Alec Baldwin erschoss 2021 die Kamerafrau Halyna Hutchins. Jetzt wurde die Waffenmeisterin von "Rust" zu 18 Monaten Haft verurteilt. Was droht dem Todesschützen?

+++ Update vom 16.04.2024 +++ Knapp sechs Wochen nach dem Schuldspruch für die "Rust"-Waffenmeisterin wegen fahrlässiger Tötung hat ein Gericht in Sante Fe nun das Strafmaß verkündet: 18 Monate muss Hannah Gutierrez-Reed in Haft, das entspricht der Höchststrafe. Eine Requisitenwaffe (unten mehr dazu) war bei den Dreharbeiten nachweislich mit scharfer Munition geladen gewesen. Hollywoodschauspieler Alec Baldwin feuerte die Waffe ab − und traf Kamerafrau Halyna Hutchins tödlich. Waffenmeisterin Gutierrez-Reed war an jenem Tag im Oktober 2021 für die Sicherheit und Aufbewahrung der Schusswaffen am Set zuständig gewesen. Sie hatte den Revolver geladen, der dann Baldwin gereicht wurde. Er hatte zweifelsfrei den tödlichen Schuss abgegeben.

Beim Strafprozess gegen Gutierrez-Reed im US-Bundesstaat New Mexico hatten die Strafverfolger die 27 Jahre alte Waffenmeisterin als "unprofessionell und schlampig" dargestellt. Sie habe Sicherheitsmaßnahmen gehetzt und bisweilen gar nicht vorgenommen und Schusswaffen und Munition wiederholt unbeaufsichtigt herumliegen lassen. Die Jury hatte sich daraufhin dem Anklagevorwurf der fahrlässigen Tötung angeschlossen und sie schuldig gesprochen. Nach wie vor ist allerdings unklar, wie die scharfe Munition überhaupt ans Filmset gelangen konnte.

Ein Prozess gegen Alec Baldwin wegen fahrlässiger Tötung soll angeblich noch im Juli 2024 beginnen. In der Anklageschrift wird ihm vorgeworfen, die Lage am Set nicht in ausreichendem Maße überwacht zu haben. Er sei gehetzt, aggressiv und rücksichtslos gewesen. Sollte es zu einer Verurteilung des Schauspielers kommen, droht ihm ein ähnliches Strafmaß wie der Waffenmeisterin. Der Film "Rust" wurde nach einer längeren Drehpause an einem anderen Ort (Montana) im Frühjahr 2023 fertiggestellt. Der Ehemann der Verstorbenen, Matthew Hutchins, war dabei ausführender Produzent. Er hatte die Zivilklage gegen Baldwin bereits 2022 zurückgezogen. Ein Kinostart von "Rust" steht noch nicht fest.

+++ Update 23.10.2021 +++ Laut dem aktuellen Ermittlungsstand soll sich scharfe Munition in der Waffe befunden haben. Das würde viele der hier aufgeworfenen Fragen erklären. Aber dann sprächen wir nicht mehr von einem Unfall. Grobe Fahrlässigkeit, oder ein unsägliches Verbrechen sind dann die Optionen, die die Ermittler aufklären müssten. Nach den tödlichen Schüssen in New Mexico hat die Polizei neue Erkenntnisse – auch zu dem was vorher passiert war: Offenbar hatten vor dem Unglück mehrere Mitglieder der Filmcrew das Set verlassen – aus Protest gegen schlechte Arbeitsbedingungen und mangelhafte Sicherheitsvorkehrungen.


Bevor wir uns mit dem beschäftigen, was wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt wissen: Sicherheitsregeln im Umgang mit Schusswaffen sind immer und zu jeder Zeit zu befolgen. Immer und überall!

Eine Tragödie hat sich am Donnerstag, den 21. Oktober 2021 am Drehort des Western-Films "Rust" auf der Bonanza Creek Ranch in New Mexico zugetragen. Gemäß einem Statement des zuständigen Sheriff’s Office, feuerte US-Schauspieler und Produzent Alec Baldwin eine "prop gun", also eine als Requisite dienende Schusswaffe ab, die dann katastrophaler Weise die Kamerafrau Halyna Hutchins, 42, getötet hat und Regisseur Joel Souza 48, verwundete. Dem Vernehmen nach ist Alec Baldwin am Boden zerstört und zutiefst bestürzt. Es wurde bisher kein Strafantrag gestellt, da die Ermittlungen laufen und die Einzelheiten noch im Unklaren liegen.

Das am Donnerstag kurz nach dem Vorfall veröffentlichte Statement der Filmproduktionsfirma vermeldete in lakonischer Kürze

"Es gab heute einen Unfall in New Mexico am Drehort von "Rust”, bei dem es um Versager beim Abfeuern einer Requisitenwaffe mit Platzpatronen ging".

"Rust" ist ein Western-Film. Darin geht es um einen alternden Rancher der seinem Enkel hilft. In der Hauptrolle Alec Baldwin. Weil es ein Western ist, hat die Produktion wohl verschiedene Revolver benutzt, vermutlich solche des Typs Colt M 1873 Single Action Army, dem in Western gebräuchlichsten Kurzwaffentyp.

Wie konnte der tödliche Unfall am Set von "Rust" passieren? Und was wir von anderen Unfällen bei Filmproduktionen wissen:

Alec Baldwin
Archivbild: US-Schauspieler und Produzent Alec Baldwin. Er wusste nicht, dass der Revolver scharf war. Alec Baldwin ist geschockt, aber auf freiem Fuß. Der Regieassistent hatte ihm die Waffe mit den Worten "cold gun" übergeben. Laut dem Polizeibericht, aus dem auch die Nachrichtenagentur AP zitiert, soll die 24 Jahre alte Waffenmeisterin Hannah Gutierrez Reed 3 Waffen auf einen Wagen am Set gelegt haben. Warum scharfe Munition verwendet wurde, ist derzeit unklar.

Dazu der Blick auf frühere Unfälle, bei denen aber immer Sorglosigkeit im Umgang mit geladenen Schusswaffen, fehlende Sachkenntnis zur Wirkung der Munition und vor allem fehlende Kontrolle der Waffen als solches eine Rolle spielten – und so gut wie nie technisches Versagen. Folglich richtet unter normalen Umständen eine korrekt von den dafür zuständigen Fachleuten gewartete, mit Filmplatzpatronen geladene und korrekt gehandhabte Schusswaffe keinen Schaden an – das beweisen Tausende von entsprechenden Action-Sequenzen aus Film und Fernsehen.

Wenn es zu Unfällen kommt, hat das meist andere Ursachen. Das zeigte auch der Ablauf des wohl bekanntesten Unglücks dieser Art. Es ereignete sich 1993 während der Dreharbeiten zu der Comic-Verfilmung “The Crow”, deutsch: "Die Krähe". Das Opfer Brandon Lee, der Sohn von Martial-Arts-Legende Bruce Lee

Der Ablauf: Grundsätzlich ein unglücklicher Fall von Rohrkrepierer. Ein Smith & Wesson M 629 war zuvor mit nicht fachgerecht erstellten Dummy-Patronen aus Do it yourself-Bestand geladen worden – ohne die Zündhütchen zu entfernen. Vor dem fatalen Schuss hatte man zu Testzwecken eine Patrone abgefeuert. Obwohl es da kein Pulver mehr in der Hülse gab, hatte die Energie des gezündeten Anzündhütchens das Geschoss der Patrone bis in die Mitte des Laufs getrieben. 

Exakt dieser Revolver wurde dann dem Schauspieler Michael Massee übergeben, nachdem man ihn entweder mit gängigen 5-in-1-Filmplatzpatronen oder irgendwelchen anderen Platzpatronen geladen hatte. Dies, ohne den Lauf in korrekter Weise zu überprüfen. Als Massee den ihm von den Requisiteuren derart ausgehändigten Revolver für die entsprechende Aufnahme benutzte und dann den Abzug betätigte, traf das unglücklicherweise übersehene Geschoss Brandon Lee und verwundete ihn tödlich.

Manchmal kommt es auch ohne Geschoss zu solchen Unfällen – dann aber ist es in der Regel verantwortungsloser Umgang mit Schusswaffen. Bereits 1984 ereignete sich bei US-Dreharbeiten ein Unfall, als der Schauspieler Jon-Erik Hexum an einer selbst zugefügten Schussverletzung verstarb. Er hatte während der Drehpause zu einer TV-Show angefangen, mit einem .44-Magnum-Revolver aus der Requisite russisches Roulette zu spielen, die Waffe mit nur einer Filmplatzpatrone geladen. Als er die Waffe an seine Schläfe setzte und den Abzug betätigte, flog das als Abdeckung der Platzpatronen-Ladung benutzte Material (entweder Papier oder Kunststoff) aus dem Lauf der Waffe und verletzte seinen Schädel – dabei bohrte sich ein Stück Knochen in sein Gehirn. Einige Tage nach dem Vorfall wurde Hexum offiziell für hirntot erklärt.

Am Drehort von "Rust" wurde aber nicht nur eine Person verletzt, das Unglück betraf zwei Personen. Und das erscheint durchaus merkwürdig. Was passiert sein kann, ist, dass man eine versehentlich mit scharfer Munition geladene Waffe benutzt hat. Berechtigte Frage dazu: „Wenn das eine Requisitenwaffe war – ist so etwas nicht deaktiviert?" Dazu unsere Erklärung: Dies ist eine sehr deutsche Sicht der Dinge. Es gilt hier fürs Theater und ist so sehr oft  auch bei Film und TV der Fall. Und ja: Wenn das Deaktivieren technisch korrekt ausgeführt ist, dann ist eine Nutzung von scharfer Munition völlig unmöglich.

Aber gerade bei großen Filmproduktionen vor allem in den USA verfährt man anders. Nicht schussfähige Waffen, oft aus Kunststoff, werden für alle Actionszenen benutzt – also dann, wenn die Darsteller etwa rennen, reiten, springen, kämpfen etc. müssen, der Zuschauer dabei die getragene Waffe sehen soll, diese aber sonst nicht zum Schießen benutzt wird. Oder einfach dann, wenn die Waffe als Teil des Kostüms zu erkennen sein, aber sonst gerade nicht genutzt sein soll.

Bleiben die Szenen, in denen geschossen wird. Hierfür setzt man am Set von US-Produktionen seit jeher durchaus auch scharfe Waffen ein. Diese Waffen werden dann mit den entsprechenden Filmplatzpatronen (bekannt unter dem Oberbegriff „5-in-1“) geladen. Das Verfahren mit diesen Patronen ist seit gut acht, neun Jahrzehnten erprobt und tausendfach bewährt. Das beweisen die seitdem mit scharfen Waffen gedrehten Schusswaffensequenzen, deren Menge schlichtweg nicht mehr bezifferbar ist und deren Realisierung reibungslos und ohne Unfälle abgelaufen ist.

Missachtete Sicherheitsregeln im Umgang mit Waffen am Film Set

Grundlegend dabei: Rund um solche Schuss-Filmszenen unterliegen die dafür genutzten Waffen penibler Aufsicht und Kontrolle spezieller Fachleute (Waffenmeister), die (und nur die) mit dem Laden der Waffen betraut sind. Platzpatronen hin oder her: Man achtet beim praktischen Schießeinsatz auch bei US-Produktionen auf größtmögliche Sicherheit, auf entsprechende Abstände und sichere Positionen für alle Beteiligten. Es gibt (je nach Anforderung und Setting) Panzerglasabtrennungen, Schutzkleidung und Augenschutz  - all das wird auch in der Praxis benutzt. Aber niemals scharfe Munition! Außerdem ist es ein absoluter Verstoß gegen die Sicherheitsregeln am Set, wenn andere Personen als die dafür zuständigen Waffenmeister (Eng: "Film Armourer") eine Waffe übergeben. Der Regieassistent Dave Halls hätte also diese Waffe nicht übergeben dürfen, da er überhaupt nicht beurteilen konnte, ob es sich um eine "cold gun / ungeladene Waffe" gehandelt hat. Und im Umkehrschluss hätte der Schauspieler und Produzent, Alec Baldwin, wohl die Waffe aus einer nicht kundigen Hand überhaupt nicht entgegen nehmen dürfen. Wir halten also fest: es handelt sich hier nicht nur um die Verkettung "unglücklicher Umstände", sondern um massive Sicherheitsmängel am Set von "Rust". Alles andere haben nun die Ermittler zu klären.


Infolge der Beteiligung solch eines prominenten Schauspielers wie Alec Baldwin sei die Prognose gewagt, dass dieser Unglücksfall ernsthafte Konsequenzen für die amerikanische Filmindustrie und ihren Umgang mit Schusswaffen, Pyrotechnik und anderen Requisiten haben wird. Unsere Gedanken sind bei den Opfern und auch bei Alec Baldwin. Möglicherweise ist auch er ein Opfer des Systems? 

Wir schließen diese traurige News mit dem erneuten Hinweis: Sicherheitsregeln im Umgang mit Waffen erlauben keine Ausnahmen. Nie und zu keiner Zeit! 

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