann mit einer blitzsauberen RPR auf nach Philippsburg zum zweiten Teil des Testes auf die 300-m-Bahn. Hier bemerkten wir, dass sich geringste Schützenfehler durch seitliche Trefferabweichungen offenbarten.

Und auch auf 300 m konnte die Büchse durch gute Leistungen punkten. Allerdings muss man hier als Schütze ganz genau wissen was man macht. Denn ansonsten können sich sehr schnell Ausreißer einschleichen. Wenn man aber sauber arbeitet, dann sind die Löcher dort in der Scheibe, wo sie auch hingehören. Die Schützenfehler resultierten bei uns aus der Tatsache, dass die Ruger zwar einen sehr gut kompensierenden Rückstoß besitzt, aber trotzdem besitzt sie immer noch einen 66 cm langen Matchlauf und eine Gesamtlänge von 133 cm. In diesem langen Lauf produziert ein 250-300 Grain schweres Geschoss einen ordentlichen Rücklaufweg. Auch wenn man hier eine gute Hinterschaftauflage einsetzt, bewegt sich dennoch die Waffe. Und in unserem Fall waren die Ausreißer immer seitlich. Diese kommen daher, dass die Waffe ungleichmäßig zurückläuft und die Waffe somit im Hinterschaftbereich horizontal unterschiedlich ausbricht. Das konnte auch der eingesetzte Rabbit-Bag nicht verhindern. Somit entstehen seitliche Ausreißer, die immer auf einer Linie zur Hauptgruppe liegen. Auf dem Foto mit dem 300-m-Streukreis kann man dies sehr eindrucksvoll erkennen. Die Ausreißer auf diesem Bild, vor allem bei der Sniper Line von Men mit dem 300 Grains schweren Match Geschoss, konnten klar auf diesen Fehler zurückgeführt werden. Man muss sich hier klar machen, dass man ein 300 Grains schweres Geschoss auf die Reise schickt und man dafür knapp 92 Grains Pulver eingesetzt hat. Hier sollte jedem klar sein, dass bei einem Schützenfehler die Waffe mit einem macht, was sie will. Man muss an dieser Stelle als Schütze absolut wiederholgenau arbeiten. Erst wenn der gleichmäßige Druck in der Schulter aufgebaut ist, und die Hinterschaftauflage immer exakt gleich positioniert ist, dann passten die Leistungen optimal. Dies bewies der mit der MEN 300 Grains HPBT Sniper Line erzielte 31-mm-Streukreis besonders deutlich. Doch auch 51 mm mit der Hornady 285 Grains BTHP Match oder 54 mm mit der RWS 250 Grains HPBT Target Elite auf 300 m zeugen davon, dass die RPR auch in Magnum-Kalibern schießen kann. Wir waren jedenfalls auch auf der Anlage in Philippsburg sehr davon angetan, was mit dieser Waffe so möglich ist.

Die Justierung der Schulterstütze.
Die Justiermechaniken an der klappbaren
Schulterstütze.

Ruger Precision Rifle in .338 Lapua Mag: Das Test-Fazit

Das Leichtmetallchassis-Präzisionsgewehr Ruger Precision Rifle in .338 Lapua Magnum ist für diesen Preis ein echter Hit und uneingeschränkt empfehlenswert. Unseres Wissens nach gibt es in diesem Hochleistungskaliber derzeit kein anderes Seriengewehr, das so viel Verarbeitungsqualität, Ausstattung, Funktion und Präzision für 2.656,- Euro zu bieten hat.


Dieser Test erschien zuerst in der caliber, Ausgabe 7-8/2019. Das Heft ist im VS Medien-Shop verfügbar. Auch ganz bequem in einer digitalen Version.

Weitere Informationen zum Ruger Precision Rifle finden Sie auf den Seiten des Herstellers.

Wo ist eine solche Büchse sportlich einsetzbar? all4shooters.com berichtet regelmäßig von verschiedenen Long-Range-Wettkämpfen. So etwa com KAHLES Long Range Competition Day.

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