Know-how, Folge 18: Geradzugverschlüsse bei Büchsen einst und jetzt – schnell und ergonomisch nachladen

Der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten ist eine Gerade. Das wissen wir seit den Griechen Euklid und Pythagoras, also seit mindestens 2.500 Jahren. Manchmal geht die Technik eben notgedrungen andere Wege – etwa beim Waffenbau. Der in der Folge 17 unserer Know-how-Serie vorgestellte Zylinderverschluss, auch Mauser-Verschluss genannt, gilt heute als das weltweit meistverwendete Repetiersystem für Gewehre. Wenn hier im folgenden vom Zylinderverschluss die Rede ist, dann sind Verschlüsse gemeint, die auf diesem System basieren. Der eigentliche Bewegungsablauf ist nüchtern betrachtet nicht gerade ökonomisch: Der Mauser-Verschlusszylinder wird zuerst mit Hilfe des Kammerstängels nach links um seine Längsachse gedreht (entriegelt), dann dann zurückgezogen und beim Schließen wieder vorgeschoben, nach rechts gedreht und erneut verriegelt. Beim Vorschub wird die nächste Patrone aus dem Magazin und ins Patronenlager geschoben. Diese selbst bei leichtlaufenden Verschlüssen beim schnellen Repetieren unvermeidbar ruckartigen Vorgänge führen aber dazu, dass sich die Lage der Waffe ändert. Der Schütze muss dabei den Kopf zurücknehmen und das Gewehr leicht drehen, um anschließend wieder in die Zielposition zurückzugehen. Das kostet Zeit beim Repetiervorgang und provoziert zudem Zielfehler.

Schweizer Gewehre
Die schweizerische, historische Lösung: Der deutlich kürzere K-31-Verschluß (rechts) trägt die beiden Verschlußwarzen vorn am Kopf, während sie beim älteren G 11/K 11-Verschluß etwa in der Mitte liegen. Höhere Stabilität wird auch durch das einfachere (und billigere) seitliche Führungsblatt des K 31 erreicht. 
Haenel NXT links
Beim Geradzugrepetierer Haenel Jaeger NXT ist auch eine echte Links-Version mit entsprechendem Kammerstängel lieferbar.

Um ein Repetiergewehr nachzuladen, fanden europäische Techniker daher schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu den ollen Griechen zurück und entwickelten (fast zeitgleich mit den Mausers) unterschiedliche Verschlüsse, bei denen der Nachladevorgang auf geradem Weg eingeleitet wurde:  Die Entwürfe von Ferdinand Mannlicher bildeten die Grundlage für das österreichische Ordonnanzgewehr M 1886. In der Schweiz lösten 1885 die Pläne von Rudolf Schmidt militärische Tests aus; vier Jahre später wurde das Ordonnanzgewehr Schmidt-Rubin M 1889 eingeführt. Die Schweizer Geradzug-Familie entwickelte sich dann weiter über das Gewehr 11 und die Karabiner K11 und K31 in den 1930er Jahren. In den USA verwendeten Marine und Marineinfanterie das auf den Arbeiten von James Paris Lee beruhende Geradzugsystem M 1895, und Kanada folgte mit dem von Charles Ross konstruierten Gewehr M 1903. Und auch schon vor Mannlicher gab es erste Versuche, die sich aber nicht durchsetzten. Solche Geradzugsysteme haben also bereits eine längere Vorgeschichte – kein Wunder also, dass heutige Waffenhersteller schon seit den 1990er Jahren aus diversen Gründen wieder auf die Geradzugtechnik zurückgreifen. 

So gut wie alle Waffenproduzenten haben neben den klassischen Zylinderverschluss-Büchsen als Alternative heute auch eine Linie mit Geradzugverschlüssen im Programm. Das liegt teilweise auch an den geänderten Jagdbedingungen, denn neben der eher geruhsamen Ansitzjagd, auf der von der Kanzel ohne Zeitdruck geschossen wird, erfordert das angestiegene Schwarzwildaufkommen bei Drückjagden schnellstmögliches Repetieren, und dafür ist ein Geradezugverschluss ideal. Solche Systeme werden allerdings auch vermehrt im Sportbereich (zum Beispiel im Biathlon) oder im Behördeneinsatz bei Scharfschützen beliebter.

Das moderne Comeback der Geradzugverschlüsse begann mit der Repetierbüchse Blaser R93, fast alle anderen Hersteller folgten

Der Radialbund der Spreizhülse wird beim Verriegeln durch die Stützhülse ein Stück weit nach außen gedrückt, so dass er formschlüssig in der Ringnut des Laufes verriegeln kann.
Blaser R8, seit 2008 der verbesserte Nachfolger der R93: Der Radialbund der Spreizhülse wird beim Verriegeln durch die Stützhülse etwas nach außen gedrückt, so dass er formschlüssig in der Ringnut des Laufes verriegeln kann.

Die Blaser R93 kam zur IWA 1993 auf den Markt – ausgestattet mit einem "Radialbund-Verschluss" getauften System verriegelte sie direkt im Lauf. Das erlaubte zum einen leichte Lauf- und Kaliberwechsel, zum anderen benötigte man dank zweier Stahl-Führungsstangen keine stabile Stahlsystemhülse mehr, die sonst für hohe Systemdrucke beim Schuss notwendig war. Aluminium ließ sich jetzt auch verwenden. Der Verschluss fiel zudem gut fünf Zentimeter kürzer als ein vergleichbarer Zylinderverschluss aus, was wiederum einen ergonomischeren Zugriff beim Repetieren ermöglicht. Im ersten Jahrzehnt brachte es die R93 auf über 100.000 verkaufte Exemplare, in dieser sicher nicht preisgünstigen Waffenklasse ein Rekord. Der noch vom Firmengründer Horst Blaser erdachte 93er Verschluss besaß 14 rund um den Verschlusskopf platzierte Krallen, die in eine entsprechende 360-Grad-Nut im Lauf glitten. Für diese Verriegelung war keine Drehung des Verschlusskopfes mehr erforderlich. 

Blaser R8 300000
Das im Frühjahr 2026 vorgestellte Unikat Blaser R8 "The Wild Planet" mit der Seriennummer 300.000, an deren Fertigstellung im Blaser Custom Shop ein Jahr gearbeitet wurde: Neben den Seitenplatten lassen sich auch Schaftkappe, Pistolengriffkäppchen und Schaftbacke öffnen. Die vier statt wie sonst zwei gestaltbaren Seitenflächen wurden von Meistergraveur Daniel Karagiannis graviert. Alle Details zeigt das Video in unserem Beitrag (Link unten unter diesem Artikel).

Im Jahr 2008 wurde der R93 die neue Blaser R8 an die Seite gestellt, beide wurden bis 2016 parallel angeboten. Die Unterschiede zum Vorgänger: Das fest eingebaute Magazin der R93 wich beim R8 einen herausnehmbaren Magazin, das nun eine gemeinsame Einheit mit der Abzugsgruppe bildet. Auch fassen die R8-Magazine meist vier statt nur drei Patronen wie bei  dem der R93. Mit herausgenommener Abzugs-/Magazingruppe ist die Büchse zudem nicht schussfähig, ein weiterer Sicherheitsaspekt, wenn man beide Komponenten getrennt lagert. Heute umfasst die aktuelle Blaser-R8-Waffenfamilie zahlreiche Varianten, Schaftversionen und wegen der bequemen Wechselmöglichkeit alle nur erdenklichen Kaliber. Viele Links zu Testberichten von Geradezugverschluss-Büchsen bei all4shooters.com stehen ganz unten unter diesem Beitrag.

Den unstrittigen Vorteilen der Geradzug-Verschlüsse, was Bequemlichkeit, Schnelligkeit und flache Bauweise angeht, stehen naturgemäß auch einige Nachteile gegenüber: Solche Mechaniken sind meist teurer in der Konstruktion und Herstellung (auch, weil oft vorhandene Patente auf Detaillösungen umgangen werden müssen), sie sind häufig empfindlicher, was Verschmutzung und damit verbundene Störungen angeht. Auch beim Reinigen müssen oft sehr aufwändige Demontagen vorgenommen werden. Aber die sichere und schnellere Funktion einer gepflegten Geradzug-Büchse macht einiges davon wieder wett.

Die Aufgaben eines Verschluss-Systems auf einen Blick

Die rund um den Verschlusskopf laufenden rechteckigen Verriegelungswarzen sind beim Beretta BRX-1 bei geöffneter Kammer gut zu erkennen. Der Kammerstängel muss nicht wie beim Zylinderverschluss auch noch um die Längsachse des Verschlusses, sondern nur vor und zurück bewegt werden.

Bei manuell zu repetierenden Patronenwaffen hat ein Verschluss prinzipiell folgende Aufgaben:

  • Das Patronenlager mit der eingeführten Patrone "sicher verriegelt" nach hinten abzudichten, damit der Druck des Treibpulvers nach der Zündung hinter das Geschoss kommt und dieses durch den Lauf treibt
  • Beim Öffnen des Verschlusses die abgeschossene, leere Hülse vom Patronenlager-Rand zu lösen, sie während der Rückwärtsbewegung aus dem Lager zu ziehen und aus der Waffe auszuwerfen
  • Beim Wieder-Vorschieben die nächste Patrone aus dem Magazin vor und ins Patronenlager für den nächsten Schuss zu schieben – auf diesem Weg wird meist auch der Schlagbolzen wieder gespannt, und der Verschlusskopf verriegelt über seine Verschlusswarzen oder andere Riegelelemente wieder in seinem Gegenlager.
Verschluss Walther RS3
Der ausgebaute Geradzugverschluss der Walther RS3: Klassisch mit drei Verriegelungswarzen am Verschlusskopf bestückt, der über eine Steuerkurve zum Ent- und Verriegeln gedreht wird.

Die Verriegelung zwischen Verschluss und Patronenlager kann auf unterschiedliche Arten erfolgen. Bei den Schweizer Karabinern nach dem Schmidt-Rubin-Prinzip etwa sorgt eine längs verlaufende Nut (Steuerkurve) im Verschlusszylinder mit einem korrespondierenden Zapfen in der Systemhülse beim Zurückziehen für eine erzwungene Drehung des Verschlusses, die die Verriegelung aufhebt. Statt des erst über Mauser-Gewehre populärer gewordenen Kammerstängels kamen die Schweizer Modelle mit einem seitlich angebrachten Knebelgriff. Heute findet man, auch dank des extrem breitgefächerten Zubehörangebots, Schweizer Gewehre und Karabiner bei vielen Ordonnanzgewehr-Wettbewerben, wo sie, Ironie der Zeitgeschichte, wieder mit beispielsweise den Schweden-Mauser-Modellen konkurrieren. Übrigens auch preislich, denn gut erhaltene und präzise Stücke sind inzwischen teuer und selten. 

Der modernste Enkel der Geradzugverschlüsse mit einer per Nut gesteuerten  "Zwangsdrehung" dürfte der in diesem Jahr erstmals präsentierte Jagdrepetierer Walther RS3 in kompakter Bullpup-Bauweise sein: Der Öffnungswinkel der drei klassischen Verschlusswarzen beträgt 60 Grad. Da der Kammerstängel beim Öffnen des Verschlusses gerade nach hinten gezogen wird, übernimmt eine Steuerkurve die Rotation des Verschlusskopfes. 

Fortner-Verschluss im Anschutz 1827
Der in seiner Biathlon-Urform in den 1980er Jahren entwickelte Geradzugverschluss von Peter Fortner, hier im Anschütz KK-Gewehr 1827 F Challenge. Die Verreigelungskugeln sitzen ungewöhnlicherweise ganz nah am Kammerstängel.
Heym SR30 mit Fortner-Verschluss
Der Geradzug-Repetierer Heym SR30 setzt wie Fortner auf das Kugelprinzip, allerdings sitzen die Verriegelungskugeln hier vorn am Verschlusskopf.

Eine andere Verriegelungsform, nämlich über aus dem Verschlusszylinder heraustretende, bewegliche Stahlkugeln, besitzen die Gewehre mit Fortner-Verschluss. Der Büchsenmacher Peter Fortner aus Rohrdorf/Bayern baute schon Mitte der 1980er Jahre spezielle Kleinkaliber-Gewehre in .22 long rifle für die damit sehr erfolgreichen deutschen Biathleten rund um Olympiasieger Peter Angerer. Die Bauweise wurde später vom Ulmer Hersteller J. G. Anschütz in Serie produziert, Anschütz beherrscht heute mit 97 Prozent bei Biathlon-Wettkämpfen den internationalen Markt (der allerdings in diesem Nischensegment recht überschaubar ausfällt). Dass die Fortner-Technik auch bei Großkalibergewehren funktioniert, beweist die Repetierbüchse Heym SR30 mit ihrem Verschluss, in dem sechs Stahlkugeln für die Verriegelung sorgen. Zum manuellen Spannen muss man aber den Verschlusshebel über seine vordere Endposition hinausdrücken, was etwas Übung und Kraft erfordert. Auf sechs um den Verschlusszylinder herum platzierte Kugeln setzt auch der US-Hersteller Savage Arms bei seinem Hexlock-System, das in der Geradzug-Modellreihe Impulse sitzt.  Die Kugeln werden hier zusätzlich bei Druckanstieg noch fester in die Verriegelung gedrückt.

Generell könnte man Geradzugsysteme auch nach ihrer offenen oder geschlossenen Bauweise einteilen. Die (weitgehend) offenen Verschlüsse wie etwa bei der Blaser R8 oder Savage Impulse bieten kaum versteckte Ecken für Schmutz oder Pulverreste. Ein geschlossenes Verschluss-System wie etwa bei der Merkel Helix bietet stabilere Wände, muss aber zum Reinigen sehr weit auseinandergenommen werden.


Bildergalerie: Beispiele für aktuelle Geradzug-Repetierbüchsen

Die Mauser 25 Extreme hat einen besonders leichtgängigen Geradzugverschluss, weil das Spannen des Schlagstücks separat per Hand erfolgt.
Der innovative Geradzugverschluss der Büchse Mauser M25 Pure, links im entriegelten Zustand und rechts verriegelt, mit den beiden nun vorstehenden Stützklappen.
Die Repetierer der deutschen Firma Steel Action arbeiten mit Geradzugverschluss mit drei Verriegelungswarzen und einer Handspannung, hier das Modell HM in 8x57IS.
Mit der Impulse-Baureihe mischt US-Hersteller Savage Arms auch im Geradzugsegment mit. Der Hexlock-Verschluss verwendet sechs Kugeln auf dem Zylinder, die beim Schließen verriegeln.
Merkel setzt bei der Helix-Baureihe (hier Helix Speedster) nicht nur auf einen Geradzugverschluss, sondern verkürzte den Arbeitsweg für den Repetiervorgang auch durch eine Übersetzung von 2:1, es ist also nur der halbe sonst notwendige Weg zum Nachladen zu bewältigen.
Walther brachte Anfang 2026 den neuen Bullpup-Geradzugrepetierer RS3, ein sehr kompaktes Jagdgewehr mit innovativen Details.