250 Mio Euro Deal: Neues Sturmgewehr der Bundeswehr und Nachfolger des G36 soll von C.G. Haenel kommen. Alle Infos und Hintergründe

+++ UPDATE 21.9.2020+++ MK556-Millionendeal mit der Bundeswehr – das sagt C.G. Haenel selbst

In einer Pressemitteilung vom 21.9.2020 hat nun auch C.G. Haenel selbst Stellung zur Vergabe der Ausschreibung um das neue Bundeswehr an das thüringer Unternehmen genommen. Dazu die wichtigste Information vorweg: Es handelt sich bei der Waffe die den Zuschlag bekommen hat, wie vermutet, um das Sturmgewehr MK556 im Kaliber 5,56 x 45 NATO.

Der Hersteller betont in seiner Mitteilung die Kompetenz im Waffenbau mit Bezug auf die Zugehörigkeit zur Merkel Gruppe. Es würden mit ihren 120 spezialisierten und hoch qualifizierten  Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern alle Kernkompetenzen des Waffenbaus abgebildet. Dazu Geschäftsführer Olaf Sauer: "Insbesondere die Rohrfertigung als einer der wesentlichen Faktoren für hochwertige Qualität ist am Standort Suhl in der Merkel-Gruppe mit den erforderlichen Kapazitäten vorhanden."

Zudem wird betont, dass seit der Übernahme durch die Caracal LLC aus den Vereinigten Arabischen Emiraten im Jahre 2007 massiv in den Standort in Suhl investiert worden sei. Wobei die Unternehmen der Merkel Gruppe wirtschaftlich selbst- und eigenständig "Made in Germany" arbeiten würden. Dies sei im Rahmen der Ausschreibung auch nachgewiesen worden.

In Bezugnahme auf das Sturmgewehr MK556 stellt Haenel fest, dass der Fertigunganteil zu rund 90 Prozent in Deutschland läge, das käme auch der Wirtschaftsregion Südthüringen zu Gute.

Laut Pressemitteilung hatte Haenel als Marke der Merkel-Gruppe im Jahr 2008 seinen Geschäftsbetrieb mit der Entwicklung und Produktion von Jagdgewehren aufgenommen. Durch zunehmende Exportrestriktionen auf Jagdwaffen, hatte es der Hersteller dann als unvermeidbar angesehen, auch auf den Behördenmarkt zu expandieren.

Die Pressemitteilung ist in voller Länge auf den Seiten der C.G. Haenel GmbH abrufbar.


Es geht um einen Großauftrag der Bundeswehr und die Lieferung von 120.000 Sturmgewehren. Nach verschiedenen Presseberichten und einer Pressemitteilung des Bundesministeriums der Verteidigung steht es fest: Die Vergabestelle des Beschaffungsamtes der Bundeswehr hat sich für die C.G. Haenel GmbH als nächsten Lieferanten des Sturmgewehrs der Bundeswehr und damit für den Nachfolger des HK G36 entschieden. Die Deutsche Presse-Agentur zitiert aus Militärkreisen, dass die Wahl auf die durch Haenel vorgelegte Waffe aus vor allem zwei Gründen fiel: Sie sei erstens besser auf die Anforderungen des Militärs zugeschnitten und zweitens würde sie auch monetäre Vorteile bieten. Dies sei durch umfangreiche Tests ermittelt worden. Die C.G. Haenel GmbH startete in 2008 als Neugründung im thüringischen Suhl. Das Unternehmen gehört zur Merkel-Gruppe, die wiederrum Teil der Tawazun-Holding aus den Vereinigten Arabischen Emiraten ist. Die Ausschreibung lief bereits seit dem Jahr 2017 und war zu diesem Zeitpunkt auf eine Viertelmilliarde Euro ausgelegt. An der Ausschreibung hatte neben Haenel auch Heckler & Koch teilgenommen. Der Hersteller aus Oberndorf hatte 2 Angebote abgegeben: Er war mit dem Modell HK416 sowie dem HK433 im Rennen. SIG Sauer hatte sich ursprünglich auch beteiligt, sich aber im Laufe des Verfahrens zurückgezogen. Der guten Ordnung halber weist das BMVg darauf hin, dass den unterlegenen Bietern auch noch der Rechtsweg offen steht und auch die parlamentarische Billigung der Entscheidung noch einzuholen ist.

Haenel MK556: Das nächste Sturmgewehr der Bundeswehr?

Noch nicht offiziell bestätigt ist, um welche Waffe es sich konkret handelt. Es liegt allerdings die Vermutung nahe, dass C.G. Haenel sein bisher einziges, bekanntes Sturmgewehr ins Rennen geschickt hat: Das MK556 im namengebenden Kaliber .223 Remington. Dabei handelt es sich um einen Vollautomaten auf Basis des AR-15 mit dem als moderner geltenden Gas-Piston-System statt einem mit direkter Gasabnahme. Für den Zivil- und Behördenmarkt wird hiervon auch eine halbautomatische Version angeboten, die hört auf den Namen Haenel CR223 und ist etwa bei der Polizei Sachsen im Einsatz.

Für einen Eindruck, wie das Sturmgewehr beschaffen und aufgebaut ist und auch, was es zu leisten vermag, sei auf das Haenel CR223 verwiesen. Diese halbautomatische (zivile) Version hat all4shooters.com bereits einem Test unterzogen.


Statement von Heckler und Koch zur Vergabeentscheidung für das neue Sturmgewehr der Bundeswehr

(Wir zitieren aus einer HK-Pressemeldung vom 15.September 2020):

Heckler & Koch ist heute informiert worden, dass keines seiner beiden Angebote bei der Sturmgewehr-Ausschreibung der Bundeswehr zum Zuge kommen soll. „Vorbehaltlich einer ausgiebigen juristischen Überprüfung bedauern wir diese Entscheidung“, sagt der Vorstandsvorsitzende Jens Bodo Koch. „Gleichzeitig sind wir aber von der Qualität sowohl des HK416 als auch des HK433 absolut überzeugt. Diese Qualität ist uns auch im Rahmen dieser Ausschreibung von der Bundeswehr bestätigt worden. Wir müssen mit unseren Produkten keinen Wettbewerb scheuen.“

 Das zeigen auch die nach wie vor sehr gut gefüllten Auftragsbücher. „Die Zahl der Bestellungen aus aller Welt ist höher als wir derzeit abarbeiten können und die Nachfrage weiter hoch“, so Koch weiter. „Heckler & Koch ist und bleibt wieder ein profitables Unternehmen.“ Aus diesem Grund ergeben sich aus der Sicht des Vorstands auch keine unmittelbaren Folgen für die Beschäftigten am Standort Oberndorf. „Wir haben nach dem Wechsel des Mehrheitsaktionärs vor einigen Wochen erklärt, dass die Jobs in Oberndorf sicher sind. Daran hat sich nichts geändert“, erklärt Finanzvorstand Björn Krönert.

Das von Heckler & Koch unterbreitete Angebot für das neue Sturmgewehr der Bundeswehr basierte auf den breiten Erfahrungen des Unternehmens mit Aufträgen dieser Größe, auf einer realistischen und gewissenhaften Kostenkalkulation für ein Hightech-Produkt und auf der Verantwortung der Firma für den Erhalt von 950 Arbeitsplätzen am Standort Oberndorf. Der Dreiklang aus Tradition, Know-how und unternehmerischer Verantwortung hat dazu geführt, dass Heckler & Koch-Produkte seit mehr als 70 Jahren weltweit gefragt sind.

Für die Bundeswehr-Ausschreibung hat Heckler & Koch das ohnehin technisch schon hoch entwickelte HK416 nochmals verbessert und nachweislich alle Ausschreibungsbedingungen erfüllt. Dieses Gewehr hat sich seit seiner Markteinführung zum europäischen Sturmgewehr gemausert. Es befindet sich in zahlreichen Nato-Ländern im Einsatz, zum einen als Standardwaffe in Norwegen, Frankreich und im US Marine Corps, sowie als Sturmgewehr neben vielen anderen bei den Spezialkräften der USA, Polens und Großbritanniens. Derzeit führen auch das Kommando Spezialkräfte der Bundeswehr (KSK) sowie die Kampfschwimmer diese Waffe als G95k ein.

„Wir werden die Entscheidung nun juristisch ausführlich prüfen und alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen“, sagt Vorstandschef Jens Bodo Koch.


Technische Hintergrundinformation: So funktioniert das CR223 - die Zivilvariante des MK556 von Haenel

Gassystem des Haenel CR223.
Das Haenel CR223 garantiert seine Funktion durch die auf eine kurze Pistonstange wirkenden Treibmittelgase.

Wie die überwiegende Mehrheit aller modernen Selbstlader in Zentralfeuer- Ausführung, funktioniert auch das Haenel CR 223 als Gasdrucklader mit Drehkopfverschluss. Anders als bei einem klassischen AR-15-Design strömen die im Lauf abgezapften Treibmittelgase aber nicht über ein Rohr direkt auf den Verschlussträger (DI: Direct Impingement), sondern auf eine kurze Pistonstange. Deren Bewegungsimpuls drückt dann den Verschlussträger nach hinten. Und löst so die Verriegelung. Über die speziellen Vor- und Nachteile eines Kurzhub-Pistonsystems im Allgemeinen und dessen Einsatz in einem AR-15 im Besonderen wurde schon viel geschrieben und leidenschaftlich diskutiert. Unbestritten bleibt, dass die Pistonsysteme konstruktionsbedingt weniger Schmutz in das Gehäuse blasen, als bei direkter Gasübertragung.

Das Haenel CR223 im Überblick

Verschluss des CR223 von Haenel.
Suhler Schutzvariante: Haenel schützt die Verschlüsse des CR 223 Selbstladers
durch eine Cerakote-Beschichtung vor Korrosion.

Verbesserungen zu einem gewöhnlichen AR-15-System zeigen sich auch bei Handhabung und Sicherheit: Das CR223 lässt sich entspannt sichern und eine Schlagbolzensicherung gewährt zusätzlichen Schutz. Zu den Markenzeichen gehört der für Reinigung und Wartung schnell via Hebel abnehmbare Dural-Handschutz. Die Abbildungen zeigen noch die älteren Varianten im wuchtigen Quadrail-Design (Schnittstellen: STANAG 4694) mit durchgehenden Schienen.

CR223 von Haenel in zerlegtem Zustand.
Anders als bei einem klassischen AR-15 verwendet das CR 223 ein Pistonsystem. Der
Quadrail-Handschutz lässt sich über einen Hebel in Sekunden vom Gehäuse trennen.

Die Bauteile der Waffe von Haenel im Einzelnen

Stahlteile wie das kalt gehämmerte Rohr und der Verschluss samt Träger machen einen hochwertig gefertigten Eindruck. Auch unter der gleichmäßigen Eloxierung der Duralelemente überzeugte die Verarbeitung. Handschutz und Gehäuse präsentierten sauber bearbeitete Oberflächen, Upper und Lower Receiver passten weitgehend spielfrei zueinander. Der Direktabzug löste bei knapp über 3 Kilo aus, fühlte sich aber aufgrund der einwandfreien, trockenen Charakteristik viel leichter an.  Sowohl das aus Polymer gefertigte Magazin als auch der Teleskopschaft mit 6 Rastpositionen stammen von Oberland Arms. Der Hinterschaft mit verdeckter Entriegelungswippe wirkt sehr stabil, bietet neben einer dünnen Gummikappe vier Schnittstellen für einen Riemen oder Riemenbügel und hatte auf der röhrenförmigen Gehäuseverlängerung vergleichsweise wenig Spiel. Für einen spielfreien Schubschaft benötigen AR-15 einen zusätzlichen Klemmmechanismus, wie er für diverse Teleskopschäfte von Magpul typisch ist. Der UPG-Pistolengriff stammt von der Firma CAA. Der Griff bietet auswechselbare Griffeinlagen in unterschiedlichen Größen, um die Handlage individuell anzupassen. Angesichts der feinen Verarbeitung der anderen Baugruppen mag das ab Werk montierte Visier etwas enttäuschen.

Kurze Version des CR223 in der Perspektive von rechts.
Das zivile CR223 in der kurzen,
olivfarbenen Variante "Commando".

Diese Varianten offeriert Haenel auf dem Zivilmarkt

Der normale Direktabzug ist für ein Militärmodell, wie erwähnt, gar nicht übel, aber Haenel offeriert gegen Aufpreis auch einen Feinabzug. Die Sicherung lässt sich beidseitig bedienen, Spannhebel und Magazindrücker für Rechts- und Linkshänder offeriert man ebenfalls. Vier Rohrlängen stehen zur Wahl: Die längste Version besitzt aktuell einen 423-mm-Lauf mit 1/9“-Drall. Nur bei der extrakurzen 10-Zoll-Version setzt man auf einen Drall von 1/7“. Der Selbstlader wird in drei Farben aufgelegt. Ob die Bundeswehr entsprechende Konfigurationen des MK556 beziehen wird, ist noch unbekannt.

Mit dem CR223 in der 16,5"-Version auf dem Schießstand

Für die 100-Meter-Bahn ersetzte ein 3-12fach vergrößerndes Zielfernrohr von Bushnell auf einer gekröpften Milmont- Montage von MAK das Aimpoint der 16,5“-Version. Funktionsstörungen traten beim Schießen nicht auf, die Waffe funktionierte mit allen Patronensorten inklusive Teilmantelpatronen und der Tulammo-Laborierung mit Stahlhülse einwandfrei. Die im CR 223 verwendeten Magazine stammten von Hera Arms sowie aus Colt-Fertigung, neben den mitgelieferten Oberland Arms-/Haenel-Containern. Probleme bereitete unabhängig vom Hersteller keines der Magazine. Den besten Streukreis des Tages von 17 mm für fünf Schuss auf 100 Meter Entfernung erreichte die Testwaffe mit der 52-Grains-Matchking- Laborierung von Sellier & Bellot, wobei der durchschnittliche Streukreis dieser Sorte bei knapp über 20 mm lag. Ansonsten verhielt sich die Haenel CR223 im Schuss völlig unauffällig – der Rückstoß bleibt dem Kaliber entsprechend angenehm leicht. Für den Einsatz in Verbindung mit einem großen Zielfernrohr mit 56er Objektivdurchmesser könnte der Schubschaft subjektiv ruhig etwas höher ausfallen. Aber für den Einsatz mit der offenen Visierung oder einer in der Bauhöhe entsprechenden Optiklösung passte alles. Präzision, Ausstattung und Verarbeitung hinterließen bei der  CR 223 einen guten Eindruck.


Weitere Informationen zu den Waffen von C.G. Haenel aus Suhl gibt es auf der Homepage des Herstellers.

all4shooters hat bereits über andere Rüstungsprojekte berichtet. So etwa über die Anschaffung eines neuen Maschinengewehrs in Russland, das RPK-16. Auch über eine neue US-Anschaffung, das SIG Sauer MG 338, hat all4shooters.com bereits im Detail berichtet.

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