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Härtetest: SIG Sauer MCX Virtus im 1.000-Schuss-Test − wie schlägt sich der moderne Selbstlader in .223 Rem.?

Wir wollten mal einen modernen Halbautomaten einem Belastungstest unterziehen. Dabei fiel unsere Wahl auf die MCX Virtus von SIG Sauer und wir entwickelten folgende Idee: 1.000 Schuss, keine Wartung, während alle 50 Schuss die Präzision, die Mündungsgeschwindigkeit und der Hülsenauswurf überprüft wurden.

SIG Sauer MCX Virtus mit RUAG Styx Munitionskartons
Vor dem Gewehr aufgereiht stehen die 1.000 Patronen der Sorte RUAG Styx Action, alle ganz praktisch ab Werk in 10er-Ladestreifen.

Ob ein Waffentester eine derartige Prozedur mit ihrer monotonen Abfolge von Schuss auf Schuss übersteht, hängt von seiner Ausdauer ab und davon, dass er sich von der Aussicht auf einen verspannten Nacken und ein paar Brandblasen an den Fingern nicht schrecken lässt. (Moment – nur ein Schütze? Lesen Sie weiter, dann erfahren Sie den Grund dafür.) Ob eine Waffe 1000 Schuss ohne Reinigung auch frei von Störungen übersteht, hängt dagegen von vielen Faktoren ab. Halbautomaten mit indirektem Gasdruckladesystem haben im Vergleich zu Repetierern viel mehr bewegliche Teile. Angefangen vom im Gasventil laufenden Gaskolben über den Verschlussträger mit Antriebs- und Pufferstange bis hin zum Schlagstück der Abzugsgruppe. Jede Menge Kleinkram, der nach dem Schuss bewegt sein will und wovon auch noch Teile wie Gasventil und -kolben sowie Verschlussträger in genau abgestimmten Führungen laufen. Mit steigender Schussbelastung kommt mehr Schmutz ins Waffeninnere und beeinträchtigt die Bewegungsabläufe. Das liegt an der Basiskonstruktion: Bei einem Repetierer erfolgt der gesamte Druckabbau über die Mündung. Ein Halbautomat hingegen öffnet bereits, wenn noch etwas Druck im Lauf ansteht. Der Druckabbau geschieht daher auch zu einem kleinen Teil über das Patronenlager und befördert somit Verbrennungsrückstände ins Waffeninnere. Fragt sich also, wie der davon bauartbedingt ja auch betroffene SIG-Sauer-Kandidat sich in dem Mammut-Schusstest schlagen würde.

Die Vorbereitungen − wir reinigen die MCX Virtus:

Der Verschlusskopf der SIG Sauer MCX Virtus vor dem Test.
So sah das gute und gründlich gereinigte Stück vor dem Beginn der 1000-Schuss-Testreihe aus.

Es begann mit einer Grundreinigung. Wir zerlegten die SIG Sauer in die Hauptgruppen und nahmen Verschlussträger und Gasgestänge ganz auseinander. Per Zahnbürste und Bremsenreiniger ging es gegen Öl und Schmauch, mittels Pressluft ließen sich auch schwierig zugängliche Stellen wie die Abzugsgruppe säubern. Dann benetzten wir alle beweglichen Teile und die Verschlussführungsschienen mit einem dünnen Film aus Addinol-Waffenöl W 18 – getreu dem Motto: Weniger ist mehr. Apropos: SIG Sauer zeigt in der Bedienungsanleitung der Waffe auch einen Schmierplan, der die zu ölenden Teile markiert: sehr gut. Die Rohrseele reinigten wir mechanisch mit W 18 und passender Bronzebürste. Es empfiehlt sich, den Lauf mit ölgetränktem Filz oder Patch einige Tage vorher durchzuziehen. Das Öl hat dann genug Zeit, die Ablagerungen vom Pulverabbrand abzulösen und aufzuweichen.

Der Testaufbau − wie führt man einen 1.000-Schuss-Test durch?

Der Verschlusskopf der SIG Sauer MCX Virtus nach dem Test.
Im Foto der Verschlusskopf nach Testende – etwas Schmauch vorn am Träger und an den Riegelwarzen.

Neben der Frage nach der störfreien Waffenfunktion interessierte uns die Präzision. Da Mechanik und Lauf von Schuss zu Schuss stärker verschmutzen, sollte darunter auch die Treffgenauigkeit leiden. Weil es aber wenig Sinn ergibt, 200 Streukreise à 5 Schuss zu messen, verfeuerte das MCX 20 Serien à 50 Schuss, dies in Zyklen von jeweils 15 Minuten. Danach konnte die Waffe 15 Minuten lang abkühlen. Mit dem letzten 10er-Magazin jeder Serie schossen die Prüfer dann 2 auf Präzision abgestellte 5-Schuss-Streukreise. Dabei wurde die erste Patrone der jeweils ersten 5er-Serie händisch über den Verschlussfanghebel zugeführt. Auf diese Weise wollten wir checken, wie sich manuelles Zuführen auf die Präzision auswirkt.

Parallel zu den Streukreisen ermittelten wir per Mehl-Messgerät BMC 18 5 m vor der Mündung die Geschossgeschwindigkeit der jeweiligen 10 Schüsse. Weiter achteten wir auf den Hülsenauswurf. Auswurfweite und -winkel hängen waffenseitig primär von der Verschlussrücklaufgeschwindigkeit, der Federkraft des Ausstoßerstiftes und der Geometrie der Auszieherkralle und von dem Auswerferfenster ab. Mit zunehmender Schussbelastung kann sich die Verschlussrücklaufgeschwindigkeit durch das Verschmutzen der Verschlussführung ändern. Eine Änderung in der Federkraft des Ausstoßers steht meist nicht zu erwarten, jedoch kann sich die Bohrung des Stiftes zusetzen und somit dessen Funktion beeinträchtigen. Zu guter Letzt schauten die Tester noch darauf, wie sehr die Waffe verschmutzte. Insbesondere an Abzugsgruppe, Verschlusskopf, -träger und -verriegelung am Lauf sowie am Gasventil.

Die technischen Daten der SIG Sauer MCX Virtus:

Modell:SIG Sauer MCX Virtus Sport
Preis:2.349,- Euro
Kaliber:.223 Remington
Gewicht:3.120 g
Länge:617 bis 914 mm
Lauflänge:421 mm
Abzug:Single Stage Standard
Laufdicke:16,5 mm (Durchmesser)
Drall:1:6"
Kapazität:10 + 1 Patronen
Laufprofil:Züge und Felder
Material:Kunststoff/Metall
Sicherung:Drehhebel, Schlagbolzen

Der Testablauf − SIG Sauer MCX Virtus Sport in Action:

Der Gaskolben der SIG Sauer MCX Virtus vor dem Test.
Der vergleichende Vorher-Nachher-Blick auf den Gaskolben: hier links blank wie der sprichwörtliche Babypopo ...
Der Gaskolben der SIG Sauer MCX Virtus vor dem Test.
... und hier zwar deutlich mit Schmauch zugesetzt, aber von Hand problemlos, leicht und einwandfrei zu bewegen.

Normalerweise laufen Testwaffen durch so viele Hände wie möglich, um ein Maximum an Eindrücken zu erhalten. Hier nicht – wie oben angemerkt, verfeuerte ein Tester alle 1.000 Schuss. Das hat weder etwas mit Vergnügungssucht noch mit Masochismus zu tun, sondern mit der Funktionssicherheit: Damit ein Halbautomat sicher repetiert, müssen viele Elemente genau zusammenspielen. So sind Verschlussöffnungszeiten, -masse, und -feder sowie die Gasabnahmebohrung und die Übertragungsmechanik des Gasdruckimpulses auf das Kaliber und die Waffe abgestimmt. All das setzt jedoch voraus, dass der Schütze die Waffe im Schuss in die Schulter einzieht, sprich: dass er dem Rückstoßimpuls ein Widerlager entgegensetzt. Bei nur leichtem oder gar fehlendem Einziehen überträgt sich ein größerer Teil des Verschlussimpulses auf die Waffe, die dann ebenfalls zurückläuft. Das kann diesen Impuls soweit reduzieren, dass die Waffe nicht mehr repetiert. Der Tester achtete daher darauf, die Waffe stets gleichmäßig stark einzuziehen.

Nächster wichtiger Parameter: Zugunsten aussagekräftiger Streukreise sollte es sich bei der Testmunition um eine losgleiche Laborierung handeln. Die RUAG Ammotec unterstütze uns daher mit 1.000 Patronen der Sorte Swiss P Styx Action. Dieser Patronentyp trägt ein 69 Grains (4,5 Gramm) schweres Hohlspitzgeschoss mit geschlossenem Geschossboden. Glücklicherweise kommt diese Laborierung auf 10er-Ladestreifen zum Anwender. Somit konnten die Tester mittels der Ladehilfe Maglula StripLULA AR-15 die Magazine fingerschonend blitzschnell bestücken. Im Schießtest stand die Gasdüseneinstellung stets auf "minus", wie für normalen Schießbetrieb vorgesehen. Beim Schießen saß die Waffe vorn auf einem Harris-Zweibein, während der Pistolengriff auf einer Schießauflage ruhte.

Und dann hieß es durchhalten – satte 10 Stunden, bis der Schießtest absolviert war.

Die Auswertung − so waren unsere 1.000 Schuss mit der SIG Sauer:

Veränderung der Streukreise im 1.000-Schuss-Test der SIG Sauer MCX Virtus
Die Unterschiede zwischen den beiden Streukreiskurven hervorgerufen durch die Lademethode.

In Sachen Funktion leistete sich die SIG Sauer MCX Virtus keine Schwächen. Es ging nichts kaputt, alle Patronen wurden sauber zugeführt und die abgeschossenen Hülsen zuverlässig ausgeworfen. Bei der Präzision gab es Schwankungen, wie die Grafik links zeigt. Kleinere und größere Streukreise wechseln sich ab. Auffällig ist der jeweils 1. Streukreis, also der, mit der händisch per Verschlussfang zugeführten 1. Patrone. Denn diese Schussgruppe ist signifikant größer als der 2. Streukreis. Der Mittelwert der 20 Serien unterteilt in 1. und 2. Streukreis unterscheidet sich mit 58,2 mm zu 44,35 mm. Während des Testes verbesserte sich die Präzision des 1. Streukreises im gleitenden Mittelwert von 58 auf 51 mm. Im Gegensatz dazu erreichte der 2. Streukreis zu Testbeginn 40 mm und verschlechterte sich auf 44 mm zum Testende hin.

Veränderung der Geschossgeschwindigkeit im 1.000-Schuss-Test der SIG Sauer MCX Virtus
Die Grafik zeigt den Durchschnittswert bei der jedes Mal fünf Meter vor der Laufmündung gemessenen Geschossgeschwindigkeit.

Eindeutigere Ergebnisse erbrachte die Messung der Geschossgeschwindigkeit v5. Anfangs lag der Durchschnitt im gleitenden Mittelwert bei 830 m/s. Dieser Wert erhöhte sich sukzessive auf 835 m/s zum Testende. Ab einer Belastung von zirka 450 Schüssen minderte sich in der v5 auch die Schwankungsbreite. Der Grund: Bei solch einem Dauerbeschuss schmiert sich der Lauf um etwa ein bis zwei hundertstel Millimeter zu. Dadurch steigt der Einpress- und Durchpresswiderstand der Geschosse, der mit einer Gasdrucksteigerung und somit einer geringfügigen Erhöhung der Mündungsgeschwindigkeit einhergeht. Beim Hülsenauswurf hingegen gab es keine Überraschungen. Wie das Bild unten zeigt, sieht man bei der Verschmauchung der Hülsen kaum Unterschiede. Das Bild zeigt von links beginnend jeweils den letzten Schuss einer Serie.

Jeweils die letzte 223-Hülse einer Präzisionsserie
Wie man sieht, sieht man (fast) nichts: Hier immer die jeweils letzte Patronenhülse von 20 Serien. Die Hülsen kamen immer fast gleich stark verschmaucht ins Freie.


Und wie sah es mit der Verschmutzung nach 1.000 Schuss aus?

Bei der Abzugsgruppe fand sich nach Testende kaum ein Unterschied zu Testbeginn. Nur ein paar Pulverkrümel verirrten sich in die Abzugsmechanik. Am Verschlussträger begrenzte sich die Verunreinigung auf die dem Patronenlager zugewandten Stellen: Antriebsstange, Vorder- und Unterseite des Verschlussträgers und im geringen Umfang die Verschlusswarzen. Weit mehr Dreck fand sich an der Riegelbuchse und dem Upper rund ums Auswurffenster. Der Gaskolben zeigte zwar gut sichtbaren Schmauch, ließ sich jedoch von Hand mit kaum Kraftaufwand bewegen. Anders sah es da beim Gasventil aus. An diesem befindet sich zur Abdichtung gegenüber den Verbrennungsgasen eine unter Spannung stehende Kolbenringdichtung. Um das Ventil auszubauen, muss die Dichtung die in der Gasventilbohrung befindlichen Verschmauchungen abscheren, was den Ausbauwiderstand deutlich erhöht.

Das Gasventil der SIG Sauer MCX Virtus nach dem Test.
Am Gasventil der SIG Sauer MCX Virtus vor dem Beginn des Mammut-Schusstestes in sauberem Zustand ...
Das Gasventil der SIG Sauer MCX Virtus nach dem Test.
... und danach sieht man schon, dass es Ablagerungen von Pulverschmauch gegeben hat.

Unser Fazit nach dem Härtetest der SIG Sauer MCX Virtus:

Ein gut konstruierter Halbautomat übersteht problemlos Serien von 1.000 und mehr Schüssen. Dennoch sollte man ihn zum Erhalt von Präzision und Funktionssicherheit regelmäßig reinigen, vor allem Gasventil, Riegelbuchse, Verschlussträger, Upper-Vorderteil und Lauf. Ein dünner Ölfilm nach dem Schießen löst die verbrannten Pulverreste ab und lässt sich vor dem nächsten Schießen schnell entfernen. Auch sollte man die Funktion der beweglichen Teile mit einem guten Waffenöl kontinuierlich unterstützen. Wie bei Autos gilt auch bei Waffen, dass stetes Benutzen Standschäden verhindert. Ob man seine Waffe jeden Samstag wie das Auto à la Car Wash grundreinigt, das soll freilich jedem selber überlassen sein ...


Mehr zur SIG Sauer MCX Virtus erfahren Sie auf der Homepage von SIG Sauer.

Einen Test der SIG Sauer MCX Virtus Sport mit Testvideo finden Sie hier.

Hier haben wir das SIG Sauer M400 TREAD getestet.

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