Haenels vereinfachtes StG 45: Am Ende des 2. Weltkrieges geplante Rationalisierung des StG 44 lief ins Leere

Haenels vereinfachtes Sturmgewehr 45: Auf den letzten Drücker – geplante Vereinfachung des StG 44
Kurz vor Kriegsende fertigte Haenel ein stark vereinfachtes Sturmgewehr (45) für die Kurzpatrone. Das einzige bekannte Stück kam als Beute in die USA.

Wer sich mit der deutschen Entwicklung der für Kurzpatronen eingerichteten vollautomatischen Waffenart beschäftigt, stößt mit Blick auf die Jahre 1943/44 auf ein regelrechtes Tohuwabohu an Bezeichnungen: Zuerst hieß derlei „Maschinenkarabiner“, dann „Maschinenpistole“, um schließlich die Bezeichnung „Sturmgewehr“ zu erhalten – die Gelehrten streiten, wer genau den Begriff erfunden hat, Adolf Hitler oder Erich Jaschke, damals General der Infanterie im Oberkommando des Heeres (OKH). Jedenfalls ordnete im Oktober 1944 ein vom Büro des Generals der Infanterie im OKH gegengestempelter Führerbefehl an, dass die MP 44 bei der Infanteriebewaffnung den Karabiner 98 k ablösen und die – mit Blick aufs Propagandistische zweifelsohne klangvollere – Benennung „Sturmgewehr 44“ erhalten sollte. Die unter dem Kürzel „StG 44“ bekannte Waffe gilt produktionstechnisch wie konstruktiv als Meilenstein der Infantieriewaffengeschichte. Was nicht heißt, dass man nicht mit Blick auf die vor allem zum Kriegsende hin notwendige Fertigungsvereinfachung und damit auf den letzten Drücker Verbesserungen vorgenommen hätte – das tat man. Und ein solcher Entwurf kam genau von dort, wo das StG 44 aus der Taufe gehoben worden war: Gemeint ist die Suhler Firma C.G. Haenel und die dort als Prokurist wie Konstrukteur dominierende Persönlichkeit, Hugo Schmeisser (1884-1953). Ein auf Basis des optimierten Haenel-Entwurfs entstandener Prototyp blieb erhalten. Jedoch lassen sich sein Werdegang und seine Technik nur nachvollziehen, wenn man die Karriere des StG 44 mit berücksichtigt. 

Blick auf den Vorgänger des Haenel Sturmgewehr 45 − das STG 44

Im Mai 1938 erhielt die Firma Haenel den offiziellen Auftrag zur Entwicklung einer automatischen Waffe im Kaliber 7,92 mm für Einzel- und Dauerfeuer bis 800 m. Nach einigem Hin und Her sowie mehrfach überarbeiteten Anforderungen begann Hugo Schmeisser Anfang 1939 mit dem Design der neuen Waffe. Gleichzeitig bekam mit der Magdeburger Polte Armaturen- und Maschinenfabrik OHG einer der damals weltgrößten Munitionsfabrikanten die Order zur Entwicklung einer Kurzpatrone im Kaliber 7,92 x 33 mm, erste Muster davon erhielt Haenel Ende 1939. Die ersten beiden Prototypen seiner automatischen Waffe stellte Schmeisser 1940 fertig. Zwar waren sie noch spanabhebend hergestellt, aber bereits ausgerichtet auf Blechprägefertigung. Diese Aufgabe fiel den Merz-Werken in Frankfurt-Rödelheim zu. Als erfahrener Hersteller von Schreib- und Büromaschinen sollten sie die neue Waffe überarbeiten und serienreif machen. Wegen der notwendigen Präzision dauerte das aber bis Ende 1941. Im Januar ’42 ging dann ein Exemplar der „schweren Maschinenpistole 42“ für Munitionstests an Polte. 

Haenels vereinfachtes Sturmgewehr 45: Auf den letzten Drücker – geplante Vereinfachung des StG 44
Der Vergleich zeigt die Unterschiede der Ausführungen: StG 45 (o.) und StG 44 (Haenel-Fertigung, 1945). Die vereinfachte Waffe wirkt sehr klobig und am Lauf fehlt ein Handschutz, der den Soldaten vor Verbrennungen am heißgeschossen Rohr schützt. Dieser könnte aber in den Kriegswirren oder danach verloren gegangen sein.

Auch der Firma Walther blieb die Sache mit den Haenel-Waffen nicht verborgen. So begann sie 1940 eine eigene Kurzpatronenwaffe in Blechprägeausführung zu kreieren, deren Pläne bereits im Januar 1941 ans Waffenamt gingen. Es folgte ein Kleinserienauftrag für einen vergleichenden Truppenversuch. Bei der Erprobung der nunmehr „Maschinenkarabiner Mkb 42(H)“ und „Mkb 42(W)“ genannten Waffen favorisierte die in die Versuche eingebundene Infanterieschule Döberitz das mit „H“ markierte Modell, also das von Haenel. Es war robuster, ließ sich leichter zerlegen, die Visierlänge war größer und der Mechanismus weniger schmutzanfällig. Somit war der Weg frei zur Serienfertigung und die Infanterie bekam eine zukunftsweisende Waffe. Im Laufe der Zeit änderten sich durch weitere Verbesserungen die Gestalt der Waffe und (wie oben angedeutet) ihre Bezeichnungen: über „MP 43“, „MP 43/1“ und „MP 44“ zu „Sturmgewehr 44“. Die Fertigung lief auf Hochtouren und Mitte 1944 erreichte der monatliche Ausstoß aller Hersteller zusammen zeitweise über 50 000 Stück. 

Der Kriegsverlauf zwang auch hier zu weiteren Einsparungen an Material und Arbeitsstunden. Kleinere Änderungen flossen in die laufende Fertigung ein, doch für die Zukunft musste eine radikalere Lösung her. Da erteilte die Sonderkommission Infanteriewaffen (SKInfWaffen) in ihrer vierten Sitzung am 12. und 13. Dezember 1944 C. G. Haenel die Erlaubnis, durch Hugo Schmeisser eine neu gestaltete Waffe für Versuchszwecke zu fertigen. Die so entstandene Stückzahl ist nicht bekannt. Jedoch hat eine solche Waffe die Zeit überstanden. Sie wurde von US-Truppen nach dem 3. April 1945 bei Haenel „befreit“ und in den US-Bundesstaat Maryland geschickt, genauer: zum Aberdeen Proving Ground, der ältesten von der US-Armee betriebenen Entwicklungs- und Forschungsstätte. Heute befindet sich dieses Unikat in der Sammlung des Springfield Armory NHS Museums in Massachusetts.

Das Haenel-Einzelstück: Sturmgewehr 45

Haenels vereinfachtes Sturmgewehr 45: Auf den letzten Drücker – geplante Vereinfachung des StG 44
Das Zerlegen des Haenel Sturmgewehr 45 geht einfach und schnell, ohne die Schulterstütze abzunehmen. Die Metallplatte deckt innen den Abzugsmechanismus ab.

... trägt keine Stempel, findet sich aber in den alten Aberdeen-Akten als „StG 45(H)“ wieder. Auf den ersten Blick ähnelt es wegen des langen Gasrohrs dem Mkb 42(H), arbeitet aber wie das StG 44 als aufschießender Gasdrucklader mit starr verriegeltem Kippverschluss. Als Gehäuse des Haenel-Unikats dient ein Blechprägekasten mit glatten Wänden ohne Versteifungsrippen. Über ein daran vorn angebrachtes Scharnier lässt sich das Unterteil mit Abzugseinheit und Holzkolben nach unten abklappen. Dadurch sind im Oberteil die beweglichen Teile (Verschlussträger mit Gaskolben, Verschluss und Schließfeder) zugänglich und lassen sich leicht entnehmen. Dank dieser Bauweise ist kein abnehmbarer Kolben mit verlustgefährdeten Steckbolzen mehr nötig. Auch ein separates Griffstück wie beim StG 44 entfiel. Die Mechanik ist im Gehäuseunterteil integriert und es gibt nur einen simplen Pistolengriff mit Holzgriffschalen. Vom StG 44 stammen Feuerwahldrücker,  Sicherungsflügel und Schiebevisier, das hier aber ohne Sockel direkt auf dem Gehäuse sitzt. 

Haenels vereinfachtes Sturmgewehr 45: Auf den letzten Drücker – geplante Vereinfachung des StG 44
Von unten gesehen: Der StG 45-Verschlussträger ist samt Spanngriff aus einem Stück Blech geformt. Der Verschluss hat eine kantige Form.

Innen zeigen sich die Frästeile ebenfalls aufs Minimum reduziert. Der Verschlussträger besteht aus einem Blechprägeteil mit integriertem hakenförmigen Spanngriff. Durch dessen flache Form ließ sich der Führungsschlitz links im Gehäuse sehr schmal halten, um das Eindringen von Schmutz zweit möglichst zu minimieren. Es gibt keine Führungsnuten und -schienen, der Verschluss gleitet einfach an den Gehäusewänden entlang. Steht er vorn, verdeckt der Verschlussträger zudem das Auswurffenster. So ließ sich da eine Staubschutzklappe à la StG 44 einsparen. Der vereinfachte Gaskolben, neben dem Verschluss eines der wenigen verbliebenen Frästeile, ist mittels Sechskantmutter und Kontermutter vorn am Verschlussträger angeschraubt. Selbst die Verschlussform wurde vereinfacht. 

Haenels vereinfachtes Sturmgewehr 45: Auf den letzten Drücker – geplante Vereinfachung des StG 44
Das vereinfachte Innenleben: Blechpräge-Verschlussträger des Haenel Sturmgewehr 45 mit Verschluss und Gaskolben. Links die Gehäuseverriegelung mit der Führung für die Schließfeder.

Auch eine Folge der Rationalisierung war das Merkmal des langen glatten Gasrohrs mit einem vorn darauf befestigten kleinen Kornträger samt Korn. Das ersparte den Bau eines Kornsockels und dessen Montage auf dem Lauf. Das Verbindungsstück mit der Gasentnahme ist auch stark vereinfacht und hat nun glatte Seitenflächen. Einen Handschutz wie beim StG 44 hat der Prototyp nicht, das Element könnte aber auch verlorengegangen sein. Zumindest wäre es sinnvoll gewesen, die Hand vor dem heißen Lauf zu schützen. Der Magazinhalter besteht nur aus einem Streifen Federblech anstatt einer klassischen Druckfeder. Interessant ist die Gasrohrlänge vor allem angesichts der an die bisherigen Sturmgewehr-Modelle gestellten Forderungen: Das Gewehrgranatgerät sollte sich darauf uneingeschränkt verwenden lassen. Dessen Klemm-Montage mit zwei Backen wurde um den Lauf gelegt und hinter dem Kornsockel zusammengeschraubt. Dieselbe Montage diente beim StG 44 zudem für andere Anbauteile wie Krummlauf und Schalldämpfer. All dieses Zubehör ließ sich an der neuen Haenel-Waffe nicht mehr anbringen. 

Insgesamt jedoch gelang der Firma C. G. Haenel mit diesem Sturmgewehr im Vergleich zum StG 44 eine viel simplere Konstruktion, die in der Fertigung viel Zeit und Material gespart hätte. Auch das feldmäßige Zerlegen lief dank des aufklappbaren Gehäuses leichter. Für einen Truppenversuch kam die Waffe jedoch zu spät. Auch in Aberdeen wanderte sie wohl direkt ins Lager: Es gibt keine Dokumentation über eine genauere Untersuchung oder gar Schießversuche.


Text: Michael Heidler und Matthias S. Recktenwald

Dieser Test erschien auch in der VISIER, Ausgabe 9/2025. Das Heft können Sie im VS Medien-Shop online kaufen. Dort steht es auch als ePaper zur Verfügung.

Dank an: Alex MacKenzie vom Springfield Armory NHS Museum.