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User-Test: RWS Short Rifle – Volle Leistung aus kurzen Läufen?

Verfolgt man Fachpresse und andere Media-Kanäle rund um Ausrüstung und Jagd, lassen sich beim genaueren hinschauen folgende 2 Trends immer wieder erkennen:

  • Kurze Läufe scheinen bei Büchsen immer beliebter zu werden, denn in der Kürze liegt bekanntlich die Würze! Von 550 mm bis zu 400 mm ist mittlerweile alles zu haben. Die Vorteile sind zumindest im Handling recht einleuchtend. Die Waffen ist mit einem kurzen Lauf deutlich führiger, zudem leichter und bietet besonders bei Nutzung eines Schalldämpfers eine insgesamt überschaubare Gesamtlänge in der Jagdpraxis.
  • Die Jagd auf größere Distanzen. Sowohl Waffe, Optik als auch Munition machen es immer einfacher (bei regelmäßigem Training und genauer Abstimmung der Ausrüstung) auf weitere Entfernungen (+200 m) sauber und waidgerecht zu jagen!

Diese beiden Trends sind allerdings so gegensätzlich wie "Push & Pull". Denn die Funktionalität mancher Geschosse ist bei kurze Läufen, bezogen auf die Schussentfernungen, stark reduziert! Warum ist das so?

Das Problem: kürzere Läufe = weniger Geschwindigkeit = geringere Funktions-Einsatzreichweite des Geschosses

RWS .308 Win. Short Rifle HIT und Chronograph
Gemessen wurde mit einem MagnetoSpeed Chronographen.

Soll heißen, jedes Geschoss hat ein sogenanntes "Fenster an Geschwindigkeit", in dem es gut funktioniert. Die Funktion zeigt sich darin, dass es sich beispielsweise zerlegt (Teilzerlegungsgeschoss) oder deformiert (Deformationsgeschoss), um die eigentliche Aufgabe zu erfüllen: Möglichst viel Gewebe zerstören und das Wild schnell töten.

Wird eine gewisse Grenzgeschwindigkeit, die von Geschoss zu Geschoss variieren kann, nicht mehr erreicht, ist diese Funktion möglicherweise nicht mehr gewährleistet. Im allgemeinen Jägersmund spricht man hier gerne vom sogenannten "Vollmantel-Effekt". Soll heißen, es findet keine Verformung oder Zerlegung des Geschosses mehr statt und wir haben im Ziel keine ausreichende Tötungswirkung. Erschwerte Nachsuchen sind dann leider die Regel.

Büchsenpatronen im Test: RWS .308 Win. HIT und Short Rifle HIT

Für meinen Test musste eine Blaser R8 mit einer Lauflänge von 520 mm herhalten. Dazu muss man allerdings noch eines wissen: Bei Blaser-Läufen sind weitere 25 mm abzuziehen, da die Lauflänge bei Blaser vom Beginn des Patronenlagers gemessen wird, der Verschlusskopf aber noch ins Patronenlager hineinragt. Es bleiben also reelle 495 mm Lauflänge über. Die Geschossgeschwindigkeiten wurde mit dem Magneto Speed gemessen. Im Übrigen ist das eine tolles, genaues und simples Geschwindigkeitsmesssystem für jedermann.

In der nachstehenden Tabelle sind die Messergebnisse der beiden RWS Büchsenpatronen zu sehen. Dabei wurden jeweils die Angaben des Herstellers auf der Verpackung sowie die reell gemessenen Geschwindigkeiten verglichen. Grundlage waren jeweils 3 Schuss.

Geschwindigkeitstest: RWS .308 Win. HIT vs. RWS .308 Win. Short Rifle HIT


RWS .308 Win. HIT 10,7 gRWS .308 Win. Short Rifle HIT 9,7 gLeistungsplus Short Rifle
Messung 1 v0                                               788 m/s                                                                  863 m/s
Messung 2 v0                                               788 m/s                                                                  865 m/s
Messung 3 v0                                               790 m/s                                                                  871 m/s
Mittel Messung 1-3 v0                                               789 m/s                                                                  866 m/s                                 74 m/s
Angabe Packung v0                                               820 m/s                                                                  870 m/s
Differenz Packung v0                                                 31 m/s                                                                      4 m/s
RWS .308 Win. HIT und Chronograph
Da im Test ein 520 mm (495 mm) Lauf verwendet wurde, ergeben sich die hohen Differenzen zwischen der Angabe auf der Packung und der Messung.

Besonders bei der normalen RWS HIT fällt die hohe Abweichung zu den Packungsangaben auf. Der Grund dafür ist klar. Die Geschwindigkeiten der RWS HIT Standardpatrone wird mit einem 600 mm langen Lauf ermittelt. Dies schreibt die CIP so vor. Da der Versuch aber mit einem 520 mm (495 mm) langen Lauf stattgefunden hat, weichen die Daten selbstverständlich ab. Diese Erkenntnis stützt allerdings die Faustregel, welche besagt, dass mit etwa 2-4 m/s verlorener Geschwindigkeit pro gekürztem Zentimeter Lauflänge zu rechnen ist. Diese kann von Kaliber zu Kaliber unterschiedlich sein. Allein durch einen kurzen Lauf habe ich bei der standardmäßigen RWS HIT einen Leistungsverlust von 31 m/s. Mit der RWS HIT als Short Rifle-Patrone ergibt im direkten Vergleich sich ein Plus von 74 m/s. Das ist ein sehr guter Wert, der zeigt, dass der Hersteller sein Versprechen einhält!

RWS .308 Win. Short Rifle HIT mit überzeugendem Ergebnis.
Im direkten Vergleich ergibt sich ein Plus von 74 m/s im Gegensatz zu der Standardpatrone.

Was bedeutet dies in der Praxis nun genau für mich? Um die Ergebnisse einfach zu verdeutlichen, habe ich die Geschwindigkeit in die maximale Einsatzreichweite überführt.

Dazu muss man wissen, dass Kupfer-Deformationsgeschosse bis zu einer Geschwindigkeit bis etwa 700 m/s im Kaliber .30 zuverlässig wirken. Diese Aussage stütze ich auf ein Gespräch mit einem Ballistiker von Barnes auf der letzten IWA. Und es deckt sich mit meinen Erfahrungen. Blickt man nun auf die Geschwindigkeiten der beiden Patronen, ergeben sich speziell für meinen Versuchsaufbau (Blaser R8 / .308 Win, 520 mm bzw. 495 mm) folgende maximale Einsatzreichweiten, in denen ich mich darauf verlassen kann, dass das Geschoss noch zuverlässig anspricht und sauber deformiert.

Geschwindigkeiten und maximale Einsatzreichweite der RWS .308 Win. HIT und Short Rifle HIT


RWS .308 Win. HIT 10,7g
 RWS .308 Win. Short Rifle HIT 9,7g
V0                                               789 m/s                                                                   863 m/s
V50                                               752 m/s                                                                   830 m/s
V100                                               717 m/s                                                                   791 m/s
V150                                               682 m/s                                                                   753 m/s 
V200                                               649 m/s                                                                   716 m/s
V250                                               616 m/s                                                                   680 m/s
Maximale Einsatzreichweite                                                   140 m                                                                       220 m

Mein Fazit zur RWS Short Rifle-Patrone mit HIT-Geschoss

Das A und O ist und bleibt es, das Stück an der richtigen Stelle zu treffen. Und dieses setzt, besonders bei Schüssen über 150 m Distanz, regelmäßiges Training voraus! Ist dieses Kriterium erfüllt, ist die Short Rifle-Patrone von RWS für alle die, die kurze Läufe nutzen und mal etwas weiter hinaus müssen, eine sinnvolle Alternative inklusive Leistungssteigerung zur Standardmunition. 

Für mich und meine Waffe bedeutet das im konkreten Fall, dass mir die RWS .308 Win. Short Rifle HIT ein Plus an Leistung von etwa 80 m liefert – das hat mich wirklich positiv überrascht! Ein Blick in mein Schussbuch verrät mir allerdings auch, dass ich im letzten Jahr nur 5 Stücke mit der HIT jenseits der 140 m Marke erlegt habe. Außer bei einem Schmalspießer auf 190 m, wo ich den gefürchteten "Vollmanteleffekt" erlebte und ein Fangschuss nötig war, lagen die anderen Stücke (Rehwild) im Knall oder nach kurzen Fluchten.

Für mich eine gelungene Produkterweiterung von RWS, die sicher für den ein oder anderen Jäger von Interesse sein könnte, der kurze Läufe speziell mit Schalldämpfer auch auf weitere Distanzen einsetzt.

Bis dahin!

Euer Finn


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Weitere Informationen zur Munition von RWS finden Sie direkt auf der Webseite des Herstellers. Ab Frühjahr / Sommer 2019 wird es weitere Kaliber der Short Rifle Munition von RWS geben, die wir in unserem Bericht von der IWA bereits angekündigt haben.

Passend zum Auftakt der Bockjagdsaison: Welche Vorteile bietet die RWS HIT für passionierte Rehwildjäger?

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