Bei der Wahl der passenden Zieloptik stehen Jäger häufig vor der Frage, welche Art von Optik für den vorgesehenen Einsatzzweck die besten Voraussetzungen bietet. Während sich Rotpunktvisiere insbesondere bei der schnellen Zielerfassung auf kurze Entfernungen bewährt haben, bieten klassische Zielfernrohre durch ihre Vergrößerung Vorteile bei weiter entfernten Zielen. Dazwischen positionieren sich sogenannte Prismenvisiere, die einige Eigenschaften beider Optiktypen miteinander verbinden.
Allerdings ist Prismenvisier nicht gleich Prismenvisier. Das zeigt sich auch bei den beiden Modellen der Strikon-Baureihe von US-Hersteller Sightmark. Während das Sightmark Strikon FMP 1x18 mit fester, einfacher Vergrößerung vor allem auf eine schnelle Zielerfassung ausgelegt ist, bietet das Strikon VMP 1-4x22 einen variablen Vergrößerungsbereich von der einfachen bis zur vierfachen Vergrößerung und zusätzliche Möglichkeiten zur Entfernungsschätzung und Haltepunktkorrektur.
Beide Modelle nutzen geätzte Absehen, unterscheiden sich jedoch deutlich in ihrer Konzeption und den daraus resultierenden Einsatzmöglichkeiten. Um die Besonderheiten der Strikon-Modelle einordnen zu können, lohnt sich zunächst ein Blick auf die zugrunde liegende Technik und worin sich diese von klassischen Reflexvisieren respektive Leuchtpunktoptiken abhebt.
Was unterscheidet ein Prismenvisier von einem Rotpunktvisier?

Bei einem klassischen Reflexvisier wird die Zielmarke mithilfe einer LED-Lichtquelle erzeugt und über eine teilreflektierende Linse in das Sichtfeld des Schützen eingespiegelt. Der Schütze sieht den Leuchtpunkt scheinbar auf dem anvisierten Ziel. Dieses Prinzip ermöglicht eine schnelle Zielerfassung, setzt für die Sichtbarkeit des Punktes allerdings eine funktionierende Stromversorgung, sei es per Batterie oder Solarzelle oder auch in Kombination voraus.
Prismenvisiere arbeiten nach einem anderen optischen Prinzip. Hier wird der Strahlengang mithilfe eines Prismensystems innerhalb des Gehäuses umgelenkt. Das Absehen ist direkt in eine optische Glasfläche eingeätzt und damit auch ohne elektronische Beleuchtung sichtbar.
Ein wesentlicher Vorteil dieser Konstruktion besteht darin, dass die Zielmarke selbst bei Ausfall einer gegebenenfalls vorhandenen elektronischen Beleuchtung erhalten bleibt. Darüber hinaus lassen sich komplexere Absehen mit zusätzlichen Haltemarken und Entfernungshilfen realisieren.

Prismensysteme ermöglichen zudem kompakte Bauformen, insbesondere bei Optiken mit geringer oder fester Vergrößerung.
Allerdings gibt es auch konstruktionsbedingte Unterschiede zu Reflexvisieren. So besitzen Prismenoptiken in der Regel einen definierten Augenabstand und ein begrenzteres Einblickverhalten, hier spricht man heute von der sogenannten Eyebox. Gerade bei schnellen Anschlägen kann dies eine Rolle spielen. Ein klassisches Rotpunktvisier bietet hier häufig mehr Spielraum bei der Positionierung des Auges.
Prismenvisiere können insbesondere für Jäger und Schützen mit Hornhautverkrümmung die bessere Wahl darstellen

Ein häufig diskutierter Vorteil von Prismenvisieren betrifft die Absehendarstellung bei Astigmatismus, also einer Hornhautverkrümmung.
Personen mit dieser Fehlsichtigkeit kennen möglicherweise das Problem: Der Leuchtpunkt eines Reflexvisiers erscheint nicht kreisrund, sondern verschwommen, sternförmig oder mit mehreren Lichtausläufern. Ursache ist die durch die Hornhautverkrümmung veränderte Abbildung der vom Punkt ausgehenden Lichtstrahlen im Auge.
Bei einem Prismenvisier wird dagegen ein physisch vorhandenes, in Glas geätztes Absehen betrachtet. Dieses lässt sich durch die optische Konstruktion und die Dioptrieneinstellung häufig deutlich schärfer wahrnehmen als ein projizierter LED-Punkt.
Das bedeutet nicht, dass ein Prismenvisier eine Fehlsichtigkeit korrigiert. Allerdings kann die Art der Absehendarstellung für betroffene Jäger und Schützen einen spürbaren Unterschied machen.
Wer bei der Verwendung eines Rotpunktvisiers Schwierigkeiten mit einem unscharfen oder verzerrten Leuchtpunkt hat, sollte deshalb auch eine Prismenoptik ausprobieren. Ob die Darstellung damit tatsächlich besser ausfällt, hängt allerdings von der individuellen Sehfähigkeit ab.
Sightmark Strikon FMP 1x18: Einfache Vergrößerung und ein vielseitiges RTR-1-Absehen

Das Sightmark Strikon FMP 1x18 ist als kompakte Prismenoptik mit fester 1-facher Vergrößerung konzipiert. Damit richtet sich das Modell insbesondere an Anwender, die Wert auf eine schnelle Zielerfassung legen, dabei aber nicht auf ein strukturiertes Absehen mit zusätzlichen Orientierungshilfen verzichten möchten. Im Mittelpunkt steht hier das RTR-1-Absehen (Rapid Targeting Reticle 1). Es befindet sich in der zweiten Bildebene und basiert auf Winkelmaßen in MOA (Minute of Angle).
Das zentrale Zielelement bildet eine Raute mit einer Größe von 2 MOA. Diese soll einerseits eine schnelle Erfassung des Zielbereichs ermöglichen, andererseits aber auch einen ausreichend definierten Haltepunkt für präzisere Schüsse bieten. Unterhalb der zentralen Raute befinden sich zwei Punkte mit einem Durchmesser von jeweils 1,15 MOA. Sie sind bei 5 beziehungsweise 10 MOA angeordnet und dienen als zusätzliche Haltemarken für unterschiedliche Schussentfernungen.
Welche Entfernungen diesen Markierungen tatsächlich entsprechen, hängt von der verwendeten Waffe, der Munition und deren ballistischen Eigenschaften ab. Mithilfe eines Ballistikrechners lassen sich die entsprechenden Haltepunkte für die jeweilige Kombination ermitteln. Damit bietet das RTR-1-Absehen mehr Möglichkeiten als ein einfacher Leuchtpunkt. Allerdings muss sich der Schütze mit den Winkelmaßen und der Flugbahn seiner Laborierung beschäftigen, um diese Funktionen sinnvoll nutzen zu können.
Entfernungsschätzung mit dem RTR-1-Absehen
Eine weitere Besonderheit des Strikon FMP ist der segmentierte äußere Absehenring mit einem Durchmesser von 60 MOA. Er ist in Abschnitte von 4,5 MOA unterteilt und kann neben der schnellen Zielerfassung auch zur groben Entfernungsschätzung dienen. Voraussetzung dafür ist, dass die Größe des anvisierten Objekts bekannt ist.
Sightmark nennt hierfür das Beispiel einer rund 76 cm hohen IPSC-Zielscheibe. Diese füllt bei einer Entfernung von ungefähr 45 Metern den gesamten äußeren Ring aus. Bei rund 90 Metern entspricht ihre Höhe noch etwa dem halben Ringdurchmesser. Weitere Orientierungspunkte ergeben sich bei ungefähr 185 und 275 Metern anhand der zusätzlichen Markierungen im unteren Absehenbereich. Diese Beispiele stammen aus dem sportlichen Schießen. Für die Jagd ist eine solche Entfernungsschätzung anhand von Wildkörpergrößen allerdings nur eingeschränkt übertragbar, da Größe und Körperhaltung des Wildes variieren können. Die Absehenmarkierungen ersetzen deshalb weder einen geeigneten Entfernungsmesser noch die sichere Beurteilung der tatsächlichen Schussdistanz.
Sightmark Strikon VMP 1-4x22: Variables Prismenvisier mit faseroptischer Absehenbeleuchtung

Einen anderen Ansatz verfolgt Sightmark mit dem Strikon VMP 1-4x22. Anders als beim FMP steht hier ein variabler Vergrößerungsbereich von 1- bis 4-fach zur Verfügung.
Bei einfacher Vergrößerung soll die Optik eine schnelle Zielerfassung mit beiden geöffneten Augen ermöglichen. Wird eine höhere Vergrößerung benötigt, lässt sich diese bis auf den Faktor vier steigern. Damit bewegt sich das VMP konzeptionell zwischen einem kompakten Prismenvisier und einem klassischen Zielfernrohr mit niedriger Anfangsvergrößerung.
Eine Besonderheit ist der faseroptisch beleuchtete zentrale Zielpunkt des Absehens. Ein Lichtwellenleiter sammelt das vorhandene Umgebungslicht und leitet es zur Zielmarke. Dadurch bleibt diese bei ausreichendem Tageslicht auch ohne Batterie gut erkennbar.
Wie hell die Zielmarke erscheint, hängt allerdings von den jeweiligen Lichtverhältnissen ab.
Für die Entfernungsermittlung ist es wichtig, zu wissen, dass das Absehen beim Strikon VMP in der 2. Bildebene liegt. Die angegebenen Winkelmaße stimmen hier nur bei 4-facher Vergrößerung mit den tatsächlichen Werten überein.
Bei dieser Einstellung lässt sich die Entfernung zu einem Objekt bekannter Größe anhand der Mil-Skala des Absehens berechnen.

Ein Beispiel: Eine 76 cm hohe Zielscheibe, die im Absehen eine Höhe von 4,5 Mil (mrad) einnimmt, befindet sich rechnerisch in einer Entfernung von etwa 169 Metern. Die Absehenverstellung erfolgt in Schritten von 1 cm auf 100 Meter pro Klick. Dies entspricht 0,1 mrad. Kennt der Schütze den Geschossabfall seiner Laborierung für eine bestimmte Entfernung, kann er mithilfe der entsprechenden Absehenmarkierungen eine Haltepunktkorrektur vornehmen, ohne dafür zwingend die Absehenverstellung betätigen zu müssen.
Als Beispiel nennt Sightmark einen Haltewert von 2,0 mrad für einen Schuss auf ungefähr 365 Meter. Dabei handelt es sich ausdrücklich um einen beispielhaften Wert, nicht um eine allgemein gültige ballistische Vorgabe.
Was ist bei der Verwendung des CRF-4-Absehens zu beachten?
Da das Absehen in der zweiten Bildebene liegt, verändert sich sein Winkelbezug zum Zielbild bei unterschiedlichen Vergrößerungen. Die auf 4-fache Vergrößerung kalibrierten Markierungen müssen bei Verwendung der einfachen Vergrößerung entsprechend umgerechnet werden. Ein bei 4-facher Vergrößerung mit 1,1 Mil bezeichneter Abstand entspricht bei 1-facher Vergrößerung einem tatsächlichen Winkel von 4,4 Mil. Für die praktische Nutzung der Entfernungsschätz- und Haltepunktfunktionen empfiehlt sich daher die 4-fache Vergrößerung. Hier stimmen die Markierungen unmittelbar mit den vorgesehenen Winkelmaßen überein.
Gerade für Jäger ist es wichtig zu wissen, dass die zusätzlichen Absehenfunktionen nur dann einen Nutzen bieten, wenn ihre Bedeutung bekannt ist und die ballistischen Werte der verwendeten Laborierung zuverlässig ermittelt wurden.
Prismenvisiere bei der Jagd: Welche Vorteile bieten das Sightmark FMP 1x18 und das VMP 1-4x22?
Ob ein Prismenvisier für die Jagd geeignet ist, lässt sich nicht allein anhand seiner technischen Eigenschaften entscheiden. Ausschlaggebend sind vor allem die jeweilige Jagdart, die zu erwartenden Schussentfernungen und die persönlichen Anforderungen des Jägers an die Zieloptik.
Das Strikon FMP 1x18 bietet mit seiner festen einfachen Vergrößerung grundsätzlich Voraussetzungen für Situationen, in denen eine schnelle Zielerfassung im Vordergrund steht. Dazu können beispielsweise bestimmte Formen der Bewegungsjagd gehören. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass auch ein Prismenvisier mit 1-facher Vergrößerung hinsichtlich Augenabstand und Einblickverhalten nicht zwangsläufig dieselben Eigenschaften wie ein klassisches Reflexvisier besitzt. Insbesondere bei flüchtigem Wild und schnellen Anschlägen sollte deshalb vor dem jagdlichen Einsatz geprüft werden, ob die Optik zur Waffe und zum individuellen Anschlagverhalten passt.
Das Strikon VMP 1-4x22 bietet dagegen durch seinen variablen Vergrößerungsbereich mehr Möglichkeiten, die Zielbilddarstellung an unterschiedliche Entfernungen anzupassen.
Bei 1-facher Vergrößerung steht die Übersicht im Vordergrund, während die 4-fache Vergrößerung eine genauere Zielansprache und präzisere Zielerfassung auf größere Distanzen unterstützen kann. Für die Pirsch oder den Ansitz bei guten Lichtverhältnissen kann dieses Konzept interessant sein. Allerdings ersetzt eine solche Optik kein lichtstarkes Ansitzzielfernrohr, das speziell für den Einsatz in der Dämmerung entwickelt wurde. Auch die Möglichkeiten der Entfernungsschätzung und der ballistischen Haltepunktkorrektur sind im jagdlichen Alltag differenziert zu betrachten. Sie können eine sinnvolle Ergänzung darstellen, ersetzen aber weder eine sichere Entfernungsermittlung noch die Kenntnis der eigenen Waffe und Munition.


Wichtige technische Daten und Ausstattungsmerkmale der Prismenvisiere Sightmark Strikon FMP 1x18 und VMP 1-4x22
Modell: | Strikon FMP 1x18 | Strikon VMP 1-4x22 |
Vergrößerung: | 1-fach | 1- bis 4-fach |
Objektivdurchmesser: | 18 mm | 22 mm |
| Augenabstand: | 98 mm | 100 mm bis 90 mm |
| Sehfeld auf 100 m: | 28,8 m (Optik ist zum Schießen mit beiden Augen geöffnet geeignet) | 40,7 m bis 10,9 m |
| Dioptrienausgleich: | +2 bis -2 dpt | |
Absehen: | RTR-1 in der 2. Bildebene (MOA-basiert) | CRF-4 in der 2. Bildebene (mrad/Mil-basiert) |
Zentrales Zielelement: | 2-MOA-Raute | Faseroptisch beleuchteter Mittelpunkt |
Zusätzliche Haltemarken: | 5 und 10 MOA | mrad-Skala |
Entfernungsschätzung: | Über segmentierten 60-MOA-Ring | Über mrad-Markierungen bei 4-facher Vergrößerung |
| Absehenbeleuchtung: | 12 Stufen inkl. 3 Nachtsichtstufen | 11 Stufen inkl. 2 Nachtsichtstufen |
| Verstellbereich: | 120 MOA (Höhe und Seite) | 23 mrad (230 cm auf 100 m) |
| Absehenverstellung: | 1 MOA per Klick (2,91 cm auf 100 m) | 0,1 mrad (1 cm auf 100 m) |
| Stromversorgung: | CR2032-Zelle / Automatische Abschaltung plus Shake Awake-Funktion | CR2032-Zelle |
| Montage-Footprint: | Aimpoint-Micro | |
| Abmessungen (LxBxH): | ca. 61 x 71 x 44 mm (mitgelieferte Picatinny-Montage inkludiert) | ca. 148 x 78 x 57 mm (mitgelieferte Picatinny-Montage inkludiert) |
| Gewicht: | 195 g (inkl. Montage) | 530 g (inkl. Montage) |
| Preis (UVP): | 299,- Euro | 419,99 Euro |
Fazit: Prismenvisiere sind eine Alternative – aber nicht für jeden Einsatzzweck und nicht für jeden Jäger oder Schützen
Mit dem Strikon FMP 1x18 und dem Strikon VMP 1-4x22 zeigt Sightmark zwei unterschiedliche Möglichkeiten, die Prismenkonstruktion für kompakte Zieloptiken zu nutzen.
Das FMP konzentriert sich auf eine schnelle Zielerfassung bei einfacher Vergrößerung und kombiniert diese mit einem Absehen, das zusätzliche Haltemarken und eine grobe Entfernungsschätzung ermöglicht. Das VMP kombiniert die Möglichkeit er schnellen Zielerfassung mit der Option auch auf größere aber nicht allzu weite Distanzen eine präzisen Schuss antragen zu können. Letzten Endes obliegt es jedoch dem Jäger selbst, ob er bei einer Drückjagd auf die Schnelligkeit und Robustheit des FMP vertrauen möchte oder ob er lieber bei den Vergrößerungsbereich des VMP für Schüsse auf größere Distanzen in der Hinterhand haben möchte. Hier spielen natürlich insbesondere auch die Augen des Jägers, Geländebegebenheiten und die präferierte Jagdart sowie die persönlichen Schießfertigkeiten eine große Rolle. Beim Schützen dürften hier vor allem die Anforderungen, die sein sportliche Disziplin an eine Zieloptik stellt, im Vordergrund stehen. Wer sich für eine der beiden Zieloptiken entscheidet, wird Ihr volles Potential allerdings nur ausnutzen können, wenn dazu bereit sich mit ihr zu befassen und sich damit vertraut zu machen.
Weitere Informationen den hier beschrieben Prismenvisieren und anderen Zieloptiken erhalten Sie auch auf der deutschsprachigen Sightmark-Webseite.










