Uberti gewährt erste Blicke auf den Prototypen eines Nachbaus der legendären Wildwest-Pistole Volcanic

Im Western-Kino war es lange sehr einfach: Die Bad Boys mit den schwarzen Hüten schossen mit dem, was auch die Guten mit den hellen Hüten benutzten. Das waren vor allem Revolver im Stil des M 1873 Single Action Army, Unterhebelrepetierer à la Winchester M 1892 und Klappenverschluss-Hinterlader nach Bauart der Springfield M 1873 Trapdoor. Erstens waren von diesen Waffenmodellen genug Realstücke als Requisiten vorhanden. Zweitens nutzten die Filmleute aus Sicherheitsgründen bald eigens für ihre Arbeit entwickelte Platzpatronen, zugeschnitten vor allem auf die genannten drei Waffenarten. Aus alledem folgt drittens, nämlich beim Ausstatten eines neuen Filmes eine möglichst einfache Logistik bei den Requisiten-Waffen vorzufinden, deren Funktion und Macken – viertens – alle Beteiligten aus dem Effeff kannten.

So erklärlich das alles ist, es bringt an historischer Originaltreue interessierte Filmfans von jeher auf die Barrikaden: Nicht nur, dass so in vielen Filmen Waffen eingesetzt wurden (und werden), die es zur Handlungszeit des jeweiligen Streifens nicht gegeben hat, sondern auch, dass diese Vereinfachung der Vielfalt des einstigen Angebotes nicht gerecht wird. Außer Colt stellten nämlich auch US-Hersteller wie Remington, Smith & Wesson, Rogers & Spencer, Starr, Forehand & Wadsworth oder Merwin, Hubert & Co. Revolver her, außer Winchester waren da auch noch die Unterhebler von US-Firmen wie Marlin, Whitney oder Bullard. Und bei Hinterladern für Metallpatronen sei auf (stellvertretend genannte) Fabrikanten wie Sharps, Remington, Ballard,  Savage und Stevens oder Maynard verwiesen. Aber wegen dieses Wunsches nach mehr Authentizität gerade im Western begannen manche Produzenten damit, bei Waffen vermehrt auf Stimmigkeit zu achten. So versorgten sie sich seit Ende der 1950er Jahre auch aus den Sortimenten der zunehmend an Bedeutung gewinnenden Hersteller historischer Nachbauten (auch bekannt als Replicas und Neo-Classiker).

Uberti war einer der ersten, der Nachbauten von Western-Waffen für Kino-Filme lieferte:

Aldo Uberti zählte zu den Replika-Herstellern, die unter anderem Sergio Leone mit Waffen für seine erfolgreichen Western-Filme versorgte.

Bei diesen vor allem in der Lombardei beheimateten Häusern gehört die Firma Aldo Uberti nicht nur zu den ältesten, sie lieferte zudem als eine der ersten Firmen ihre Replicas an Film-Produktionen, nämlich für die Western des Italo-Gurus Sergio Leone. Und sie ist zudem das Unternehmen, das bis heute das Wort „Diversifikation“ bei ihren Neo-Classikern am Wörtlichsten genommen hat, wie jetzt auch an dem hier vorgestellten Prototypen zu sehen. Denn neben dem Vollsortiment an Kopien von Waffen der Firmen Colt, Winchester und Remington hat Uberti auch die bislang einzigen serienmäßigen Ableger der Smith & Wesson-Kipplaufmodelle American und Russian oder des Colt-Burgess Lever Action-Repetierers M 1883 im Programm. Und sonst? Da hatte man seit einigen Jahren als Western-Fan den Eindruck, der Topf sei bis zum Boden ausgekratzt. Was nicht heißt, dass nicht noch Wünsche nach weiteren Neo-Classikern bestünden, etwa dem Nachbau des Pocket Army von Merwin, Hulbert & Co. oder der Kopie einer der vielen Taschenrevolver-Varianten, die es einst im Gefolge von Webleys Welterfolg The British Bull Dog auch in Wildwest gegeben hat. Doch da lautete die Devise, derlei lohne mangels Nachfrage den Nachbau nicht, sei zu aufwendig und nicht zu machen.

Also nix Neues mehr, es sei denn, es handelt sich um eine Variation eines schon eingeführten Modells? Nein. Denn im März platzte auf Messen wie der European Outdoor Show (EOS) in Parma eine Bombe. Da präsentierte Bruno Circi, Marketingleiter bei Uberti, uns einen besonderen Prototypen – einen für eine Volcanic-Unterhebelrepetierpistole. Okay, mag man sagen, so what? Da fand sich halt noch ein Modell, das man bisher links liegen gelassen hatte. Im Prinzip richtig, doch gab es fürs Ignorieren triftige Gründe. Die hängen mit dem Aufbau von Waffenart und Munition zusammen. Um das näher zu verstehen, sei ein Blick in die Vergangenheit gestattet.

Die Vorgeschichte der Volcanic:

Patentzeichnung zu dem "geladenen Geschoss" des Belgiers Charles Fusnot. Ein Vorläufer der später in der Volcanic verwendeten "Rocket Ball"-Munition.

An Mehrladern mit Magazinrohren tüftelte man schon, als Feuerwaffen noch mit Rad- und Steinschlossen gezündet wurden, also im 17. und 18. Jahrhundert. Nur waren diese Stücke arg filigran, zu kompliziert und dank ihrer für lose Komponenten eingerichteten Magazine oft sehr unsicher. Das Ganze nahm Ende der 1840er Jahre Fahrt auf, als der Belgier Charles Fusnot sein revolutionäres „Geladenes Geschoss“ vorstellte. Sprich: Ein Bleiprojektil, das hinten in einer Höhlung Pulverladung und Zündsatz vereinte. Nun ließ sich Fusnot seine Erfindung erst 1855 patentrechtlich absichern, jedoch belegt ein Ausstellungskatalog von 1847, dass er der erste Erfinder solch eines Geschosses war. Dennoch verschwindet er nun direkt aus dieser Story und macht Platz für den Amerikaner, der lange als Erfinder dieses frühen Typs einer hülsenlosen Munition galt und der 1848 das US-Patent No. 5701 für eine „Metallic Cartridge“ erhielt – Walter Hunt, auch bekannt als Erfinder der Sicherheitsnadel. Die Geschossart nutzte Hunt für etwas, das er „The Volition Repeater“ (also „Der Willenskraft-Repetierer“) nannte und wofür sein „Assignee“ (Beauftragter, tatsächlich: sein Geldgeber) George A. Arrowsmith am 21. August 1849 nach gut zweijähriger Warterei ein Patent mit dem Titel „Combined Piston Breech and Firing Cock Repeating Gun“ erhielt. Kurz: Hunt ersann einen Mehrlader mit Röhrenmagazin – und das passende Geschoss gleich dazu: Hinten ausgehöhlt für die Pulvercharge, abgedeckt per Korkplättchen mit einem Loch und darüber einer dünnen Papierscheibe, um da den Strahl des extra zu setzenden Zünders durchgehen zu lassen. Ganz in der Tradition der stets mit sprachlichem Maximal-Wumms arbeitenden US-Reklame wählte er keinen sachlichen Begriff wie „Geladenes Geschoss“, sondern nannte sein Projektil „Rocket Ball“, also Raketenkugel.

 

Darauf basierten die Volcanic-Waffen: auf dem US-Patent No. 10,535 mit dem Titel „Magazine Firearm“, ausgestellt an Horace Smith und Daniel Beard Wesson.

Genau in diesem Geschoss lag der Grund, warum die dafür eingerichteten US-Waffen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts nie nachgebaut worden sind: Auch wenn die Idee zu „Geladenem Geschoss“ und „Rocket Ball“ um 1850 bestechend klang, da sie das bisherige Gefummel mit Pulver, Geschossen und Zündern drastisch abkürzte, das Nachladen vereinfachte und zuverlässige Mehrladewaffen mit hoher Kapazität in Aussicht stellte – Hunts Geschoss war weder funktionssicher noch leistungsstark. Denn es konnte nur recht wenig Pulver aufnehmen. Zudem hatte es Probleme mit der gebotenen Dichtigkeit, das Pulver darin war also nicht gegen Feuchtigkeit geschützt. 

Eine 1st Sergeant der US-Armee, in seiner Rechten der Non Commissioned Officers-Degen M 1840 und im Koppel eine Volcanic, vermutlich eine in New Haven gebaute 31er No. 1 Pocket Pistol.

Daran konnte auch das nichts ändern, was nach Hunt geschah: Da optimierte der Techniker Lewis Jennings im Auftrag von Arrowsmith den Volition Repeater und legte damit die Basis für die Arbeit seiner Kollegen Horace Smith, Daniel Wesson und Benjamin Tyler Henry. Aus Smiths ab 1850/51 in mehreren Schritten erfolgter Tüftelei ging dann nicht nur mit Unterstützung seines Mitstreiters Daniel Wesson und des Finanziers Courtland Palmer die 1854 gegründete Firma „Smith & Wesson Company“ hervor, sondern auch eine neue Waffenart – Repetierpistolen, versehen mit Röhrenmagazin, Außenhahn und einem beweglichen Abzugsbügel, der sich über eine ringförmige Verlängerung zwecks Zufuhr und Spannen betätigen ließ. Diese Kurzwaffen nannte das Haus „Volcanic“, also „vulkanisch“. Zudem erhielt das Raketengeschoss nun auch einen integrierten Zünder.

Jedoch lieferte keine der unter diesem Namen in zwei Modellen und in den zwei Kalibern .31 und .41 ausgeführten Smith & Wesson-Pistolen die Vorlage für Uberti: Diese S & W’s kamen meist mit bräunierten Läufen und mit gebläuten Stahlsystemen – Ubertis als Vorlage benutztes Original aber hatte einen gebläuten Lauf und ein System aus dem, was die Amerikaner gern so kurz wie unpräzise als „Brass“ bezeichnen, womit Messing, Rotguss oder auch Kanonenbronze (=Gunmetal) gemeint sein kann. Diese Ausstattung jedoch verweist auf das, was nunmehr in Sachen Volcanic geschah: 40 US-Geldleute steckten Geld hinein, gründeten die Aktiengesellschaft „The Volcanic Repeating Arms“ und verdienten noch vor Verkauf einer einzigen Waffe durch Aktien satte 150 000 Dollar (umgerechnet auf heutigen Wert: zirka 4 900 000 Dollar). Smith und Wesson stiegen aus und gründeten unter ihren Namen wieder eine Firma, dieses Mal zum Zweck des Revolverbaus.

Technisch basiert der Nachbau von Uberti auf der Volcanic Lever Action No. 2 Pistol  –  und zwar auf diesem hier zu sehenden Originalstück.

In der neuen Volcanic-Firma verlegte man sich ab 1855/56 auf Pistolen sowie Gewehre, alle mit „Brass“-Gehäusen. Ein Modell war die „Lever Action No. 2 Navy Pistol“ mit Lauflängen von sechs bis acht Zoll – genau so war auch Ubertis Vorlage beschaffen. Nur – wo gebaut? Die Volcanic Company hatte ihren Sitz erst in Norwich, Connecticut, verlegte aber um 1856/57 nach New Haven im selben US-Staat. Dies deshalb, weil der nun tonangebende Oliver Fisher Winchester es so wollte. Das sorgte für den neuen Namen „New Haven Arms Company“, man warf aber die Volcanics weiter unter ihrem eingeführten Namen auf den Markt. Diejenigen aus New Haven erkennt man oft daran, dass zwar nicht „VOLCANIC“ auf dem Lauf steht, aber dafür „PATENT FEB. 14,1854 / NEW HAVEN CONN.“. Ganz sicher ist die Zuordnung, wenn da dreizeilig zu lesen ist: „THE VOLCANIC / REPEATING ARMS CO / NEW HAVEN CONN.“, wobei links vor der letzten Zeile der Ortsangabe „PATENT“ und rechts hinter dieser Zeile „FEB. 14.1854“ steht. Exakt so war es der Fall beim Original wie auch bei Ubertis Vorführstück.

Der Prototyp für den Volcanic-Nachbau von Uberti:

Blick ins Innere der originalen Volcanic-Pistole, die Uberti als Vorlage für den Prototypen diente. Hier bewegt ein mit dem ringförmigen Lever verbundenes Kniegelenksystem den Verschluss vor und zurück.

In den Gesprächen mit uns führte der Uberti-Marketingleiter auch aus, wie die Idee zu dieser Waffe entstand, nämlich dadurch, dass Werkstattleiter Angelo Merlino solch eine Pistole erwarb und verkündete, dies sei „das neue Ding“. Circi erklärte im Detail, vor welchen Herausforderungen Uberti bei dem Vorhaben stand. Neben dem Überführen des alten Designs in eine heutige Fertigungsstraße waren vor allem drei Dinge zu bewältigen – erstens: Die für die USA und damit den umsatzstärksten Markt bestimmten Stücke erhalten eine automatische Sicherung (etwa ein Transfer Bar), denn ohne dürften sie sich da nicht absetzen lassen. Zweitens stellte sich die Frage danach, was der Neo-Classiker verschießen möge. Rocket Balls schieden aus den genannten Gründen als völlig unsichere Kantonisten aus. Gemäß aktuellem Wissensstand wird es aufs Kaliber .380 ACP hinauslaufen. Laut Circi geht mit der Länge dieser Pistolenpatrone einher, dass dazu die Dimensionen des für die Zufuhr verantwortlichen Lifters und der oben liegenden Auswurföffnung nur geringfügig zu ändern sind. Dann liefert die Patrone einen eher geringen Druck, was das Messing des Replikengehäuses bloß mäßig stressen dürfte. Drittens ist sie eine der weltweit verbreitetsten Pistolenpatronen; es herrscht an Nachschub kein Mangel. Ihr Debüt im Western-Feld ist es aber nicht. Das erlebte die .380 ACP vor einigen Jahren mit einer Kopie des ebenfalls von Uberti kommenden Colt 1862 Pocket Police Conversion. Und drittens: Die Replika brauchte mechanische Elemente zum Ausziehen und Auswerfen der abgeschossenen Patronenhülsen, denn derlei gab es beim für hülsenlose und damit auch rand- und rillenlose Rocket Balls vorgesehenen Original nicht, hier musste bei einem Versager der Putzstock ran.

Die Uberti-Volcanic kommt mit Messinggehäuse und blank belassener Lauf-Magazin-Baugruppe; die Lauflänge beträgt 8 Zoll. Wenn alles glatt läuft, soll der Nachbau von Uberti im Laufes des Jahres 2027 in Serie gehen. Dann allerdings wohl im Kaliber .380 Auto und mit zusätzlichen Sicherheits-Features.

Rein von den sonstigen Maßen her ergab der Vergleich der Uberti Volcanic zu dem auf Messen wie der EOS in Parma gezeigten Original, dass das Werk die Maße getreulich übernommen hat. Und wie die probierfreudigen Finger der Journalisten herausfanden, war auch die Funktion identisch: Das betraf den Lever, den Hahn und das Laden. Dazu drückt man die Magazinfeder über eine Außentaste zusammen, die in einem Längsschlitz des Magazins gleitet. Die Drückbewegung verläuft von hinten nach vorn, bis Feder samt Taste vorn unter der Laufmündung im Magazinkopfstück stecken. Das kommt so frei und lässt sich zur Seite drehen, auf dass man die Mumpeln von vorn ins Magazinrohr einlegen kann. Wem das vertraut vorkommt: Es ist identisch zu dem Ladeprozedere des Gewehrtyps, den der Erfinder Benjamin Tyler Henry samt einer 44er Randfeuerpatrone aus der Volcanic heraus entwickelt hat – die auch in Winchesters Werk gebaute Henry Rifle M 1860, die ihrerseits der Ahnherr der Winchester-Unterhebler und damit aller anderen Leverguns werden sollte. Ubertis Volcanic-Messestück kam noch mit blankem Lauf und mit ­einer Lauflänge von acht Zoll. Circi erklärte, Uberti werde auch die Version in sechs Zoll anbieten, diese sei als Fünf-, die lange als Siebenschüsser ausgelegt.

Alt und Neu zusammen auf dem Uberti-Messestand der EOS in Parma: gut zu sehen, wie genau die Volcanic-Kopie (h.) die Maße, die äußeren technischen Details und natürlich die unverwechselbare Linienführung des Vorbildes aus Connecticut trifft.

Die "Volcanic" von Uberti soll 2027 kommen

So. Nun hätte man am liebsten Folgendes getan – ab nach Parma, das Messestück entführt und ausprobiert (um sich dann zur Feier des Anlasses an einigen Scheiben von dem legendären Schinken aus dieser Region samt einiger Melonenschnitten zu laben). Doch das Testen ging nicht, der Lauf des Prototyps war verplombt. Es heißt also, das zu tun, was eine Quälerei werden wird, nämlich zu warten. Wenn alles klappt, soll Ubertis Volcanic 2027 serienreif sein und damit bereit zur Praxis. Bis dahin kann sich, wer weder Original noch Replika hat, als Filmdetektiv versuchen und feststellen, ob es irgendeine Volcanic, ob kurz oder lang, zu cineastischen Ehren gebracht hat. Eine tat es in jedem Fall: In Sergio Leones Italo-Klassiker „Für ein paar Dollar mehr“ zeigt sich Clint Eastwood als „Schiedsrichter“ beim Abschlussduell zwischen Gian-Maria Volonté und Lee van Cleef mit einem originalen Volcanic-Gewehr – allerdings ohne einen Schuss daraus abzufeuern.


Dieser Artikel erschien auch in der VISIER, Ausgabe 6/2026. Darin sind noch mehr Detail-Abbildungen des historischen Originals enthalten. Sie können das Heft im VS Medien-Shop online kaufen. Dort steht es auch als ePaper zur Verfügung.

Weitere Informationen zum Unternehmen und dessen vielfältigem Portfolio an Westen-Waffen-Nachbauten finden Sie auf der englischsprachigen Homepage von A. Uberti S.p.A. − dort können Sie auch den aktuellen Uberti-Katalog herunterladen. Und das lohnt sich für Western-Fans neben der Waffen auch wegen der aufwendigen Hintergrundbebilderung mit Wildwest-Flair.