Steyr Arms MS Wild in der Praxis: Eine Waffe, zwei Fragen – die nach der Präzision der Waffe und warum jeder Schütze dann doch irgendwie anders durch ein Zielfernrohr blickt

Eigentlich sollte die Repetierbüchse MS Wild von Steyr Arms auf dem 100-Meter-Stand vor allem zeigen, was in der Praxis in ihr steckt. Doch bei der Planung des Tests kam eine zweite, für die Jagdpraxis mindestens ebenso spannende Frage auf – auch wenn aus Gründen der Waidgerechtigkeit fremde Waffen in jedem Fall vor dem Einsatz kontrollgeschossen werden sollten: Was passiert mit der Treffpunktlage, wenn drei unterschiedliche Schützen mit exakt derselben Kombination aus Büchse, Optik und Munition schießen? Bleiben die Treffergruppen am selben Fleck – oder hinterlässt jeder Schütze seine eigene Handschrift auf der Scheibe? Also ging es in einen Test, der gleich zwei Fragen beantworten sollte: Wie gut schießt die Steyr MS Wild und wie führt ein Wechsel des Schützen auch zu einer anderen Treffpunktlage.

MS Wild Präzision Schießen auf 100 Meter
Wir wollten wissen: Gibt es einen Unterschied in der Treffpunktlage, wenn 3 unterschiedliche Schützen mit demselben Waffen-Setup auf das gleiche Ziel schießen? 

Kein Mensch nimmt ein Zielbild exakt so wahr wie ein anderer. Sehschärfe, Pupillengröße, räumliches Sehen und die Fähigkeit zur schnellen Fokussierung unterscheiden sich von Person zu Person. Hinzu kommen mögliche Fehlsichtigkeiten wie Kurz- oder Weitsichtigkeit sowie eine Hornhautverkrümmung. Auch Alter, Müdigkeit und Lichtverhältnisse spielen eine Rolle. Bei nachlassendem Licht öffnet sich die Pupille stärker. Dadurch können optische Unschärfen deutlicher hervortreten. Gleichzeitig sinkt häufig die Fähigkeit des Auges, schnell zwischen unterschiedlichen Entfernungen zu fokussieren. Beim Blick durch ein Zielfernrohr müssen Zielbild und Absehen möglichst gleichzeitig klar wahrgenommen werden. Gelingt das nicht, beginnt das Auge häufig unbewusst nachzufokussieren. Das kann die Zielerfassung verlangsamen und zu einem weniger konstanten Haltepunkt führen.

Das Setup im Test: Die MS Wild von Steyr mit Zieloptik von GPO

Waffenhändler Gert Mürmann aus Wittenberg
Waffenhändler Gert Mürmann hat jeden Tag mit dem Einschießen von Jagdwaffen zu tun. 

Doch erstmal zu unserem Test-Setup: Die Steyr MS Wild im Kaliber .308 Winchester präsentiert sich als vielseitige Jagdbüchse für unterschiedliche Einsatzbereiche. Sie eignet sich für den Ansitz und die Pirsch, kann dank der niedrigen 1,6-fachen Anfangsvergrößerung der montierten Optik aber sicherlich auch auf der Drückjagd eingesetzt werden. Auf der Waffe kam das kompakte Allroundzielfernrohr Spectra 8x 1,6-13x44i von GPO zum Einsatz. Sein großer Vergrößerungsbereich ermöglicht eine schnelle Zielerfassung auf kurze Distanz ebenso wie präzise Schüsse auf weitere Entfernungen. Die kompakte Bauweise bietet zudem gute Voraussetzungen für die Verwendung eines Wärmebild- oder Nachtsichtvorsatzgerätes. Geschossen wurde mit der bleifreien Brenneke TAG im Kaliber .308 Winchester mit 155 Grains Geschossgewicht. Ergänzt wurde das Setup durch einen Schalldämpfer aus dem Portfolio von Großhändler und Steyr-Importeur AKAH. Damit entstand eine ausgewogene Kombination für den Schießstand sowie den jagdlichen Einsatz auf Ansitz, Pirsch und Drückjagd. 

Die richtige Einstellung des Okulars am Zielfernrohr

Eine W-Lan Kamera ist auf dem Schießstand sehr hilfreich
Die Gruppe von Schütze 1 sitzt leicht oberhalb des Haltepunkts. Entscheidend für die Präzision ist zunächst der Streukreis; die Lage der Gruppe muss getrennt davon und anhand weiterer Schussgruppen beurteilt werden.

Die Dioptrieneinstellung am Okular dient dazu, das Absehen an die Sehkraft des jeweiligen Schützen anzupassen. Entscheidend ist, dass das Absehen beim Einblick sofort scharf erscheint. Für die Einstellung sollte das Zielfernrohr auf eine helle, strukturlose Fläche gerichtet werden – beispielsweise auf den Himmel oder eine gleichmäßig helle Wand. Dabei darf sich selbstverständlich keine Munition in der Waffe befinden. Der Schütze blickt nur kurz durch das Zielfernrohr und verstellt den Dioptrienausgleich so lange, bis das Absehen unmittelbar scharf erscheint. Ein längerer Blick ist wenig hilfreich, weil das Auge versucht, eine falsche Einstellung durch eigene Fokussierung auszugleichen. Dadurch kann das Absehen zunächst scharf wirken, obwohl die Dioptrieneinstellung noch nicht optimal ist. Wichtig ist jedoch: Eine falsch eingestellte Dioptrienstärke verändert normalerweise nicht direkt die mechanische Treffpunktlage des Zielfernrohrs. Sie kann aber dazu führen, dass das Absehen unscharf erscheint und der Schütze seinen Haltepunkt weniger exakt oder nicht immer gleich wahrnimmt. Nutzen mehrere Personen dieselbe Waffe, sollte die ursprüngliche Einstellung markiert oder notiert werden. So lässt sie sich nach einer Anpassung wieder reproduzierbar herstellen.

Parallaxe als mögliche Fehlerquelle beim Büchsenschuss

Die beste Gruppe des Tages von Gert Mürmann
Die beste Gruppe des Tages mit der Steyr MS Wild in .308 Winchester kam von Waffenhändler Gert Mürmann aus Wittenberg. Ob es daran lag, dass er jeden Tag Jagdwaffen einschießt, darf angenommen werden. 

Eine der wichtigsten Ursachen für scheinbare Treffpunktverlagerungen ist die Parallaxe. Sie entsteht, wenn Zielbild und Absehen optisch nicht in derselben Ebene liegen. Befindet sich das Auge nicht genau auf der optischen Achse, scheint sich das Absehen gegenüber dem Ziel zu bewegen. Ein einfacher Test macht diesen Effekt sichtbar: Die Waffe wird sicher und stabil auf das Ziel ausgerichtet, ohne dass sie bewegt wird. Anschließend verändert der Schütze seine Kopfposition leicht nach oben, unten oder zur Seite. Wandert das Absehen dabei scheinbar über das Ziel, ist die Parallaxe für diese Entfernung nicht korrekt eingestellt. Viele jagdliche Zielfernrohre besitzen eine feste Parallaxeneinstellung, häufig für eine typische jagdliche Entfernung − hier empfiehlt sich der Blick in die technischen Daten der Optik. Bei anderen Modellen lässt sich die Parallaxe über einen Seitenturm oder einen Verstellring anpassen. Je höher die Vergrößerung und je größer die Abweichung von der eingestellten Parallaxendistanz, desto deutlicher kann sich eine ungleichmäßige Augenposition bemerkbar machen. 

Augenposition und Austrittspupille des Zielfernrohres beim jagdlichen Büchsenschießen

Das Auge muss sich hinter dem Zielfernrohr möglichst mittig in der sogenannten Austrittspupille befinden. Ist die Position nicht optimal, entstehen kreisförmige oder halbmondförmige, schwarze Abschattungen am Rand des Sehfeldes. Solche Abschattungen sind ein deutliches Warnsignal: Der Schütze blickt nicht gerade durch das Zielfernrohr. Die Ursache kann eine falsche Schafthöhe, eine ungünstige Montagehöhe oder ein nicht passender Augenabstand sein. Auch ein wechselnder Anschlag führt dazu, dass das Auge bei jedem Schuss eine etwas andere Position einnimmt. Bei einem korrekt parallaxefreien Zielfernrohr verursacht eine geringe Abweichung der Augenposition idealerweise keine nennenswerte Treffpunktänderung. Ist jedoch gleichzeitig ein Parallaxefehler vorhanden, kann die außermittige Position des Auges eine messbare Abweichung hervorrufen. Eine größere Austrittspupille erleichtert grundsätzlich den Einblick. Sie ergibt sich vereinfacht aus dem Objektivdurchmesser geteilt durch die Vergrößerung. Ein Zielfernrohr mit 56 Millimetern Objektivdurchmesser besitzt bei achtfacher Vergrößerung beispielsweise eine rechnerische Austrittspupille von sieben Millimetern. Bei steigender Vergrößerung wird sie kleiner und die korrekte Augenposition entsprechend anspruchsvoller.

Der Anschlag beeinflusst das Zielbild

Nicht jede unterschiedliche Treffpunktlage lässt sich auf die Augen zurückführen. Häufig liegt die Ursache im individuellen Anschlag. Hier gibt es 5 Tipps für den perfekten Schuss

Jeder Schütze übt einen etwas anderen Druck auf Hinterschaft, Vorderschaft und Abzug aus. Auch die Position der Schulter, die Kopfhaltung und die Kraft der Schießhand unterscheiden sich. Bei leichten Waffen, starken Kalibern oder nicht vollständig frei schwingenden Läufen können diese Unterschiede die Treffpunktlage beeinflussen.

Besonders relevant sind:

  • wechselnder Druck der Wange auf den Schaft,
  • unterschiedliche Schulteranlage,
  • seitlicher Druck durch die Abzugshand,
  • eine andere Position des Vorderschafts auf der Auflage,
  • das Festhalten oder freie Rücklaufenlassen der Waffe,
  • Fehler bei der Abzugskontrolle,
  • unterschiedliche Reaktionen auf Rückstoß und Schussknall.

Das individuelle Sehempfinden und der Anschlag lassen sich in der Praxis kaum vollständig voneinander trennen. Eine andere Kopfposition verändert den Blick durch die Optik – und eine veränderte Schaft- oder Schulterposition beeinflusst zugleich das Verhalten der Waffe im Schuss.

Verkanten der Waffe im Schuss

Verkanten der Waffe
Oftmal sind es nur kleine Fehler die zu einem unsauberen Trefferbild führen. Deshalb sollte der Schütze etwa auf die Verkantung der Waffe achten. Korrekt demonstriert es hier Mike Möglinger von AKAH mit dem Steyr-Setup, bestehend aus der MS Wild im Kaliber .308 Winchester, GPO Spectra 8x 1,6-13x44i und Schalldämpfer aus dem Hause AKAH. 

Eine weitere mögliche Ursache ist das seitliche Verkanten. Dabei steht die Waffe nicht exakt senkrecht, sondern wird leicht nach links oder rechts geneigt. Da Schützen ihre natürliche Kopfhaltung unterschiedlich wählen, kann derselbe Schaft bei verschiedenen Personen zu einem jeweils anderen Kantwinkel führen. Auf kurze jagdliche Distanzen fällt eine geringe Neigung häufig kaum auf. Bei größeren Entfernungen, stark korrigierter Visierlinie oder ausgeprägtem Geschossabfall kann sie jedoch zu Höhen- und Seitenabweichungen führen. Eine am Zielfernrohr montierte Libelle hilft, die Waffe bei jedem Schuss gleich auszurichten.

Brillen und Gleitsichtgläser beim Schießen mit der Büchse

Brillenträger sollten darauf achten, immer durch denselben Bereich des Brillenglases zu schauen. Bei Gleitsichtbrillen verändern sich die optischen Eigenschaften innerhalb des Glases. Eine leicht andere Kopfhaltung kann deshalb bereits einen anderen Seheindruck erzeugen. Zusätzlich kann die Brille den nutzbaren Augenabstand beeinflussen. Der Schütze setzt den Kopf möglicherweise weiter hinten oder seitlich versetzt an, um ein vollständiges Sehfeld zu erhalten. Eine individuell passende Schaftbacke und die richtige Position des Zielfernrohrs sind hier besonders wichtig. Der Dioptrienausgleich des Zielfernrohrs kann einfache Fehlsichtigkeiten teilweise kompensieren. Eine Hornhautverkrümmung lässt sich dadurch jedoch nicht vollständig korrigieren. In diesem Fall kann das Schießen mit der passenden Brille oder Kontaktlinse die bessere Lösung sein.

Auswertung der Ergebnisse
Auswertung der Ergebnisse nach dem Schießen mit MS Wild auf dem 100-Meter-Stand. Viele Unterschiede in der Treffpunktlage konnten wir nicht feststellen. Die Unterschiede zwischen den Schützen waren minimal. Nichts desto trotz kann es Unterschiede geben, weswegen man seine Waffe, auch wenn Sie eingeschossen vom Büchsenmacher kommt, immer noch einmal selbst überprüfen sollte, bevor es auf die Jagd geht. 

Treffpunktabweichung oder Ausreißer? So lässt sich der Einfluss des Schützen erkennen

Auf der Scheibe lagen die Gruppen der drei Schützen eng beieinander. Eine deutliche oder reproduzierbare Verschiebung der Treffpunktlage konnten wir bei diesem Versuch nicht feststellen. Die möglichen Einflüsse von Augenposition, Anschlag und Parallaxe waren unter unseren Testbedingungen damit zwar nicht vollständig ausgeschlossen, wirkten sich aber nur gering auf das Ergebnis aus.

Bevor an den Verstelltürmen gedreht wird, sollte zunächst geprüft werden, ob wirklich eine reproduzierbare Treffpunktverlagerung vorliegt. Ein einzelner Schuss reicht dazu nicht aus. Sinnvoll sind mehrere Gruppen unter möglichst gleichen Bedingungen.

Schießen zwei Personen jeweils wiederholt enge, aber voneinander getrennte Gruppen, spricht das für einen systematischen Unterschied zwischen den Schützen. Streuen dagegen beide Gruppen stark, liegt möglicherweise ein allgemeiner Fehler bei Auflage, Anschlag, Munition oder Waffe vor.

Für einen aussagekräftigen Vergleich sollte Folgendes möglichst konstant bleiben:

  1. dieselbe Waffe und Munition,
  2. dieselbe Zielentfernung,
  3. eine stabile und identische Auflage,
  4. gleiche Vergrößerung und Parallaxeneinstellung,
  5. ein kontrollierter, wiederholbarer Anschlag,
  6. mehrere Schussgruppen statt einzelner Treffer.

Erst wenn ein Schütze mit der Waffe wiederholt eine konstante, aber abweichende Treffpunktlage erzielt, kann eine individuelle Korrektur sinnvoll sein. Wird die Waffe hauptsächlich von einer Person geführt, sollte sie letztlich auch für diese Person eingeschossen werden.

MS Wild von Styer bei AKAH
Die MS Wild von Steyr gibt es derzeit in fünf Kalibern. Unsere Testwaffe wurde uns im Kaliber .308 Winchester zur Verfügung gestellt. Neben diesem Kaliber gibt es die MS Wild auch im Kaliber .270 Winchester, .30-06 Springfield, .300 Winchester Magnum und 6,5 Creedmoor. 

Fazit zur Treffpunktverlagerung bei verschiedenen Schützen und unser Praxiseindruck zur Steyr MS Wild

Menschen sehen unterschiedlich – und sie nehmen auch das Bild in einem Zielfernrohr nicht vollkommen identisch wahr. Das allein verstellt jedoch weder die Optik noch verändert es die mechanische Lage des Absehens. Treffpunktabweichungen entstehen vielmehr durch das Zusammenspiel von Augenposition, Parallaxe, Kopfhaltung, Anschlag, Verkanten und der individuellen Wahrnehmung des Haltepunktes. Ein korrekt eingestellter Dioptrienausgleich, die passende Parallaxeneinstellung und ein wiederholbarer Anschlag schaffen die Grundlage für reproduzierbare Treffer. Schießt eine andere Person mit derselben Waffe an einer abweichenden Stelle, sollte deshalb nicht sofort am Zielfernrohr gedreht werden. Zunächst gilt es festzustellen, ob die Abweichung wiederholbar ist und ob ihre Ursache tatsächlich in der Optik, im Anschlag oder in der Wahrnehmung des Schützen liegt. 

Bleibt die erste Ausgangsfrage: Wie schlug sich die Steyr MS Wild selbst? Die Büchse hinterließ im Kaliber .308 Winchester einen insgesamt überzeugenden jagdlichen Praxiseindruck. Die drei Schützen erzielten unterschiedlich große Streukreise, während die Abweichungen der Treffpunktlage gering ausfielen. Alle Gruppen waren jagdlich gut brauchbar. Dabei ist noch weiteres Potenzial vorhanden: Mit einem Zielfernrohr mit höherer Vergrößerung und einer längeren Eingewöhnung an die Waffe sowie ihr Abzugsverhalten dürften sich die Ergebnisse noch verbessern lassen. Insgesamt erwies sich die Kombination aus Steyr MS Wild, GPO Spectra 8x 1,6-13x44i, Brenneke TAG 155 Grain und Renardo RS1 Cal. 30 Titan-Schalldämpfer als überzeugendes Setup, mit dem sich eine gute bis sehr gute jagdliche Präzision erreichen lässt.


Weitere Infos finden Sie auf den Webseiten von AKAH, GPO und Steyr Arms. Vielen Dank an den Waffenhandel von Gert Mürmann aus Wittenberg, der uns bei dem Drehtermin auf dem Schießstand der Schützengilde Kemberg unterstützt hat.