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Vom Schuss auf weite Distanzen − Einführung in den Long-Range-Sport

Ab welcher Entfernung spricht man von Long-Range-Schießen?

Massenszene bei einem Long-Range-Wettkampf in Italien
Die Aufnahme zeigt eine Massenszene von einem LR-Wettkampf in Italien, die Teilnehmer schießen liegend aufgelegt.

Kurz gesagt: Das ist der Schuss auf große Distanzen, meist zwischen 300 und 2000 m. In Einzelfällen geht‘s noch weiter. Wobei für einen Kleinkaliber-Sportler alles jenseits von 100 m und für seinen Kameraden mit einer .308-Winchester-Büchse alles über 300 m Long Range (kurz: LR) sein dürfte. Damit hängt die Einstufung auch an Kaliber und Waffentyp. 

Der Begriff Long Range splittet sich vielfältig. Er umfasst den derartigen Schuss auf der Jagd, natürlich denjenigen beim Militär, doch am weitesten verästelt er sich im Sport: Mit dem im historischen Stil gehaltenen, einschüssigen Fallblockgewehr auf Distanzen von mehr als 500 m auf einen Blecheimer zu schießen, fällt gemäß obiger Definition ebenso unter Long Range wie das in der Welt wohl am meisten verbreitete Match des Typs F-Class (kurz: F-C) oder das als King of 2 Mile (kurz: KO2M) bekannte Match jener Könner, die mit modernen Hochleistungsgewehren auf Distanzen von über 3000 m auf Zielejagd gehen. Sprich: Weniger eingängig im Wortklang, aber präziser in der Aussage wäre da der Begriff "Sportlicher Weitschuss".

Kein Long Range ohne Reiselust

Trefferauswertung bei einem Long-Range-Wettkampf in Italien
Trefferauswertung bei einem Long-Range-Wettkampf in Italien.

Ungeachtet aller terminologischen Unterschiede eint die Anhänger dieses Schießens einiges. So sind sie ein reiselustiges Völkchen. Denn Long Range setzt eine Schießanlage voraus, die groß genug ausfällt. Genau das gibt es nicht an jeder Ecke und meist nicht überdacht. Also heißt es, sich auf entsprechende Witterung einzustellen – ausrüstungsmäßig sind die Long-Range-Fans so etwas wie die Abenteurer unter den Schützen. Sie müssen Regen, Wind, Hitze und extremen Druckschwankungen trotzen. Long-Range-Schützen führen passendes Equipment (samt wetterfestem Schreibzeug) mit, auf dass man bei Regen nicht im Boden versinkt oder im Sommer nicht gebraten wird wie ein Schnitzel in der Pfanne. 

Long-Range-Gewehr in winterlicher Landschaft
Kim Rasmussen belegt mit diesem Foto, dass Long Range bei jeder Art von Wetter stattfindet.

Dabei aber findet man sich gern in einem landschaftlichen Szenario wieder, das einem den Atem raubt: Das gilt für die abwechslungsreichen Landschaften Norditaliens, die Hügel von Wales, die Seen- und Waldregion im polnischen Miedzyrzecz (Austragungsort des Longshot-Turniers) oder das typisch wildwestliche Gebirgsszenario des Whittington Center der National Rifle Association nahe Raton in New Mexico. Übrigens eine Ecke, bei deren Auswahl die Geographie eine Rolle spielte: Der Bergzug läuft im Unterschied zu den meisten der Rocky Mountains nicht in Nord-Süd-Richtung, sondern in Ost-West – perfekt für Schützen, die so weder in die aufgehende Sonne spähen noch mit langen Schatten kämpfen müssen. Long-Range-taugliche Schießplätze verlangen viel Platz. Idealerweise dort, wo der Schusslärm möglichst wenig stört. Die Kombination von beidem mündet gern in Schießstände, die zwar abgelegen sind, aber dafür in ein landschaftliches Umfeld führen, das man als Normal-Tourist nicht findet. Was wiederum nach sich zieht, dass man sich unter Gleichgesinnten wiederfindet. "Long Range ist völkerverbindend und stiftet über alle Grenzen hinweg Freundschaften", so der Tenor vieler Long-Range-Schützen. Etwas, das die Befragten als weiteren Reiz ihrer Sportart ausmachen.

Für wen ist der Long-Range-Sport gedacht?

Schützen auf der Indoor-Long-Range-Anlage Marienberg
Meist ist Long Range eine Outdoor-Sache. Doch zeigt VISIER-Autor Christopher Hockes Bild vom 500-Meter-Schießstand in Marienberg: Es geht auch auf Indoor-Anlagen.

Dieses Erlebnis beschränkt sich nicht auf die Jugend. Wer sich unter F-C-Schützen umschaut, findet viele ältere Herren. Dazu eine Anekdote, die der heutige F-C-Schütze Larry Bartholome zum Besten gab: "Vor 41 Jahren sah ich einem sehr alten Seniorschützen (ich war damals 29 Jahre alt) dabei zu, wie er aus seinem Wagen stieg und langsam sein Schießequipment zur 1000-Yard-Linie transportierte. Ich hoffte, er würde dazu in der Lage sein, das Ziel zu treffen und sich nicht blamieren. Ich hätte mir keine Sorgen machen müssen. Ich hatte das Glück, an dem Tag mit ihm in der Mannschaft zu sein. Am Ende des Wettkampfes hatte er jeden Abschnitt gewonnen und ich hatte einen neuen Lebenstraum. Ich wollte in seinem Alter sein wie er ... dazu in der Lage sein, ein 1000-Yard-Match zu gewinnen gegen jeden, der da kommen möge." Auch heute sieht man gerade in der F-Class viele Schützen, die ihren 70., ja zum Teil schon ihren 80. Geburtstag gefeiert haben: Ihre Augen mögen schlechter geworden sein, aber das machen Equipment, Erfahrung und Begeisterung mehr als wett. Und der für das Long-Range-Schießen unverzichtbare Zusammenhalt: Nicht nur, dass das als "Spotting" bekannte Zielbeobachten per Spektiv per Mitstreiter erledigt wird, sondern auch, dass man als Anfänger vom Wissen der alten Hasen profitiert. Und durch gemeinsames Anreisen auch die Fahrtkosten senkt. 

Last, but not least der wichtigste Aspekt: Der Reiz, die beim Schießen immer unumgängliche Hand-Auge-Koordination auf ungewöhnlich große Entfernung zu erproben oder gar an ihre Grenzen zu bringen. Nichts Neues. Seitdem im späten Mittelalter die ersten "Handgonnes" aufkamen, bemühte man sich, die berühmt-berüchtigte "realistische Schussdistanz" zu erhöhen. Nämlich bis dorthin, wo ein erfahrener Schütze wiederholgenau mit Treffern rechnen kann. Daran tüftelten Büchsenmacher, Erfinder, Ballistiker und Optiker gleichermaßen seit Beginn des Feuerwaffenbaus. Das nahm dann seit der Mitte des 19. Jahrhunderts rasant Fahrt auf. Bei alldem ging es vom Fleck weg nie nur darum, etwa zur Stadt- oder Burgverteidigung eine noch effektivere Waffe zu bekommen. Vielmehr rangierte von jeher das Vergnügen bei allen Beteiligten ganz weit vorn, das Vergnügen am sportlichen Schuss auf weite Distanz.

Das Besondere am Long Range:

Long-Range-Schütze mit Accuracy International
Franco Palamaros Bild zeigt einen Long-Range-Schützen hinter seinem Accuracy-International-Gewehr.

Treffsicherheit und Distanz gehören zueinander wie kommunizierende Röhren – je größer die Distanz, desto schwieriger ist es mit dem Treffen und desto höher steht im Ansehen, wer seine Geschosse im Ziel platziert. Ein Vergleich mag verdeutlichen, warum aus sportlicher Sicht die Distanz allein nicht über Schießkunst entscheidet: Stellen Sie die Scheibe, auf die Sie über zehn Meter Distanz mit dem Match-Luftgewehr schießen, auf dem 100-Meter-Stand Ihres Vereins auf. Nun probieren Sie, mit ihrer Sportbüchse den kleinen weißen Punkt im Schwarzen so auf Ansage zu treffen, wie Sie das mit dem Luftgewehr können. Geht nicht? Kein Wunder, Zielscheibe und Distanz passen nicht zusammen. 

Und doch stellt das Long Range besondere Anforderungen. Denn physikalische Gesetzmäßigkeiten machen sich bei solchen Distanzen einfach weit stärker bemerkbar. Sprich: Die Außenballistik spielt eine viel wichtigere Rolle als bei anderen Zweigen des Schießens. Long Range findet – wie erwähnt – meist im Freien statt. Da wirken sich Wind, Wetter und Luftdruck weit mehr als sonst auf Schuss und Treffpunktlage aus. Auch erfordern die langen Strecken zwischen Mündung und Ziel, dass man sich gründlich mit den Flugbahnkurven der Geschosse befasst. Und mit Aspekten wie der Querschnittbelastung des Geschosses, mit seiner Seitenabweichung und seinem ballistischen Koeffizienten, mit Coriolis-Kraft, Magnus-Effekt und der durch die Geschossrotation hervorgerufenen Drift. Und es gilt zu lernen, wie die Mirage zu Fehlschüssen führen kann. Wegen all dem schreiben versierte Long-Range-Trainer ihren Schülern eins ins Stammbuch: "Niemand trifft über diese Distanzen hinweg auf Anhieb, auch Top-Schützen nicht." Diese Entfernungen verlangen nach sauberer Einweisung und Übung – Long Range ist insgesamt freilich weniger eine Frage des Talents als vielmehr eine des Trainingsfleißes.

Waffen und Kaliber für das Long-Range-Schießen:

Long-Range-Gewehre werden im schwedischen Ulfborg abgefeuert
Long Range im schwedischen Ulfborg.

Braucht man für Long Range wirklich ein Super-Duper-Gewehr für eine Patrone in Größe einer kubanischen Zigarre? Dazu eine weitere Faustregel: Wenn man Erfahrung mit Großkaliberbüchsen hat, langt für den Einstieg ein erprobtes Zylinderverschluss-Repetiergewehr à la Remington 700 oder Steyr SSG im Allround-Kaliber .308 Winchester. Stellvertretend an tauglichen Kalibern genannt eine kleine, sicher nicht vollständige Auswahl: Das reicht von .223 Remington über .243 Winchester, 6,5 x 55 Schwedenmauser, 6 mm BenchRest, 6,5 Creedmoor, 7 mm Remington Magnum bis hin zu .300 Winchester Magnum und .338 Lapua Magnum (fraglos eines der wichtigsten Kaliber im Bereich der richtig weiten Distanzen), .408 CheyTac und sogar .50 BMG. Wer später weiter hinaus will, wird von seiner Einstiegswaffe auf eine speziell zugeschnittene Hochleistungsbüchse umsteigen. 

Aufgebocktes Fortmeier Generation 1a
Von Long-Range-Fan Ralf Schuster stammt diese Aufnahme eines Einzellader-Zylinderverschlussgewehrs des Typs Fortmeier Generation 1a, Kaliber .50 BMG , bestückt mit einem Schmidt & Bender PM II.

Zu dessen Wachstum tragen übrigens osteuropäische Hersteller bei: In Ländern wie Polen und der Slowakei hat man anders als in Deutschland einige jedem Schützen zugängliche Schießstände, die superweite Distanzen gestatten. So haben sich die Osteuropäer den Ruf erworben, ein Mekka für Europas Long-Range-Fans zu sein. Das aber macht vor dem Waffenbau nicht Halt. Noch ein "Übrigens": Zwar sind bei Gewehren Zylinderverschlussrepetierer das Maß der Dinge, aber zusehends setzen sich Halbautomaten durch, vor allem der AR-10-Plattform, versehen mit entsprechenden Läufen und Optiken. Bei den Optiken sei auf den Trend zu hohen Auflösungen verwiesen. Und darauf, dass diese Gläser mit Skalierungen aufwarten, die das Berechnen der Treffpunktlage und damit das Zielen erleichtern. Überhaupt ist beim Long Range das Glas fast wichtiger als das Gewehr – Faustregel: Wer‘s ernst meint, kombiniert eine gute, erprobte Waffe mit einer wirklich erstklassigen Optik, bei deren Kauf man nicht geizen sollte. 

Hat man alles parat, heißt es zu rechnen, um die Flugbahnen korrekt zu deuten und je nach Regelwerk die Einstellung der Zielhilfe, sei es Diopter, sei es Glas, sauber hinzubekommen respektive den richtigen Haltepunkt zu finden: Früher erfolgte das per Rechenschieber. Doch hat sich auch da das Smartphone als allgegenwärtiger Helfer mit Zugriff auf die Allwissenheit der digitalisierten Welt erwiesen: Entsprechende Software berechnet Flugbahnkurven, Haltepunkte, Mündungs- und Terminalenergiewerte und was der (oft wiederladende) Long-Range-Schütze noch wissen muss.


Und wie das alles entstanden ist, was es an Fachbegriffen zu kennen gilt, was man an Waffen und Material benötigt – das erfahren Sie in VISIER Special 86 "Long Range" und VISIER Special 90 "Long Range II". Und hoffentlich ebenso, welchen Spaß das macht.

Wie man den Schuss aus weiter Distanz lernen kann, lesen Sie in unserem Bericht vom MINOX Long-Range-Seminar.

Optiken für das Long-Range-Schießen müssen nicht immer so teuer sein, wie im Text beschrieben. Lesen Sie dazu unseren Praxistest des Delta optical Stryker HD 5-50x56.

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