Beim Ausflug des Autors mit der kleinkalibrigen ERMA auf den Kurzwaffenstand waren auch einige „Jungdachse“ anwesend, die nach einigen beschossenen Scheiben fragten, um was für eine Marke und Modell es sich hier handele. Nachdem der Name ERMA fiel, kam prompt freilich die Antwort „kenne ich nicht“. Ein Grund mehr, sich eingehender mit dieser berühmten – und leider untergegangenen – Marke „Made in Germany“ mal wieder zu beschäftigen.
Über dem Regenbogen: Youngtimer ERMA ESP85A im Detail

Bei diesem Youngtimer, der ERMA ESP85A in der „Rainbow-Edition“, steht das Buchstabenkürzel für: ErmaSportPistole85Aufgerüstet. Die limitierte Sonderedition steht für ein mehrfarbiges Exemplar – und ja, schon in den 80ern sprach man von Regenbogen – nur halt anders. Die ESP85 wurde von ERMA anno 1985 auf den Markt gebracht und erfreute sich direkt größerer Beliebtheit, auch in Jägerkreisen, wo dieses Modell für die DJV-Disziplin „Fertigkeitsschießen“ bis heute noch im Einsatz zu sehen ist, war sie doch zu dieser Zeit eine echte Alternative zu den auf dem Markt befindlichen Modellen anderer Hersteller von sportlichen Kleinkaliberpistolen. Mit der Herstellung von Sportpistolen betrat ERMA im Nachkriegsdeutschland für eigene Begriffe Neuland (sieht man von der ESP72 ab) und es wurden im Laufe der Produktionszeit diverse Varianten und Sondereditionen aufgelegt. Hier wären beispielsweise zu nennen die ESP85 und ESP85A, sowie die Sondermodelle „Jäger“, „Junior“, Rainbow-Edition“, „Golden Target 93“ oder die seltene „Germania-Edition“. ERMA produzierte die Sportpistole in den Kalibern .22 Long Rifle und .32 S & W Wadcutter – natürlich auch als Komplettpaket von Pistole und Wechselsystem. Obwohl der Produktionszeitraum die Jahre 1985 bis 1997 umfasste, wurden anschließend vorhandene Bestände noch bis ins Jahr 2001 vertrieben. So rief etwa Frankonia im Katalog 2000/2001 einen Preis von 1.499 Mark für das ESP85A Jägermodell auf. Das Modell Junior mit „Jägergriff“ gab es bereits für 999 Mark. In Summe dürften etwa 16 200 Einheiten gebaut worden sein. Als höchste Seriennummer ist 023919 bekannt (produziert in Suhl aus noch vorhandenen Teilen im Jahr 2000). Begonnen wurde bei der ESP85A mit der Seriennummer 5000.

Wie schon ausgeführt, gibt es Unterschiede zwischen den Modellen, die mit ESP85 und ESP85A gekennzeichnet sind. Beide Varianten konnten entweder mit 100 mm (4 Zoll) oder 153 mm (6 Zoll) langem Lauf bestellt werden. Das hier vorgestellte Exemplar trägt das Beschusszeichen KE verbunden mit dem Ortszeichen des Beschussamtes von Mellrichstadt, was auf eine Fertigung von 1994 schließen lässt. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Rainbow Edition für 800 Mark bei Frankonia verkauft. Äußerliches Markenzeichen war der bunte, aus Schichtholz gefertigte und verstellbare Match-Griff, der von der Firma Nill im Auftrag von ERMA entwickelt wurde, sowie der außen-liegende Hahn. Ferner eine in Höhe und Seite einstellbare Mikrometervisierung, die das ERMA-Logo trägt, dazu ein hinterschnittenes Korn und ein 120 Gramm schweres Laufgewicht. Nicht zu übersehen: Das in großen Lettern auf der linksseitigen Laufseite aufgebrachte Logo „Rainbow-Edition“. Im Gegensatz zum brünierten Lauf wurde der Verschluss vernickelt. Geliefert wurde die Pistole seinerzeit gemeinsam mit einem zweiten (brünierten) einreihigen Magazin aus Stahl ohne Griffschuh, das „Haupt“-Magazin (mit Griffschuh) ist ebenfalls vernickelt. Weiteres mitgeliefertes Zubehör waren ein zweites „großes“ Laufgewicht (180 g), ein zweites Korn (4 mm), eine Wechselkimme und diverses Werkzeug. An Papieren waren die Bedienungsanleitung, eine Anschussscheibe und die grüne Garantiekarte dabei. Zur Waffe wurde später als Zubehör noch ein sogenannter Jägergriff erworben, um damit auch beidhändig schießen zu können. Geliefert wurde das Ganze dann in einem Pistolenkoffer aus Hartplastik.
Technik und Verarbeitung der ERMA ESP85A

Die Waffe arbeitet wie für KK-Pistolen üblich mit einem Masseverschluss und verfügt über ein Single Action-System mit außenliegendem Hahn. Die Sicherung ist linksseitig außenliegend und ähnelt optisch dem Sicherungs/Entspannhebel der Walther P38/P1. Das Magazin fasst in der Variante in .22 l.r. acht Patronen. Bei der Version im Kaliber .32 S & W WC beträgt die Kapazität fünf Patronen. Die ESP85 verfügt außerdem über einen einfacheren, komplett aus Stahl gefertigten Abzug, während die vorliegende ESP85A einen voll verstellbaren Match-Abzug für den Vorzug als auch für den Abzugswiderstand besitzt. Ab Werk betrug der Abzugswiderstand 1.360 Gramm und kann bis zirka 1.100 Gramm nach unten korrigiert werden. Der Abzug der vorliegenden Waffe irritiert nicht durch Kratzen oder Durchfallen und bricht nach Überwindung des Abzugswiderstandes völlig trocken. Die aus Plastik gefertigte Handschutzkappe, im Prinzip ein aufschiebbares Kunststoff-„Beavertail“ am Griffrücken, erscheint eher als ein Verschleißteil und wurde bereits ausgetauscht. Da auch die neu angebrachte Schutzkappe gebrochen war, wurde sie behelfsmäßig geklebt und wird irgendwann ausgetauscht werden gegen ein individuell gefrästes Teil.
Die ERMA ESP85A Rainbow im Einsatz auf dem Schießstand:
Die ERMA kommt ohne größere Reinigung aus. Einige Tropfen Öl an den richtigen Stellen genügen ihr, um zuverlässig zu repetieren. Die Demontage von Lauf und Verschluss zum Reinigen oder um das Wechselsystem einzusetzen geht sehr einfach von der Hand: Bei geöffnetem Verschluss und entnommenem Magazin wird die Innensechskant-Halteschraube oberhalb des Abzugsbügels gelöst. Durch Betätigung des Verschlussfanghebels wird dann der Schlitten nach vorne abgenommen, fertig. In den nunmehr fast 20 Jahren „Dauertest“ überzeugte die ESP5A durch Zuverlässigkeit und Präzision. Funktionsstörungen waren die absolute Ausnahme. Mit der richtigen Munition lässt sich nach all den Jahren noch problemlos die Zehn der DSB-Pistolenscheibe halten.
Kommen wir zur Präzision mit Munition verschiedener Fabrikate: Grundsätzlich kommt die ESP85A mit fast jeder Sorte Patronen ohne Funktionsstörungen zurecht – mit Ausnahme von High Velocity-Patronen, die sie absolut nicht mag. Lediglich mit der einfachen CCI gibt es Probleme. Hier neigt die Testpistole latent zu Ladehemmungen. Angespornt durch den Bericht stand nun die Frage im Raum: „Was bringt eine über 30 Jahre alte Pistole noch an Präzision?“ Hierzu wurde eine Ransom-Rest-Schießmaschine herangezogen und die ERMA eingespannt. Die über eine Schussdistanz von 25 Metern erzielten Ergebnisse erwiesen sich als sehr befriedigend. Selbst die schlechteste Laborierung blieb umschlossen unter 45 Millimeter. Den Bestwert schaffte die Eley Tenex mit 21 mm, also klar innerhalb der Innenzehn der DSB-Pistolenscheibe (25 mm Durchmesser). Die Schussbilder waren zudem alle rund und man konnte nicht feststellen, dass irgendein Fabrikat absolut ungeeignet gewesen wäre. Getestet wurde mit RWS Pistol Match, Rifle Match, Special Match, Elex Tenex, Lapua Midas, GECO und einer CCI-Laborierung aus der Schüttpackung.
Als fummelig ist die Bedienung des Magazinauslösers zu bezeichnen. Der findet sich unten am Griffstück unter dem Griff und erinnert ähnlich wie der Sicherungsflügel ein wenig an den Auslöser der P38/P1. Ein Problem bei allen Waffen, die nicht mehr produziert werden und deren Hersteller inzwischen nicht mehr existiert, ist ganz klar die Ersatzteilversorgung. Hier ist man auf diverse Plattformen im Internet angewiesen, um ein begehrtes Ersatzteil noch zu erhaschen. Eine gute Adresse für Ersatzteile dieser Pistole ist aber auch die Firma CDS Ehrenreich aus Neukirchen bei Sulzbach-Rosenberg. Hier lohnt ein Anruf immer.

Technische Daten und (damaliger) Preis: ERMA ESP85A Rainbow Edition
| Modell: | ERMA ESP85A Rainbow Edition |
| Kaliber | .22 l.r. |
| Kapazität: | 5/8 Patronen |
| Lauflänge: | 153 mm |
| Visierlänge: | 200 mm |
| Ausschnitt Kimme: | 3,5 mm |
| Kornbreite: | 3,5 mm |
| Abzugswiderstand: | 1.000–1.360 g |
| Gewicht: | 1.140 g |
| Laufgewicht: | 120 und 180 g |
| Abmessungen: | 255 mm x 45 mm x 130 mm |
| Preis: | 800,- DM (1993) |
| Ausstattung: | Ersatzmagazin, Triggerstop, Vorzug einstellbar, zweites Laufgewicht, Nill-Griff, Mikrometerkimme. |
Fazit: Das kann der Youngtimer ERMA ESP85A Rainbow
Natürlich kann (und soll) sie nicht mit den modernen High Tech-Sportgeräten à la Walther GSP500 mithalten. Sowohl die Griffergonomie als auch das Schussverhalten sind völlig anders. Die ESP85A ist aber auch heute noch eine gute kleinkalibrige Einsteigerpistole, die ihre Daseinsberechtigung völlig zu Recht hat und auf den Schießstand gehört: Sei es fürs Plinking oder Freizeitschützen, Einsteiger im Bereich sportliches Kleinkaliberschießen, zum günstigen Training oder auch für das Fertigkeitsschießen nach DJV-Regeln. Zugute kommt ihr, dass die ERMA zu kleinen Preisen auf dem Gebrauchtmarkt erhältlich ist. Ein voll ausgestattetes Exemplar ist für maximal 400 Euro erhältlich. Hat man das Glück, an ein gutes Exemplar der ESP85A (und nicht an eine ausgeschossene Vereinswaffe) zu kommen, dann hat man ein für Durchschnittsschützen ohne Hang zu größeren schießsportlichen Ehren eine gute Sportpistole, die zuverlässig, langlebig und präzise auch heute ihrem Besitzer gute Dienste in vielen Disziplinen leisten wird.
Text: Frank H. Neis
Redaktion: Hamza Malalla
Dieser Test erschien auch in der VISIER, Ausgabe 3/2026. Dort sind nicht nur die Schießergebnisse der 7 Laborierungen in der praktischen Übersichtstabelle enthalten, sondern auch ein Exkurs zum Hersteller ERMA. Das Heft können Sie im VS Medien-Shop online kaufen. Dort steht es auch als ePaper zur Verfügung.










