Der Schützen-Weltverband ISSF feilt an den Regeln der erlaubten Schießkleidung bei den Gewehrschützen 

Dicke Schießjacken und -hosen aus Leder oder dickem Canvas-Leinenstoff und an einen Ski-Abfahrtslauf erinnernde Schießschuhe, wie sie die Gewehrschützen in den olympischen Disziplinen seit Jahren tragen, polarisieren: Sie lassen ihre Träger unförmig und fast unbeweglich aussehen, wenn diese in den von Fernsehteams gezeigten Bildern eines Finalwettkampfs wie die Pinguine zu ihrem jeweiligen Standplatz an der Startlinie watscheln. Man könnte als Laie den Eindruck bekommen, dass diese Sport-Rüstung ein Wackeln im Anschlag und Fehlschüsse fast unmöglich mache oder dass der Olympiasieger sicher ohne seine maßgeschneiderte Schießkleidung nicht viel besser träfe als jemand auf Kreisklassenniveau. Nichts wäre falscher, aber zur Aufklärung steigen wir zunächst in die Problematik ein, über die weltweit aktuell diskutiert wird.

Warum werden dicke Schießjacken und steife Hosen überhaupt beim olympischen Gewehrschießen eingesetzt?

Im offiziellen Regelwerk des Weltverbands ISSF (Internationale Schießsport-Föderation) heißt es:

„Alle Schießjacken, Schießhosen und Schießhandschuhe müssen aus flexiblem Material hergestellt sein, das seine physikalischen Eigenschaften nicht wesentlich verändert, also unter den üblichen Schießbedingungen nicht steifer, dicker oder härter wird. (…) Futter oder Polsterungen dürfen nicht gesteppt, gekreuzt genäht, geklebt oder auf andere Weise an der äußeren Bekleidungsschicht befestigt sein, außer an den üblichen Nähten. Alle Futter oder Polsterungen müssen als Teil der Kleidung gemessen werden.“ 

DM München Luftgewehr Herren 2024
Beim Stehendanschlag mit dem Gewehr (egal ob Luftgewehr wie hier oder Klein- und Großkaliber nach ISSF-Regeln) stützen die steifen Jacken und Hosen den Anschlag, kombiniert mit Schießschuhen, die über den Knöchel ragen. Die nicht-auslösende Hand (hier bei Rechtsschützen die linke) trägt einen Handschuh, der auch die Pulsübertragung auf das Gewehr dämpft.

Nun ist "flexibel" eben auch eine relative Festlegung, und man kann es nicht, zumindest nicht in einfachen Worten, definieren. In erster Linie soll die Schießjacke im Stehendanschlag den Rücken stützen, weil die Wirbelsäule im Anschlag zur Schießscheibe hin verdreht werden muss. Denn das Gewehr sollte für möglichst geringe Schwankungen senkrecht über der Standfläche der Füße platziert sein. Gut angepasst hat der Schütze das Gefühl, er würde sich mit dem Rücken an eine Hauswand lehnen. 

Moderne Schießjacken sind ein kompliziertes Kleidungsstück aus einem halben Dutzend verschiedener Materialien − von Polyester über Leder und Leinen bis hin zu Noppengummi, die wie eine Patchworkdecke miteinander kombiniert werden. Die aus mehreren Keilen steifen Materials gebildete Rückenseite stützt und entlastet die Muskulatur. Die mit aufgerautem Wildleder besetzte linke Vorderseite (beim Rechtsschützen) und die Kontaktflächen an der rechten Schulter bilden rutschfeste Anlageflächen für Ellbogen und Schaftkappe, während dünne und weiche Stoff-Einsätze etwa innen an den Ellbögen die zum Hochnehmen des Gewehrs und zum Laden notwendigen Bewegungen ermöglichen. Einfache Canvas-Jacken, die oft in Vereinen für Einsteiger ohne eigene Ausrüstung leihweise zur Verfügung stehen, kosten ab etwa 100 Euro, maßgefertigte Joppen können bis zur 2.500-Euro-Grenze reichen.

Harry Wolf (Sauer Shooting Sportswear)
Harry Wolf von Sauer Spooting Sportswear aus Remchingen ist oft mit seinem Messestand auf Wettkämpfen zu finden. Er hält dabei auch engen Kontakt zur ISSF und zum DSB, damit alles regelkonform bleibt.
Schießjacken
Schießkleidung ist eine Investition. Vereine kaufen einfache Modelle, aber Top-Schützen brauchen maßgefertigte Jacken und Hosen, die bis 2.500 Euro kosten können.

Neue Schießkleidung ist natur- und wunschgemäß recht steif. Aber mit der Zeit wird das Material durch Biegen weicher, etwa durch das häufige Einpacken in die Zubehörtasche. Für ihre Top-Schützen haben wohl einige Länder regelmäßig neue Kleidung zur Verfügung gestellt, offensichtlich, um von der Steifigkeit „ab Werk“ zu profitieren. Das können sich Otto Normalschütze und kleinere Verbände kaum leisten, was die Ausgangsbedingungen verzerrt. Auch die immer höher steigenden Resultate gerade bei Junioren-Schützen, die noch gar nicht lange trainieren, ließen sich nicht allein durch die sportliche Leistung erklären.

Daher sah die ISSF im Sommer 2025 Handlungsbedarf für das „Problem der scheinbar ständig steigenden Steifigkeit von Jacken und Hosen“. David Goodfellow, der Chef der ISSF-Gewehr-Kommission, weiter zu den Auslösern der Diskussion: „Es ist ein grundlegendes Prinzip in allen Sportarten, dass Siege auf die Fähigkeiten des Athleten ohne künstliche Unterstützung zurückzuführen sein sollten, also das, was als "Technologisches Doping" bezeichnet wird. Die ISSF-Regel 6.7.4.2 verbietet eigentlich die Verwendung von speziellen Geräten, Mitteln oder Kleidung, die die Bewegung der Beine, des Körpers oder der Arme des Athleten immobilisieren oder übermäßig reduzieren".

Für die Dicke jedes Kleidungsteils gibt es Maximalwerte, die mit speziellen Prüfgeräten unter mechanischem Druck kontrolliert werden, ebenso die Biegsamkeit. Zusätzlich prüft man auch die Sohlen bei den speziellen, knöchelhohen Schießschuhen. Nach den detaillierten Prüfungsvorschriften wären im Idealfall für eine komplette Kleidungskontrolle sieben(!) Kampfrichter notwendig, die nacheinander festgelegte Aufgaben an Jacken, Hosen und Schuhen abarbeiten müssten (eine weibliche Kampfrichterin muss ebenfalls dabei sein). 

ISSF WC Ningbo 2025 Men 3Pos
High-Tech vom Scheitel bis zur Sohle: Die Sieger im Dreistellungskampf beim Weltcup 2025 in Ningbo/China in voller Montur und mit ihren Sportgewehren (von links: Dimitri Pimenov (AIN, Platz 2), Jiri Privratski (CZE, Sieger) und der Norweger Jon-Hermann Hegg auf Platz 3).

Allerdings würde eine solche Ausrüstungskontrolle vor Wettkampfbeginn 15 bis 20 Minuten pro Starter dauern, vor größeren Wettkämpfen ist das kaum möglich. Also wurden bisher nach einem erfolgten Test bei einem offiziellen ISSF-Wettkampf zu Saisonbeginn Kontrollmarken mit Seriennummern und Sportler-Zuordnung aufgeklebt, in der Hoffnung, dass bereits geprüfte und zugelassene Kleidung von ihren Besitzern nicht heimlich geändert werden. Nach dem Match werden ohnehin einige Starter nach dem Zufallsprinzip zur Nachkontrolle gebeten, und wer da auffällt, wird disqualifiziert (was in den letzten Jahren aber nie passierte). 

Das angekündigte Regel-Update der ISSF führte rasch zu Diskussionen im Internet wie auch bei den Verbänden und Vereinen: Was geschieht mit nicht mehr regelgerechter Kleidung, die wertlos würde? Könnten Nachwuchsschützen bei diesem „Wettrüsten“ finanziell noch mithalten? Was geschieht mit dem Lagerbestand bei Handel und Herstellern? Die ISSF entwarnte, es seien nur wenige Änderungen notwendig, wenn überhaupt. Ohnehin war eine Neuauflage der ISSF-Sportordnung für das Jahr nach Olympia 2024 vorgesehen. Nun liegen die neuen Regeln vor, die auch verbindlich für diese olympische Vorbereitungszeit für 2028 sind (alle Links stehen am Ende des Artikels)

Der Weltmarkt für Schießbekleidung im Wandel: Anstelle der europäischen Hersteller rückt ein indischer Produzent nach vorn

Anna Janssen
Anna Janssen beim Kniendschießen mit dem Kleinkalibergewehr, aufgenommen 2025 beim ISSF-Weltcup in Ningbo/China: In diesem Anschlag öffnen die Schützen den unteren Bereich der Jacke sowie die Reißverschlüsse der Hosen an den Unterschenkeln, damit nichts einklemmt. Auch sie trägt Capapie-Kleidung, erkennbar am dreieckig-gerundeten Logo auf dem Hosenbein und der rechten Schulter.

Nachdem jahrzehntelang europäische Hersteller wie ahg-Anschütz, Gehmann, Hitex, Mouche, Sauer oder Thune (alphabetisch und nicht vollständig aufgelistet) den Schießjacken-Markt unter sich aufgeteilt hatten, hat sich das seit ein paar Jahren drastisch gewandelt. Der indische Hersteller Capapie, in der Nähe von Mumbai ansässig, hat sich mit maßgefertigten Jacken und Hosen zuerst als Geheimtipp, dann durch zahlreiche Erfolge von Schützen an die Spitze katapultiert. Bei Olympia 2024 gab es je fünfmal Gold und Silber sowie viermal Bronze für Capapie-Träger. In manchen Finalkämpfen tragen alle acht Starter diese Kleidung, erkennbar am typischen Logo auf der aufgenähten Tasche: ein Dreieck mit nach außen gebogenen Flanken. Ein wesentlicher Teil des Erfolgs dürfte (neben den geringeren Herstellungskosten) in den Eigenschaften des speziellen „Capitex“-Synthetikmaterials und im neuartigen Schnitt der Jacken liegen: Das Material bleibt, so sagen zumindest die Fans, insgesamt formstabiler als bei anderen Herstellern, und das über längere Tragedauer. 

Schießschuhe unterliegen ebenfalls ISSF-Regeln
Schießschuhe für Gewehrschützen, hier von Sauer, haben eine durchgehende, aber immer noch flexible Sohle, eine feste Verschnürung und reichen über den Knöchel. 
ISSF Jacken Maße
Die ab jetzt geltenden Maße für ISSF-Gewehrjacken bilden einen Kompromiss zwischen strengeren Definitionen und dem Wunsch, vorhandene Kleidung zunächst weiter nutzen zu können.

Der Entwurf der Regeln nimmt, was überraschte, zunächst einmal strengere Regeln für die Schuhe aus, obwohl sie zum großen Teil für den Watschelgang der Finalisten verantwortlich sein dürften. Die Sohlen müssen noch biegsam sein, auch dafür gibt es eine Testvorrichtung. Aber zu einer Begrenzung der Schafthöhe wie bei Pistolenschützen (nicht über Knöchel) konnte man sich bei der ISSF noch nicht durchringen. Die Finalisten sollen aber künftig „in normalem Gang“ ihre Plätze einnehmen können, was von vielen Kamerateams und Fotografen begleitet wird. Man möchte eben den Eindruck einer telegenen Sportart erwecken.

Auch die Dicke-Maximalwerte von Jacke wie Hose (einfach gemessen 2,5 mm, doppelt an sonst unzugänglichen Stellen 5 mm) bleiben wie gehabt. Dies gilt übrigens auch für die Unterkleidung. Nach bisher 7 A4-Seiten zur Gewehr-Bekleidung sind künftig 10 eng bedruckte Seiten zu beachten, mit neuen Klarstellungen, die den Rahmen dieses Artikels sprengen würden. Für weniger Steifigkeit im Schulterbereich etwa sollen die Jackenbesitzer selbst durch Biegen und „Manipulieren“ des Materials sorgen, um zu hohe Folgekosten durch Neuanschaffungen zu vermeiden. Für den lockeren Sitz der Jacke müssen sich die Jacken-Aufschläge bei der Kontrolle probehalber vorn um 80 mm (bisher 70) übereinander ziehen lassen.

Weitere Änderungen der ISSF-Regeln ab 2026, die damit auch für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles gelten

DSB-Regeln 2026
Der Deutsche Schützenbund wird die Regeländerungen erst stufenweise einführen.
  • Alle Einzel-Finals werden nun mit acht Athleten absolviert; also auch im Flintenbereich und mit der Schnellfeuerpistole, beide Male gab es bisher nur sechs Finalisten. In den Mixed-Wettbewerben (Luftgewehr, Luftpistole, Trap/Skeet) treten die vier besten Teams der Qualifikation gemeinsam zum Finale an und kämpfen um die Medaillen.
  • Bei den vom Fernsehen übertragenen Finales werden elektronische Zielnachverfolgungssysteme (etwa SCATT oder andere Produkte) eingesetzt, die den Zuschauern den Weg der Mündung ins Ziel sichtbar machen.
  • In fast allen Wettbewerben werden die Final-Abläufe gestrafft (Details siehe DSB-Zusammenfassung unten). 

Die ISSF will die neuen Regeln, bei den Wettkämpfen 2026 testen und gegebenenfalls nach 2028 noch weiter verschärfen, sollten sie keine Wirkung (wie auch immer) zeigen. Mit den neuen Regeln verfolgt die ISSF die Intension, die Finals kürzer und spannender  zu machen.

Der Deutsche Schützenbund hat wegen der knappen Vorbereitungszeit bereits im Herbst 2025 entschieden, dass für 2026 die nationalen Meisterschaften nach der bisherigen Sportordnung ausgetragen werden. Lediglich die Finalkämpfe bei der Deutschen Meisterschaft 2026 werden in den olympischen Gewehr-Disziplinen nach den neuen ISSF-Regeln durchgeführt. 

Dass prinzipiell Änderungen an der rüstungsartigen Kleidung der Gewehrschützen diskutiert werden müssen, darüber sind sich fast alle einig. Der Geist ist eben schon lange aus der Flasche entwichen. Man ist aber auch (verständlicherweise) ein wenig vorsichtig, zu viel auf einmal zu ändern. Dafür ist die Zeit zwischen zwei Olympischen Spielen (die eigentliche "Olympiade" von vier Jahren) zu knapp, zumal da auch zahlreiche andere Faktoren wie etwa bestehende Rekorde, Ausschreibungen, Testphasen, aber auch wirtschaftliche Gründe wie etwa die Lager der Händler, Patente und Gebrauchsmuster mitspielen.