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Besuch bei SIG Sauer: Waffen aus der Behördenabteilung

Sturmgewehr SIG Sauer MCX im Test auf dem Schießstand

Wir statteten der SIG Sauer Behördenabteilung einen Besuch ab und erhielten tiefe Einblicke in die aktuelle Fertigung wie auch ehrgeizige Zukunftsprojekte. Zudem konnten wir die Kompakt-Dienstpistole P320, die Maschinenpistole MPX und das Sturmgewehr MCX auf dem Schießstand testen. Was es zu berichten gibt, erfahren Sie hier!

Das Team von all4shooters.com // Text: Stefan Perey / caliber, Fotos: Tino Schmidt

Bekanntermaßen wurde der deutsche Standort von SIG Sauer in Eckernförde, Schleswig-Holstein, in den letzten Jahren etwas stiefmütterlich behandelt und vernachlässigt. Der Fokus des Herstellers hatte sich zugunsten der riesigen, boomenden US-Tochter in Exeter und Newington, New Hampshire, verlagert. Die unschöne Folge: Der vorhandene Stamm von insgesamt 500 Mitarbeitern schrumpfte auf gerade einmal 50 Angestellte. Diese Entwicklung veranlasste nicht wenige Insider zu voreiligen Vermutungen.


Man wähnte den, im Jahr 1751 gegründeten und somit ältesten Waffenhersteller Deutschlands kurz vor dem endgültigen Aus. Doch allen Unkenrufen zum Trotz herrscht am Standort von SIG Sauer inzwischen eine ambitionierte Wiederaufbaustimmung vor. Es wird tüchtig in Maschinen und Personal investiert. Mittlerweile sind schon wieder über 100 Angestellte in Eckernförde beschäftigt – Tendenz steigend.

Gebäude der SIG Sauer Behördenabteilung von außen am Standort in Eckernförde
Expansionskurs in Eckernförde: Voller Tatendrang hat SIG Sauer auch im europäischen Behördenmarkt ambitionierte Ziele.
Werkshalle der SIG Sauer Behördenabteilung in Eckernförde
Am Standort in Eckernförde investiert SIG Sauer tüchtig in Mitarbeiter und Maschinen. Schließlich hat der Hersteller im Behördengeschäft viel vor.

Medien-Hype um SIG Sauer

Polizei-Dienstpistole SIG Sauer P320 Compact TR im Test auf dem Schießstand
Die Dienstpistole SIG Sauer P320 Compact TR-Version mit 3.500 Gramm Abzugsgewicht ist im Vergleich zu einer P320 Standard gewöhnungsbedürftig.

Dabei war das Traditionsunternehmen in der jüngeren Vergangenheit ohnehin ins Interesse der Öffentlichkeit gerückt und in Massenmedien – etwa "Bild" oder "Die Welt" – präsent. Schließlich hatte die amerikanische SIG Sauer-Tochter mit der Pistole P320 (alias XM17) nach langen Testreihen die Ausschreibung rund um das "Modular Handgun System" der United States Army gewonnen. Noch während unseres Aufenthalts in den USA anlässlich der diesjährigen SHOT Show, gab das US-Verteidigungsministerium am 19. Januar 2017 bekannt, dass der MHS-Auftrag voraussichtlich Anfang des Jahres 2027 abgeschlossen wird: er umfasst 280.000 Pistolen, Zubehör wie auch Munition und ist mehr als 540 Millionen Euro wert.


Dieser prestigeträchtige Mega-Deal hat natürlich einiges an Signalwirkung in der internationalen Behördenwelt. Folglich sorgt er bei SIG Sauer in Eckernförde für Aufwind. Zumal auch in Europa einige vielversprechende Behördenausschreibungen anstehen. Und so hat Franz von Stauffenberg als Geschäftsführer mit seinem fünfköpfigen Führungsteam der Defence Division eine Menge vor. Inzwischen befindet sich der Oberstleutnant der Reserve seit 14 Monaten im Amt. Ihm zur Seite stehen als Geschäftsführer Tim Castagne (Zivilmarkt) und Till Hake (Operations).

SIG Sauer P320: Siegeszug einer Dienstpistole

Zertifikat für die Dienstpistole SIG Sauer P320 Compact nach der Technischen Richtlinie Pistolen im Kaliber 9 x 19 mm
Im April 2017 erhielt die Dienstpistole SIG Sauer P320 die Zertifizierung nach der Technischen Richtlinie "Pistolen im Kaliber 9 x 19 mm".
Griffstücke Dienstpistole SIG Sauer P320 Seitenansicht rechts
Die SIG Sauer P320 mit Schlagbolzenschloss erblickte im Jahr 2014 das Licht der Welt. Die Kurzwaffe ist der Nachfolger der 2006 erschienenen P250 DCc mit außenliegendem Schlagstück.

Es passt also gut ins Konzept, dass die Dienstpistole SIG Sauer P320 am 13. April 2017 die Zertifizierung nach der Technischen Richtlinie "Pistolen im Kaliber 9 x 19 mm" vom Januar 2008 (TR2008) erhielt. Denn in Bayern oder Berlin sollen bald um die 40.000 respektive 20.000 neue Polizei-Dienstpistolen angeschafft werden. 


Dabei tritt SIG Sauer dann mit der P320 gegen Mitbewerber wie beispielsweise die Heckler & Koch SFP 9 oder die Walther PPQ an. Auch die Ablösung der, im Jahr 1992 eingeführten und noch aktuellen Bundeswehrdienstpistole – Heckler & Koch P8 – dürfte bald fällig sein.


Vor Ort konnten wir eine P320 Compact TR mit einer P320 in Standardausführung auch auf dem Schießstand vergleichen. Um die TR-Anforderungen zu erfüllen, mussten umfangreiche Modifikationen an der im Jahr 2014 vorgestellten Waffe vorgenommen werden. Die SIG Sauer P320 ist eine innovative Polymerrahmenpistole mit Schlagbolzenschloss, zentralem Multifunktions-Metallgehäuse (das die Seriennummer trägt) und wechselbaren Griffstücken in den drei Größen S, M und L.

Die Serienfertigung am deutschen Standort von SIG Sauer in Eckernförde für den europäischen Markt ist bereits angelaufen. Sie wird noch im Jahr 2017 den Vollbetrieb aufnehmen.

Was macht die Multikaliber-Maschinenpistole SIG Sauer MPX aus?

Modulare Multikaliber-Maschinenpistole SIG Sauer MPX in der Seitenansicht von rechts
Die Vollmetall-Maschinenpistole SIG Sauer MPX überzeugt in punkto Bedienung und Schussverhalten. Dabei ist eine hohe Lebensdauer zu erwarten.
Modulare Maschinenpistole SIG Sauer MPX in Einzelteile zerlegt
In ihre Hauptbestandteile zerlegte Maschinenpistole SIG Sauer MPX.
Der trichterförmige Magazinschacht-Eingang der Multikaliber-Maschinenpistole SIG Sauer MPX erleichtert flüssige, schnelle Magazinwechsel.
Der trichterförmige Magazinschacht-Eingang der Multikaliber-Maschinenpistole SIG Sauer MPX erleichtert flüssige, schnelle Magazinwechsel.

Es ist kein großes Geheimnis, dass sich "die" deutsche Maschinenpistole in Gestalt der seit dem Jahr 1964 produzierten Heckler & Koch MP5 in 9 x 19 mm langsam dem Rentenalter nähert. Schließlich ist die Waffe in nicht mehr allen Ausstattungsdetails zeitgemäß. Und zwar obwohl HK mit der MP5A5 und dem MLI-Programm ("Mid-Life-Improvement") den bewährten Klassiker stets aktualisiert hatte. Somit dürften sich also auch hier in nicht allzu ferner Zukunft Umrüstungen auf breiter Ebene ereignen.


In diesem Metier weiß SIG Sauer mit der jungen Multikaliber-Maschinenpistole MPX zu überzeugen. Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal: Während die MP5 auf einem beweglich abgestützten Rollenverschluss basiert, baut die MPX auf einem indirekten Gasdruckladesystem mit Multiwarzen-Drehkopfverschluss auf


Aufgrund dieser starren Verriegelung bietet sie gegenüber dem Klassiker höchste Sicherheit bei Geschossvorlage – dem erneuten Abfeuern der Waffe bei einem noch im Rohr befindlichen Projektil.


Die SIG Sauer MPX ist in der Konstruktion multikaliberfähig: Der Hersteller offeriert die modulare Maschinenpistole in den USA neben 9 mm Luger auch in .357 SIG und .40 Smith & Wesson. In Deutschland wird sie sinnigerweise lediglich im dominierenden Kaliber – 9 x 19 mm – angeboten.


Hinsichtlich der Bedienung mit AR-typischem T-förmigen Ladehebel an der Rückseite des Verschlussgehäuses sowie beidseitig ausgelegten Bedienelementen ist die MPX sowohl mit dem Sturmgewehr SIG Sauer MCX als auch mit dem halbautomatischen Präzisionsgewehr SIG Sauer 716 G2 in 7,62 x 51 mm NATO absolut identisch. Das Resultat: Ausbildungs- sowie Trainingszeiten und -kosten werden deutlich reduziert.


Die Waffe mit schnell demontierbarem KeyMod-Leichtmetallhandschutz ist modular aufgebaut und bietet unterschiedliche Schulterstützen-Konfigurationen: Schiebeschulterstütze, längenverstellbare Klappschulterstütze, klappbare Winkelschulterstütze für Verwendung mit Helmen mit ballistischem Visier. Die modulare Maschinenpistole MPX wird von SIG Sauer natürlich in verschiedenen Lauflängen angeboten. Außerdem kann sie mit einem Schalldämpfer bestückt werden.

Sturmgewehr SIG Sauer MCX: Der neue Anwärter für die Bundeswehr?

Seitenansicht des modularen Sturmgewehrs SIG Sauer MCX
SIG Sauer MCX-Sturmgewehr im Kaliber 5,56 x 45 mm NATO mit 11" (292 mm)-Lauflänge. Das Multikaliber-Gewehr kann im Handumdrehen auf .300 AAC Blackout umgerüstet werden.
SIG Sauer 716 G2 DMR und Sturmgewehr MCX im Vergleich
Das gleiche Handling setzt sich auch bei den Gewehren der 716er-Baureihe in 7,62 x 51 mm NATO fort: Oben ein SIG Sauer 716 G2 DMR und unten ein MCX im identischen, sandfarbenen Farbton.
Maschinenpistole SIG Sauer MPX und Sturmgewehr SIG Sauer MCX mit identischer Bedienung wie bei einem AR-Gewehr
Die Maschinenpistole SIG Sauer MPX (links) und das Sturmgewehr SIG Sauer MCX (rechts) sind hinsichtlich der Bedienung mit einem AR-Gewehr identisch.
Multikaliber-Sturmgewehr SIG Sauer MCX mit eingeklappter Schulterstütze
Die klappbare Schulterstütze ist beim AR-verwandten SIG Sauer MCX konstruktiv möglich, weil keine Schließfeder im Schulterstützen-Rohr geführt wird. Die doppelte Schließfedereinheit sitzt über dem Verschlussträger im Gehäuse des Sturmgewehrs.

In den nächsten Jahren schreibt die Bundeswehr in 2 Tendern ein neues Sturmgewehr für das Kommando Spezialkräfte (KSK) wie auch die gesamte Truppe aus. Diese Waffe wird die Nachfolge des Heckler & Koch G36 antreten. Dabei geht es um rund 100.000 Gewehre. SIG Sauer wird sich mit seinem MCX mit der Konkurrenz messen lassen müssen: etwa Heckler & Koch HK433 oder Rheinmetall/Steyr RS 556. Dem Vernehmen nach mussten die Hersteller bereits im August 2017 jeweils 40 Testwaffen an die Elite nach Calw liefern. 


Allerdings sind die Anforderungsprofile der Spezialkräfte und der normalen Truppe doch sehr unterschiedlich. Denn bei den bestens ausgebildeten Operateuren steht beispielsweise eine Mindestschussbelastung von 30.000 Patronen im Vordergrund. Bei dem standardmäßigen Dienstgewehr für die Masse der Soldaten hingegen geht es auch um Ausstattungsmerkmale wie eine Bajonett-Halterung.

Modulares Multikaliber-Sturmgewehr SIG Sauer MCX in Einzelteile zerlegt
Demontiertes SIG Sauer MCX: Ein Kaliberwechsel des Sturmgewehrs von 5,56 x 45 mm auf .300 AAC Blackout ist durch den Austausch des Laufes ruckzuck bewerkstelligt.
Sturmgewehr SIG Sauer MCX in Deutschland hergestellt
Das modulare Sturmgewehr SIG Sauer MCX wird in kleinen Serien bereits in Deutschland gefertigt – wie die Markierung beweist.

SIG Sauer hat bei dem MCX die Wandlungsfähigkeit des AR-inspirierten Basissystems konsequent ausgebaut. Schließlich handelt es sich um ein Sturmgewehr, das hinsichtlich Kaliber, Lauflänge und Schulterstütze für verschiedene Einsatz-Szenarios konfiguriert werden kann. 


Das Multikaliber-Gewehr mit indirektem Gasdruckladesystem mit Kurzhub-Impulsstange und Multiwarzen-Drehkopfverschluss steht in Deutschland in zwei wechselbaren Kalibern zur Auswahl: 5,56 x 45 mm NATO und .300 AAC Blackout (7,62 x 35 mm).


Bei dem MCX sitzt keine "Bufferfeder" in der Schulterstützen-Einheit. Hierbei sind zwei auf Stangen geführte Schließfedern über dem Verschlussträger positioniert. Dies ergibt wiederum die Möglichkeit der Verwendung von unterschiedlichen Klapp- und Schiebeschäften. Zudem lässt sich das modulare Sturmgewehr SIG Sauer MCX auch komplett ohne Schulterstütze als ultrakurze PDW-Waffe nutzen.


Die Versionen des Sturmgewehrs SIG Sauer MCX im konventionellen 5,56 x 45 mm NATO-Kaliber sind in den Lauflängen 11,5"/292 mm, 14,5"/368 mm, 16,5"/368 mm und 18"/547 mm erhältlich. Die .300 Blackout kann mit Subsonic-Laborierung im Unterschallbereich überzeugen. Mit konventioneller Munition liefert sie auf längere Distanzen mehr Energie, Masse und Querschnitt als die Patrone 5,56 x 45 NATO. Dabei stehen dem Anwender Lauflängen von 6,75"/171 mm und 9"/228 mm zur Verfügung.

Weitere Informationen zu den Behördenwaffen von SIG Sauer erhalten Sie direkt auf der neu gestalteten Webseite des Herstellers.


Den Artikel zum Besuch bei der SIG Sauer Behördenabteilung finden Sie in der caliber 6/2017. Diese caliber-Ausgabe können Sie ganz bequem im VS Medien Online-Shop bestellen.


Hier kommen Sie direkt zur digitalen Version der caliber 6/2017.



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