DSB 2.0: Wie der Deutsche Schützenbund 1951 zum zweiten Mal gegründet wurde und das nun 2026 feiert

Doppelt hält besser, das weiß der Volksmund schon länger. Der 1861 in Gotha gegründete Deutsche Schützenbund ebenfalls. Denn in den letzten Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg wurden zunächst durch staatliche Umstrukturierungen der Nazi-Regierung alle Schützenvereinigungen (auch damals gab es schon mehrere) zum "Deutschen Schützenverband" zusammengefasst und auf die angeblich "wahren Traditionen des Schützenwesens" eingeschworen: ihren Mitgliedern …eine Erziehung im Schießen geben, die sie zur Verteidigung der Heimat befähigte.” Die Vorbereitung zum militärischen Training war damit eingeleitet, vom Sportschießen keine Rede mehr.

Armbrustschützen 1946
Im Rheinland durften die Armbrustschützen der 1927 gegründeten Erzbruderschaft vom Heiligen St. Sebastian schon ab 1946 wieder ihre Sehnen spannen. Sogenannte "Armbrusttage" gab es außer in Köln und Aachen auch in Paderborn in Westfalen.  
Tätigkeitsbericht
Jäger bekamen ab 1950 wieder Waffenscheine, Schützen sollten sich  gedulden. So die lapidare Auskunft im "Tätigkeitsbericht der Bundesregierung" von 1950.

Auf diese vormilitärische Tradition konnte und wollte wahrlich nach Kriegsende im weitgehend zerstörten Deutschland niemand bauen. Waffenbesitz war generell verboten, es galt das Besatzungsrecht der jeweiligen Siegermächte in den einzelnen Bundesländern, auch wenn dieses leicht unterschiedlich ausfiel. So waren zunächst nur Luftgewehre mit glatten Läufen erlaubt, auch das Armbrustschießen konnte, etwa im Rheinland, schon seit 1946 wieder durchgeführt werden, und den Bruderschaften wurde auch das Tragen von Schützenröcken (Schützenuniformen) in der Öffentlichkeit gestattet. Auch die Schießbuden auf der Kirmes hatten schon frühzeitig wieder eine behördliche Erlaubnis zum Blumenschießen erhalten. Wer aber das sportliche Schießen liebte, musste sich zunächst gedulden. Denn pragmatisch hatte die 1949 gegründete Bundesrepublik die Prioritäten festgesetzt und die Jagd als wirtschaftlich vorrangig eingestuft. Parallel hatten aber die Besatzungsmächte das Verbot des Schützenwesens aufgehoben, so dass Neu- oder Wiedergründungen von Schützenvereinen durchaus möglich waren. Und dies geschah dann auch auf Landesebene durch die regionale Verbände – diese umfassten aber jeweils die historisch gewachsenen Gebiete und nicht unbedingt die teilweise durch die Besatzer festgelegten neuen Bundesländer, etwa bei Rheinland und Westfalen getrennt, ebenso bei Pfalz, Südbaden und Württemberg.

Nach und nach wurden in den westlichen Bundesländern die Landesverbände der Schützen neu- oder wiedergegründet

Die Gründungsdaten der 15 westdeutschen Landesverbände

Landesverbände West 1950
Diese 15 Landesverbände bildeten den Kern des Deutschen Schützenbundes ab 1950, bis 1990 nach der Wende fünf weitere Regionalverbände aus Ostdeutschland beitraten.
  • Oberpfälzer Schützenbund: 25. Juni 1950
  • Westfälischer Schützenbund: 6. August 1950
  • Bayerischer Sportschützenbund: 23. September 1950
  • Niedersächsischer Sportschützenverband: 24. September 1950
  • Nordwestdeutscher Schützenbund: 14. Januar 1951
  • Schützenverband Saar: 15. März 1951
  • Badischer Sportschützenverband: 15. April 1951
  • Schützenverband Berlin-Brandenburg: 6. Juni 1951
  • Rheinischer Schützenbund: 6. Oktober 1951
  • Hessischer Schützenverband: 14. Oktober 1951
  • (Wiedergründung des DSB am 18. November 1951)
  • Pfälzischer Sportschützenbund: 21. Juli 1952
  • Südbadischer Sportschützenverband: 27. Januar 1952
  • Württembergischer Schützenverband: 16. März 1952
  • Schützenverband Hamburg und Umgegend: 13. November 1952
  • Norddeutscher Schützenbund: 10. Dezember 1952
1951_Proklamation
Die Wiedergründung des Deutschen Schützenbundes im September 1951 wurde in der Tagespresse äußerst positiv aufgenommen.

Vorangegangen waren indes umfangreiche Planungen für die Wiedergründung des Schützenbundes. Und zwar von Bremen aus, wo Hermann Meyer aus Bremen, Heinrich Hey (Bremervörde), Hermann Franke aus Oldenburg und Ernst Zimmermann aus Fischerhude zunächst den Nordwestdeutschen Schützenbund konzipierten, der wiederum über eine "Neue Schützenzeitung" um Mitglieder werben sollte. Die rasche Neuorganisationen der Jäger und ihrer Verbände sollte als Vorbild und Ansporn für die Schützen dienen. Die erste Ausgabe vom Dezember 1950 wurde bundesweit verbreitet und lockte weitere Interessenten an, der Funke sprang aus dem Norden auch auf andere Regionen über. Der alte Vorkriegs-DSB war zuletzt als Zentralverband geführt worden, in den auch einzelne Vereine und auch Einzelpersonen eintreten konnten. Der neue DSB, den die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Schützenverbände am 15. und 16. September 1951 im Savoy-Hotel in Frankfurt am Mai wiedergegründet hatte, wurde hingegen föderalistisch angelegt: nur die Landesverbände sind direkte Mitglieder, denen jeweils andere Zusammenschlüsse, etwa auf Bezirks- oder Kreisebene beitreten können. 

Der offizielle Neustart des DSB erfolgte allerdings erst im November 1951, mit der ersten Delegiertenversammlung am 17.11.1951 in Köln und der feierlichen Proklamation am folgenden 18. November im Großen Saal der Kölner Messe, unter dem Beifall von einigen hundert begeisterten Schützen aus ganz Deutschland. Bundespräsident Prof. Dr. Theodor Heuss verwies in seiner Festrede auf die historisch gewachsene Schützentradition und stellte den Schützenbund offiziell unter den Schutz der noch jungen Bundesregierung. Dr. Paul Wehner wurde der erste Nachkriegs-Präsident, Ernst Zimmermann der erste Geschäftsführer, und der Sitz des Verbands wurde auf Wiesbaden, Wehners Wohnort, festgelegt.

Der wiedergegründete DSB wurde sofort sportlich aktiv und passte seine Regeln dabei den jeweiligen Umständen an

1966_WM Wiesbaden
39. Weltmeisterschaften 1966 in Wiesbaden:  Gerd Kümmet wurde erster Luftgewehr-Weltmeister und Elisabeth Gräfin von Soden Weltmeisterin mit der Trap-Flinte.
Sportordnung Titelblatt
Deckblatt der DSB-Sportordnung von 1953. Ab diesem Jahr waren in Deutschland wieder gezogene Läufe bei Luftgewehren und Kleinkaliber-Waffen erlaubt.

Das Regelwerk des DSB wird seither stets in der "Sportordnung" fixiert, zunächst nach der damals gültigen Rechtslage nur für das Luftgewehrschießen. Ab 1953 waren sowohl gezogene Läufe bei den Luftgewehren wie auch Kleinkaliberwaffen wieder erlaubt. Die erste Auflage der "Sportordnung des Deutschen Schützenbundes e.V." wurde am 10. Mai 1952 beschlossen. Diese entstand unter der Federführung des Karlsruher Ex-Gewehrweltmeisters Walter Gehmann, der seinerzeit der erste Bundessportleiter wurde. Das Regelwerk enthielt pragmatischen Änderungen, etwa die Festsetzung der Mannschaftsstärke von fünf auf nun vier Schützen. Gehmann erläuterte diesen Schritt so: "Aus Zweckmäßigkeit. Es bestehen mehr Möglichkeiten, an einem Wettkampf teilzunehmen: Vier Schützen gehen auf zwei Motorräder..."

Bernd Klingner Gold 1968 Mexiko-City
Bernd Klingner aus Bremervörde, in Mexiko-City Olympiasieger 1968 im KK-Dreistellungskampf, auf den Schultern von DSB-Präsident Georg von Opel.

International musste sich der Schützenbund an die veränderte Weltlage anpassen. Russische Schützen dominierten die meisten Wettkämpfe, ebenso die Amerikaner, deren beste Gewehr- und Pistolenschützen meist "hauptberuflich" im Militärdienst waren, dort trainieren konnten und daher den Hobby-Sportlern aus Deutschland überlegen waren. Ab und zu konnten aber auch DSB-Starter in die dichtgeschlossene Spitze vordringen. Bei den Weltmeisterschaften 1966, die am DSB-Sitz in Wiesbaden ausgetragen wurden, hatte das Luftgewehr internationale Premiere. Und die deutschen Hersteller konnten jahrzehntelange Erfahrung mit diesem in vielen anderen Ländern verpönten "Spielzeug" vorweisen. Passenderweise wurde der Büchsenmacher Gerd Kümmet aus Kronach mit einem Anschütz-Prototyp erster Luftgewehr-Weltmeister und Elisabeth Gräfin von Soden gewann den Titel im Trap-Wettbewerb der Damen. 

Zwei Jahre später bei den Olympischen Spielen in Mexiko-City krönte sich der Bremervörder Gewehrschütze Bernd Klingner nach akribischer Vorbereitung im Training mit der Goldmedaille in der Königsdisziplin Kleinkaliber Dreistellungskampf und verwies die US-Konkurrenz auf die folgenden Treppchen-Plätze. Zudem konnte Heinz Mertel Silber mit der Freien Pistole erringen und Konrad Wirnhier Bronze mit der Skeet-Flinte gewinnen.

Mit den olympischen Schießwettbewerben 1972 wird die Anlage in Hochbrück bei München zum neuen Zentrum des DSB-Sports

Hochbrück
Die Ehrentafel an der Gewehrhalle in Hochbrück nennt die Medaillengewinner der Olympischen Schießwettbewerbe von 1972 – darunter auch Konrad Wirnhier mit Gold im Skeet.
WM 2010 Eröffnung
Die Weltmeisterschaft 2010 wurde bewusst auch in die Stadt München getragen, hier bei der Eröffnungsfeier auf dem Marienplatz.
Ralf Schumann
Ralf Schumann ist das wohl bekannteste Beispiel für Sportler, die sowohl in der DDR wie auch nach dem Zusammenschluss im deutschen Team Erfolg hatten. Von 1977 bis 2012 startete er international, holte dreimal Olympia-Gold und vier Weltmeistertitel mit der Schnellfeuerpistole.

Auf einem ehemaligen Militärgelände in Hochbrück, eigentlich zur Münchener Nachbargemeinde Garching gehörend, entsteht Anfang der 1970er Jahre eine moderne Schießanlage für alle olympischen Wettbewerbe einschließlich Großkalibergewehr 300 Meter. Zum letzten Mal wird weltweit bei Olympia auch auf 300 Meter geschossen, die Kosten sind für die meisten Länder zu hoch. Und auch die Olympia-Schießanlage Hochbrück ist eigentlich nur als Provisorium für ebendiese Münchener Spiele gedacht, aber wie das so ist mit Provisorien, halten sie oft länger als "ewige Bauwerke": seit 1974, also seit über 50 Jahren,  werden die Deutschen Meisterschaften Gewehr, Pistole und Flinte hier in jedem August ausgetragen. Der Bayerische Sportschützenbund hat die Anlage im Jahr 2006 übernommen und hält sie im Wortsinn "in Schuss", auch durch modernisierte Anbauten wie eine Luftgewehr- und eine Finalhalle, elektronische Trefferanzeigen statt Zuganlagen, neue Parkplätze und Campingflächen: Die "Deutsche" ist mit etwa 10.000 Startern jährlich über fast zwei Wochen schließlich eine der größten Breitensportveranstaltungen Deutschlands. 

Der nächste internationale Höhepunkt nach Olympia 1972 war zweifellos die ISSF-Weltmeisterschaft 2010, auch wenn mittlerweile nach kurzer Pause auch wieder Weltcups in Hochbrück ausgetragen werden. Als Olympia-Stützpunkt und Bundesleistungszentrum dient die Anlage weiterhin auch als Trainingsstätte für Spitzenschützen aus ganz Deutschland. Weitere Stützpunkte werden in Frankfurt/Main, Frankfurt/Oder, Suhl, Berlin, Hannover, Pforzheim und in Hopsten betrieben, insgesamt sind es acht.

Bildergalerie: Die Präsidenten des DSB von 1951 bis heute


Dr. med Paul Wehner (1896-1982), ein Wiesbadener Zahnarzt und Pistolenschütze war von 1951 bis 1956 der erste DSB-Präsident nach der Wiedergründung und holte die DSB-Geschäftsstelle nach Wiesbaden
Dr. h.c. Georg von Opel (1912-1971) war von 1957 bis 1971 DSB-Präsident, förderte besonders den Leistungssport, die weiblichen Schützen und den Nachwuchs. Er initiierte die Schießsportschule in Wiesbaden-Klarenthal und war auch international in zahlreichen Gremien bis hin zum IOC aktiv. 
Alfred Michaelis (1915-2014), Inhaber einer Maschinenbaufirma in Straubing, war von 1971 bis 1982 DSB-Präsident. Unter ihm wuchs die Zahl der Disziplinen und die Mitgliederzahl, die erstmals über eine Million betrug. Auch die erste Jugendordnung geht auf seinen Einfluss zurück.
Von 1982 bis zu seinem Tod 1994 war der 1925 geborene Münchener Finanzbeamte Andreas Hartinger Präsident des DSB. Er war verantwortlich für die Schießwettkämpfe bei Olympia 1972 in München. In seine Zeit fiel auch der Beitritt der fünf ostdeutschen Landesverbände im Jahr 1990.
Josef Ambacher (1940-2012) war von 1994 bis 2012 der langjährigste DSB-Präsident. In dieser Phase wurde sowohl die Bundesliga gegründet wie auch das Deutsche Schützenmuseum in Coburg eröffnet. Auch Sommerbiathlon (heute Target Sprint), Satzungsreformen und bessere Öffentlichkeitsarbeit gehen auf sein Wirken zurück, ebenso die Ausrichtung der ISSF-Weltmeisterschaften 2010 in München.
Der 1941 geborene Niedersachse Heinz Helmut Fischer war von 2013 bis 2017 DSB-Präsident. In seiner Amtszeit wurde der Leistungssport im DSB neu strukturiert, 2016 in Rio erzielte das DSB-Team das beste Ergebnis aller bisherigen Olympischen Spiele.
Der 1940 geborene Hans Heinrich von Schönfels, seit 2017 Präsident, hat Sportwissenschaften studiert und ist Klinikdirektor in Hessen. Schon  als Vizepräsident für Tradition und Brauchtum erreichte er 2016 die Aufnahme des Schützenwesens ins Verzeichnis immateriellen Kulturerbes. Unter seiner Führung wurde der modernisierte Bundesstützpunkt Frankfurt/Wiesbaden eröffnet.

Auf und ab (und wieder etwas auf) bei den Mitgliederzahlen: Der DSB steht weiter auf Rang 4 der deutschen Sportverbände

Das Schützenwesen ist eine der wenigen kultur- und sozialgeschichtlichen Erscheinungen, die sich über viele Jahrhunderte hinweg kontinuierlich entwickelt und bis heute erhalten haben, als historisch gewachsener und lebendiger Teil der regionalen und lokalen Identität. Das Schützenwesen umfasst eine große Anzahl von Bräuchen und Traditionen, die in ganz Deutschland in zahlreichen unterschiedlichen Erscheinungsformen verbreitet sind. 
Bundesgeschäftsstelle Wiesbaden
Die Geschäftsstelle des Deutschen Schützenbundes in Wiesbaden-Klarenthal liegt direkt neben dem neu errichteten Bundesleistungszentrum.
Maximilian Dallinger
Luftgewehr-As Maximilian Dallinger wurde 2025 überraschend Weltmeister in dieser früher "typisch deutschen" Disziplin.

DSB-Präsident Alfred Michaelis, zunächst 1971 nur als Übergangspräsident nach dem plötzlichen Tod seines Vorgängers Georg von Opel eingesetzt und dann nachgewählt, konnte in seiner Amtszeit bis 1982 im Jahr 1978 stolz die überschrittene Mitgliedergrenze von einer Million melden. Noch drastischer nach oben gingen die Zahlen nach der Wende durch den Beitritt der fünf ostdeutschen Landesverbände Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen im Jahr 1990: mit 1.589.000 Mitgliedern war im Jahr 1997 der bisherige Höchststand erreicht. Seitdem ist aber aus vielerlei Gründen ein stetiger, aber auch verlangsamter Rückgang in den letzten Jahren zu verzeichnen. Seit 2020 bewegen sich die Zu- und Abgänge pro Jahr um plus-minus ein Prozent, mit aktuell 1.357.000 Mitgliedern Ende 2025. Das ist weiterhin und unangefochten Platz 4 unter den deutschen Spitzensportverbänden. 

Was passiert weiter beim Deutschen Schützenbund im Jubiläumsjahr 2026?

Übersicht DSB 75 Jahre Wiedergründung
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Der Deutsche Schützenbund hat rund um das Jubiläum  zahlreiche Aktivitäten gestartet. Ein guter Ausgangspunkt ist dabei die Sonder-Website  75 Jahre Wiedergründung die als dynamische Pageflow-Seite heruntergescrollt werden kann. Zur vollständigen Geschichte seit der DSB-Gründung 1861 finden Sie hier einzelne Themenbereiche. Die einzelnen Landesverbände bringen zudem eigene Beiträge mit unterschiedlichen Aspekten rund um die Verbandsarbeit.