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Test Walther LG400 E: Luftgewehr mit elektronischem Abzug

Wo führt die Entwicklung im Bereich des Match-Luftgewehr-Schießens den Schützen noch hin? Vorbei sind die Zeiten, in denen die Waffen noch gegen Federkraft gespannt werden mussten. Auch die Epoche der simplen Pappscheiben ist längst abgelaufen. Und dies sind nur zwei Beispiele aus dem heutigen Spitzensport. Wer vorne mithalten will, muss konstant Leistung bringen und auch seine Waffe auf dem aktuell höchsten Stand halten. Vor allem bei Letzterem wird mittlerweile alles unternommen, um diesen Punkt als Fehlerquelle auszuschalten. Aus diesem Grund präsentierte Walther auf der IWA OutdoorClassics 2015 das überarbeitete Luftgewehr Walther LG400 E. Das "E" bezieht sich auf ein entscheidendes Feature, das man der Waffe gegönnt hat: einen elektronischen Abzug.

Walther LG400 E: Luftgewehr mit elektronischem Abzug und INSIGHT-Out Matchdiopter und Centra Korntunnel. Hier im Test bei VISIER.

Das Neue am Walther LG400 E


Bei dem Gewehr handelt es sich weitgehend um das bewährte Walther LG 400, das aber individuell an den Schützen angepasst werden kann. Bislang funktionierten die meisten Abzüge der Matchwaffen rein mechanisch. Dies hatte naturgemäß zur Folge, das Verschleißerscheinungen (intern) und andere Einflüsse wie etwa die Raumtemperatur (extern) die Leistung beeinflussen konnten. Dadurch veränderte sich natürlich auch immer wieder die Trigger-Justierung. Damit soll laut Walther jetzt Schluss sein. Der Abzug lässt sich so einstellen, dass er über Jahre hinweg konstante Leistung bringt und – da nun einige mechanischen Teile entfallen sind – verschleißfrei arbeitet. Als weitere Features sind der bis auf 15 Gramm reduzierbare Widerstand und das Schießen mit (wahlweise) Druckpunkt oder Direktabzug angegeben. Damit sollen nach Angaben Walthers insgesamt 500.000 Schuss exakt möglich sein.

Walther LG400 Electronic: Per USB-Anschluss lässt sich der Akku des Abzugs aufladen. Auch eine Schnellladung ist möglich. Eine Minute genügt für 100 Schuss.

Was sagen Schützen und Trainer aus der Praxis zum Walther LG400 E?

VISIER hatte die Möglichkeit gleich zwei Experten nach ihrer Meinung zum Walther LG400 E zu befragen: Abhinav Bindra, Indiens ersten und einzigen Olympiasieger, der selbst diese Waffe nutzt und seinen Trainer Heinz Reinkemeier, der dem Sieger von Peking 2008 hilfreich zur Seite stand. Ende Mai traf VISIER die beiden in Dortmund, als dort gerade ein intensives Training stattfand. An diesem nahmen auch noch drei weitere Schützen teil, zwei aus Indien und eine Schützin aus Luxemburg. 

In einer Pause stand zunächst Abhinav Bindra für eine kurze Stellungnahme zum Walther LG400 E bereit: "Ich bin mit meinem Luftgewehr äußerst zufrieden. Vor allem auch mit dem neuen Abzug. Er garantiert über lange Schussserien immer wieder gleichmäßiges Auslösen. Durch weniger mechanische Teile verringern sich auch mögliche Störungsquellen." In die gleiche Richtung äußerte sich auch Heinz Reinkemeier: "Das LG400 E ist sicher ein gutes Sportgewehr. Durch die Elektronik werden die Folgen äußerer Einflüsse wie Temperatur oder Reibung geringer. Das ist das Ergebnis von weniger Mechanik im Abzug. Es sind schlicht weniger Teile vorhanden, die sich bei Hitze oder Kälte zusammenziehen oder ausdehnen können."

Ergänzend sagte Abhinav Bindra: "Ich schieße mit dem gleichen Abzugswiderstand wie früher mit der mechanischen Variante." Reinkemeier dazu: "Abhinav schießt ein Gewehr, das individuell auf ihn abgestimmt ist. Aber jeder Schütze wird merken, dass man mit einem elektronischen Abzug besser wird. So lässt sich doch das eine oder andere Zehntel herauskitzeln."

Der Schaftträger der Walther LG400 E besteht aus Aluminium. Die Waffe verfügt über eine Schaftlängen- und -backen-Schnelleinstellung. Der 3D-Formgriff aus Kunststoff folgt der Ergonomie der Schützenhand.
Die Pressluftkartusche des Walther LG400 E mit eingebautem Manometer. Für den Test befüllten die Tester den Vorratsbehälter mit 200 bar. Hier ist die Kartusche leer.

Soweit also die Meinungen eines Olympiasiegers und Weltmeisters sowie eines Trainers zum neuen elektronischen Abzug von Walther. Nach der Pause ging es dann noch einmal in ein simuliertes Finale. Hierbei bewegte sich Bindra jenseits der 10.4 Ringe. Auch sein Schießverhalten wurde mittels Sensoren aufgezeichnet. Heinz Reinkemeier erklärte dem Verfasser dann noch kurz das SCATT. Dieses professionelle Zielweganalysesystem macht die Bewegung des Schützen mit der Waffe auf dem Weg ins Ziel sichtbar und zwar vor, während und nach dem Schuss. So fiel die Phase bis zum Auslösen des Schusses beim E-Abzug besser aus, als beim herkömmlichen, rein mechanischen Trigger. Doch dies sind Sphären der Weltspitze. Die Frage ist aber nach wie vor, wie schlägt sich das Walther LG400 E im Test?

Heinz Reinkemeier erläutert am Gewehr von Abhinav Bindra die Funktionsweise des SCATT-Systems des Walther LG400 E.
Abhinav Bindra (l.) beim Training mit seinem Trainer Reinkemeier und Carole Calmes aus Luxemburg mit dem Walther LG400 E.

Walther LG400 E im Test


Als Testwaffe diente ein Walther LG 400 E Alutec Expert mit Rechtsgriff. Mit den technischen Daten von insgesamt 4,3 kg Gewicht, einer Lauflänge von 420 mm und einer Gesamtlänge des Schaftes von 720 bis 800 mm (je nach Einstellung) kam das Gewehr an. Der Versuchsaufbau sah vor, zunächst sieben Sorten Diabolos zu testen. Jeweils Serien à 10 Schuss. Die Sorte mit dem geringsten umschlossenen Streukreis sollte dann im Dauertest verwendet werden, um Trefferkonstanz und Kapazität einer Kartuschenfüllung zu prüfen. Bei der Befüllung der Pressluft-Kartusche auf 200 bar gaben die Tester dem Manometer an der Pressluftflasche aus Gründen der Vergleichbarkeit mit anderen Testwaffen den Vorzug vor dem etwas davon abweichenden werkseitig eingebauten Kartuschen-Manometer. Anschließend spannten die Tester die Waffe fest am Vorderschaft in die Halterung und richteten es auf den Messrahmen der Meyton-Auswerte-Anlage mit BallManII-Software in zehn Metern Entfernung aus. Auf ihrem Weg mussten die Diabolos ein Mehl BMC 17 Messgerät passieren, das Aufschluss über ihre Mündungsgeschwindigkeit liefern sollte.

Los ging es mit der H&N Finale Match (Kopfmaß 4,49 mm, 0,53 Gramm), die es auf einen umschlossenen Streukreis von 6,46 Millimetern, eine durchschnittliche Mündungsgeschwindigkeit von 175,5 Meter pro Sekunde brachte. Je zwei Sorten von H&N und JSB, sowie drei von RWS kamen zum Einsatz. Die bleifreie RWS Hypermatch mit ihrem wohl zu leichten Zinngeschoss (0,33 g) landete mit einem umschlossenen Streukreis von 8,68 Millimetern auf dem letzten Platz. Aber aus dem Hause RWS kam auch der Sieger. Die RWS R10 Match mit einem Kopfmaß von 4,49 Millimetern und einem Gewicht von 0,53 Gramm war die beste Sorte im Test.

Eine zur Prüfung eingespannte Waffe bei MEC in Dortmund. Nach einem ähnlichen Prinzip lief auch der ...
... LG400 E-Test bei Wolfgang Müller ab. Hier schaut VISIER Redakteur Andreas Wilhelmus gerade durch die Visierung.

Dazu wurde die Kartusche neu gefüllt und weiter ging es mit dem gleichen technischen Versuchsaufbau. Diesmal aber in Serien à 40 Schuss. Die Streukreise bewegten sich von der ersten Serie mit 7,20 mm meist um einen Wert von 6,70 mm herum. Nach gut 200 Schuss gab es allerdings einen Ausreißer, der den Streukreis dieser 40er Serie auf 13,34 mm erweiterte. Leider konnten die Tester im Nachhinein nicht mehr feststellen, welcher der am Versuch beteiligten Parameter hierfür ausschlaggebend war. Anhand des mittels Software geführten Geschwindigkeitsprotokolls ließ sich der nach links oben ausgewanderte Treffer jedenfalls nicht nachvollziehen. Hier lag der betreffende Schuss im Sollbereich. Über rund 440 Schuss lieferte das Walther-Gewehr sehr konstante v0-Werte ab, bevor der Druck in der Kartusche soweit abfiel, dass auch die Treffpunktlagen nach unten absanken.

Schaubild des alten Abzugssystems aus dem Walther LG400 mit mechanischem Abzug. Das Schlagstück (lila) und das kleinere Ventil (pink) sitzen unterhalb der Laderinne, in der man den gefederten Ladestift erkennt.
Vom mechanischen Trigger blieben beim hier gezeigten E-Abzug lediglich das Züngel selbst, der Züngelträger und die Verstellung für das Vorzugsgewicht übrig. Alle anderen Teile entwickelten die Walther-Konstrukteure neu.

Zwei Kleinigkeiten scheinen den Testern aber noch verbesserungswürdig zu sein.

Erstens: Nach einem Kartuschenwechsel brachte der jeweils erste Schuss weniger Energie hervor, als die folgenden. Um sicher zu gehen, schraubten die Tester dreimal die Kartusche auf und ab. Jedesmal das gleiche Ergebnis. Der erste Schuss lag tief. Auf Nachfrage bei Walther konnte man sich dieses nicht erklären und prüfte im Werk daraufhin drei Waffen. Laut den Konstrukteuren trat das Phänomen hierbei nicht auf. Zweitens: Bei sachgemäßem Umgang mit der Waffe kein Problem, aber – wie der Mitbewerber Steyr zeigt – durchaus verwendbar, ist der Umstand, dass sich unmittelbar nach dem Herausschrauben der Kartusche noch ein Diabolo aus der Testwaffe abfeuern ließ. Das zwar mit viel weniger Energie, aber eben möglich. Dies liegt daran, dass die Restluft beim Walther LG400 E wie auch bei einigen anderen Herstellern nur langsam aus dem Druckminderer entweicht. Hierauf weist Walther im Manual auch explizit hin. Nach maximal 15 Sekunden ist die Waffe drucklos.

Die Weltspitze ist zufrieden mit dem Abzug, im Test hat sich das Gewehr sehr gut geschlagen, aber wie ergeht es dem Durchschnittsschützen mit dem Walther LG400 E? Der Verfasser, selbst Luftgewehr-Schütze, nahm die Waffe mit und trainierte mit ihr einige Serien. Der Schaft ließ sich sehr gut auf die eigenen Bedürfnisse einstellen – auch wackelte nichts. Das Spannen fiel sehr leicht. Nach einigem Rumprobieren und Probeschießen war auch der optimale Druckpunkt gefunden, so dass es ans Serientraining gehen konnte. 60 Schuss gingen aus dem Walther LG400 E – alle völlig störungsfrei und auch dahin, wo sie sein sollten.


Der ungarische Topschütze Peter Sidi mit dem Walther LG400 E-System in seinem alten 300er Schaft.

Weltmeister Peter Sidi im Interview


Der ungarische Top-Schütze Peter Sidi, geboren 1978, war 2010 Weltmeister im Kleinkaliber-Dreistellungskampf. Die meisten Erfolge erzielte er in den letzten zwölf Jahren aber mit dem Luftgewehr: dreimal Europameister, dazu sieben errungene Weltcups und einmal das Weltcup-Finale gewonnen. Peter Sidi vertraute bei all seinen Erfolgen übrigens auf Munition von RWS. Bei der Waffe nutzt er aktuell in seinem alten 300er Schaft ein Walther 400 E-System. Mit VISIER sprach er über diese Kombination.

VISIER: Sie sind aktueller Weltrekordhalter mit ihrem LG300 XT und 633,5 Punkten. Können Sie beschreiben, was die Hauptunterschiede zwischen den üblichen Luftgewehren und dem neuen Walther LG400 E sind? Besonders im Hinblick darauf, welche Vorteile Top-Schützen mit dem elektronischen Abzug haben können.

Peter Sidi: Der elektronische Abzug löst genauso schnell aus wie beim LG300, aber man muss sich keine Gedanken darum machen. Einfach den Akku laden und schießen. Das LG400 E ist besonders sicher, wenn auf man das schnellste, leichteste, konstanteste und präziseste System setzt. Du brauchst keinen Büchsenmacher, wenn du einen direkt auslösenden Abzug willst. Selbst nach einer Million Schuss bleibt der elektronische Abzug gleich – ohne Veränderung.

VISIER: Können Sie uns Ihre Abzugseinstellungen erläutern, vor allem im Hinblick auf Gewicht und Abzugsweg?

Peter Sidi: Mein Abzug steht leicht (70 bis 80 Gramm) und schnell. Vor langer Zeit nutzte ich leichtere Konfigurationen, aber ich hatte manche Fehlschüsse, weil ich den Schuss aus Versehen auslöste. Mit dem elektronischen Abzug kann das nicht passieren. Er ist sehr präzise und verändert sich auch nicht, selbst nach einigen tausend Schuss.

VISIER: Nutzen Sie Analysesysteme wie SCATT oder ähnliches im Training?

Peter Sidi: Ja, ich nutze das SCATT, wenn ich neue Dinge ausprobiere. Es macht es einfacher, das richtige Setting zu finden, wenn du neue Bauteile an oder in der Waffe hast oder Neues versuchst. Es ist der professionelle Weg um Zeit zu sparen und die optimale Einstellung zu finden.

VISIER: Warum benutzen Sie immer noch Ihren Schaft?

Peter Sidi: Ich benutze ihn noch, weil ich viele Jahre damit gearbeitet habe und einfach die perfekte Einstellung dafür gefunden habe. Ich weiß, dass die neuen Walther-Schäfte eventuell besser wären, weil sie zum Beispiel verstellbarer sind, aber warum sollte ich wechseln? Ich halte den Weltrekord mit meinem alten Schaft. Wenn etwas gut ist, dann ist es gut.

Hier finden Sie mehr zur Munition von RWS, auf die Peter Sidi vertraut:

https://rws-munition.de/rws-sportschuetzen-bereich/ueber-uns/unsere-schuetzen.html


Hier geht es zur Fotostrecke der WALTHER LG400 E.

Mehr Informationen zur CARL WALTHER SPORTWAFFEN finden Sie unter:

http://www.carl-walther.de

Wenn Sie sich für das Walther LG400 Alutec Expert interessieren:

Bei Alljagd gibt es das Modell schon ab 2.659.- €.

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WALTHER LG400 E Alutec Expert
Technische Daten

Michael Schippers



HerstellerWalther
ModellLG400 E Alutec Expert
Kaliber4,5 mm / .177 Diabolo
SystemPressluft 300 und 200 bar
Abzugelektronischer Druckpunkt- und Trockentrainingsabzug
Abzugsgewichtab 15 g (einstellbar)
Schaftlänge310 bis 390 mm (vom Züngel bis Ende Schaftkappe)
Lauflänge420 mm (657 mm inklusive Laufmantel)
Visierung und VisierlängeINSIGHT-Out Matchdiopter und Centra Korntunnel in 650 bis 850 mm
Gesamtlänge1.075 bis 1.100 mm
Gewicht4.300 g
AnmerkungenAluminiumkartusche mit Manometer, Laufmantel aus Carbon, Schaftträger aus Aluminium, Kunststoffkoffer
Preis3.239,- € - LG400 E Alutec Expert (UVP)
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