Hinter den Kulissen: Zu Gast bei SIG Sauer − wir waren zur Werksbesichtigung in Eckernförde

Zwei Worte, die eigentlich schon alles beinhalten, was man wissen muss: SIG Sauer. Weltweit erfreuen sich Sportschützen an den Waffen, aber ebenso bei verschiedenen Behörden stehen die Produkte im täglichen Einsatz, wo unter Umständen das Leben von ihnen abhängt. Auch taucht der Name immer wieder in den Medien auf. So etwa, als man mit der P320-M17 die Ausschreibung für die neue Dienstwaffe der US-Armee gewann. Ein Auftrag, der SIG Sauer Hunderte Millionen Umsatz bescherte beziehungsweise im Laufe der nächsten Jahre bescheren wird. Durch eben diese Präsenz, auch in den USA, denkt mancher Amerikaner, dass SIG Sauer ein Unternehmen aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten wäre – doch das Herz schlägt in der kleinen Gemeinde Eckernförde in Schleswig-Holstein. Und beim dortigen Besuch ging es dann darum, mal einen Blick hinter die Kulissen des Waffenherstellers zu werfen und zu schauen, wie viel Made in Germany in SIG Sauer steckt.

Kleinstadtflair am Sitz von SIG Sauer: Eckernförde

Fährt man von Hamburg aus kommend nach Eckernförde hinein, könnte man das Unternehmen fast verpassen. Doch die Fahnen weisen den Weg zu den flachen Gebäuden von SIG Sauer. Auf dem Rasen drehte ein Mähroboter seine Runden. Und auch die Umgebung strahlte diesen gewissen, anheimelnden Kleinstadt-Flair aus. Das Kontrastprogramm gab es dann im Inneren. Man merkte schon im Großraumbüro, dass hier Menschen arbeiten, die mit der ganzen Europäischen Union in Kontakt stehen.

Laufproduktion in Eckernförde.
Vorher und nachher: Die Laufproduktion erfordert Akkuratesse und mehrere Arbeitsschritte, bevor ...
Laufproduktion bei SIG Sauer.
... man sich bei SIG Sauer mit dem Ergebnis zufrieden zeigt und die nächsten Schritte folgen können.

Was bei SIG Sauer gebaut wird

SIG P226 und Statue.
Beides zu haben: Serienproduktion und individuelle Handwerkskunst. Letzteres repräsentiert durch diese Pistole SIG Sauer P226.

Und die Begleitung wartete schon: Curt Richard Pautlitz und Dr. Armin Dobat, zuständig für Marketing bei SIG Sauer, nahmen sich die Zeit, um das Werk in Eckernförde und natürlich auch das Unternehmen zu präsentieren. Die Frage, die am meisten unter den Nägeln brannte, war die, was denn in Eckernförde alles an Waffen das Licht der Waffenwelt erblickt. Die bekannte MCX Virtus und andere Produkte entstehen ja in den USA. Aber die Liste der in Eckernförde hergestellten Waffen präsentierte sich als beachtlich: Allein 30 verschiedene Modelle der P226 werden in Schleswig-Holstein gefertigt. Hinzu kommen die P220 X-Six II Classic und PPC, die SP 2022 und Langwaffen als da wären das SSG 3000 in 5 Varianten und die Reihe TR 200 ebenfalls in verschiedenen Modell-Versionen. Wie wird produziert: Ein Großteil der Sport-Produkte wird also nach wie vor in Deutschland produziert. Beim Weg durch die Produktionshallen mit den modernen CNC-Maschinen fiel auf, wie akribisch man in jedem einzelnen Arbeitsschritt mit dem Produkt umging. Die Laufproduktion findet sich in einer eigenen Halle, was schon aufgrund des Lärms verständlich erscheint – auch wenn es in den anderen Hallen nicht unbedingt leise zugeht. Das warf dann die Frage auf, wie genau so eine Waffe in welchen Einzelschritten entsteht. In einem kleinen Handwerksbetrieb mit wenigen Stückzahlen mag dies mit vielen Schritten aus derselben Hand gehen, doch im industriellen Maßstab muss das anders erfolgen. "Wenn wir große Stückzahlen produzieren, dann geht das nach einem festgelegten Prinzip", erklärte Armin Dobat. "An erster Stelle steht das Sägen. Darunter versteht man bei uns, dass man das Rohmaterial bearbeitet, also etwa beim Verschluss das Ausgangsmaterial, das eine Länge von vier bis sechs Metern haben kann, auf 20 cm kürzt. Wir teilen die Produktion dazu in 3 Segmente auf: Lauf, Griffstück und Verschluss. Nach dem Sägen erfolgt dann die Vorfertigung von Lauf und Griffstück, an die sich dann die Endfertigung der drei Partien anschließt", führte Armin Dobat weiter aus.

Fräse bei SIG Sauer.
Blick auf die Bearbeitung der Läufe. In den Hallen herrscht ein enormer Lärmpegel, der Ohrenschützer nötig macht.

Doch damit schließt sich der Kreis noch lange nicht. "Im nächsten Arbeitsschritt steht das Entgraten der 3 Segmente an. Sämtliche Bearbeitungsspuren werden entfernt. Daran schließt sich das Finishing beziehungsweise die Kontrolle an, ob alles auch passt und sauber bearbeitet wurde. Schließlich legen wir, wie auch unsere Kunden, großen Wert auf die Qualität. Erst wenn alles für gut befunden wurde, geht es weiter in die Montage und dann zur Abnahme. Unsere Qualitätsansprüche sind sehr hoch und es verlässt keine Waffe das Werk, die nicht genau überprüft worden ist."

Aber, und vielleicht macht das auch den Reiz von SIG Sauer aus, das Unternehmen kann eben nicht nur Masse produzieren, sondern auch ganz individuell, wie man es schon auf der IWA 2019 zeigte. Stichwort: der SIG Sauer Mastershop.

Gefrästes Stück bei der Pistolenproduktion.
Werkstück nach dem Sägen. Man erkennt aber schon, dass es mal eine Pistole aus diesem Stahl werden soll.
Qualitätsprüfung bei SIG Sauer.
Mit modernsten CNC-Maschinen wird bei SIG Sauer gearbeitet. Dennoch wird alles noch einmal entgratet und kontrolliert, um den Qualitätsanspruch zu wahren.
Maßhaltigkeitsprüfung bei SIG Sauer.
Qualität, Maßhaltigkeit, exzellentes Material für die Läufe , sowohl bei den Lang- als auch den Kurzwaffen, werden in Eckernförde groß geschrieben.

Dreimal Master: Der Mastershop von SIG Sauer

Neben den Produkten "von der Stange" kann der Kunde nun auch aus einem breiten Angebot auswählen, das es ihm ermöglicht, seine individuelle Waffe zu kreieren. Dabei teilt sich dieser Part des Unternehmens in 3 Bereiche. Beim Mastershop Sport kann der Kunde vorgefertigte Pakete erwerben oder sie individuell tunen, wie am Abzug, der Visierung, den passenden Laufgewichten und anderen Komponenten. Die nächste Stufe auf der Leiter nach oben bildet der Mastershop Prestige. Unterschiedliche Farben, Oberflächen, Griffstücke oder Gravuren sorgen dafür, dass der Kunde eine individuell angepasste und einzigartige Waffe erhält. Den Olymp betritt man dann mit dem Mastershop Individual. Das Wort "Einzelstück" dürfte hier das entscheidende sein. Nach eigenen Entwürfen und Vorstellungen werden hier Waffen gefertigt, die einzigartig auf der Welt sind. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Ein Filmmotto? Kein Problem! Edelste Werkstoffe? Immer her damit! Aufwändige Herstellung? Geben Sie das Startsignal! Schon auf der IWA 2019 bot sich ja die Möglichkeit, einige dieser Stücke zu sehen, wie die mit "Piratenmotto" oder die als "Westernversion". Eigentlich zu schade, um sie ihrem eigentlichen Zweck zuzuführen, versichert man bei SIG Sauer aber, dass man, wenn man will, damit auch normal schießen kann.

Die Welt in Eckernförde

Prüfender Blick in Pistolenlauf.
Kontrolle muss sein: Prüfender Blick in die Laufpartie einer SIG-Sauer-Pistole.

Die Leistungsschau in den beiden Segmenten der Masse und des Individualismus war wirklich sehenswert. Aber eben nicht alles wird hier vor Ort produziert oder durch eigene Techniker gewartet. "Wir arbeiten mit einer Reihe von kleineren Unternehmen zusammen, die für uns Schrauben und andere Kleinteile produzieren. Diese werden in regelmäßigen Abständen natürlich ebenfalls darauf überprüft, ob sie unseren Qualitätsstandard erfüllen", sagt Armin Dobat auf die Frage, ob es auch Verbindungen zur lokalen Wirtschaft gibt. 

Upper-Gehäuse für das SIG Sauer SSG 3000.
Upper-Gehäuse für das SIG Sauer SSG 3000 – auch diese Waffenfamilie entsteht wie andere Produkte am Standort in Eckernförde.

Auch wenn für viele Eckernförde tiefste Provinz sein dürfte, so schlägt hier doch das Herz von SIG Sauer, einem Konzern, dessen Produkte in vielen Ländern viele Menschen schätzen und sich Tausende von ihnen in ihrem Beruf darauf verlassen müssen und auch können. Dabei, wie das Produktionsbild es zeigt, widmet man sich in Eckernförde in erster Linie der Produktion der Sport-Linien. Diese gehen dann von der Kleinstadt hinaus in die ganze EU. In Newington, New Hampshire, in den USA sitzt die SIG Sauer Inc., die sich unter anderem dem Defense-Segment angenommen hat. "Die Übergänge und der Austausch sind aber fließend, schließlich sitzen wir alle unter einem Dach. Der Austausch endet dabei nicht nur auf technischer Ebene statt, zahlreiche Pistolen wie die P320-M17 kommen ja auch nach Deutschland", sagt Armin Dobat noch am Schluss. Und dann ging es wieder zurück aus der und in die Provinz.


Weitere Informationen zu den Produkten aus dem Hause SIG Sauer finden sie auf der Seite des Herstellers.

Dieser Artikel erschien zuerst in der VISIER, Ausgabe 12/2019. Diese ist im VS Medien-Shop zu bestellen und auch in  einer digitalen Version verfügbar.

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